
Das Erwachen der Stille
Ein Schicksal aus Stahl, eine Armee aus Schatten und die Stille, die alles verschlingt
by Christian Pfau
In den vergessenen Gipfeln des Teren-Gebirges erwacht eine Bedrohung, die älter ist als die Menschheit selbst. Thorn ist nur ein Schmied aus dem Dorf Dunlar, ein Mann, der Stahl formt, um seine Familie vor dem Hunger zu bewahren. Doch als er sich auf die Suche nach den legendären Ataras-Blüten begibt, bricht seine Welt in Flammen auf. Die Jägergilde von Wandersheim überfällt seine Heimat, mordet ohne Gnade und verschleppt seine jüngste Schwester Auri in die Finsternis der Katakomben. Getrieben von Rache und der Hoffnung auf Rettung, muss Thorn sich mit dem mysteriösen Waldwesen Etàr und der abtrünnigen Jägerin Ilira verbünden. Während sie tief in die Eingeweide der Stadt vordringen, um ein finsteres Blutritual des Calduin-Ordens zu vereiteln, rückt eine unaufhaltsame Macht näher: Die Kinder der Stille – eine Armee aus Holz und Schatten, die kein Mitleid kennt. Zwischen Verrat, uralter Magie und dem Echo der Vergangenheit muss Thorn entscheiden, was er bereit ist zu opfern. Denn wenn die Stille erwacht, bleibt kein Stein auf dem anderen.
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- Epic Fantasy
- Sword & Sorcery
- Quest Adventure
1. Der Schmied von Dunlar
Die Esse glühte in sattem Orange, und Thorn spürte die Hitze wie eine zweite Haut auf seinem Gesicht. Draußen kroch der Frost durch die Astlöcher der Bretterwand, doch hier drinnen, zwischen Amboss und Blasebalg, herrschte eine andere Welt. Der Geruch von heißem Eisen und Kohlenstaub hing schwer in der Luft, kroch ihm in die Nase, in die Kleidung, unter die Haut. Es war ein Geruch, den er sein ganzes Leben kannte, seit er als Junge neben seinem Vater gestanden und die ersten Hiebe auf glühendes Metall geübt hatte. Für andere mochte es nach verbranntem Holz und Ruß riechen. Für Thorn roch es nach Zuhause.
Er hob den Hammer, ließ ihn auf die Klinge niedersausen, die er seit dem frühen Morgen bearbeitete. Ein dumpfer Schlag, dann noch einer, das metallische Klirren hallte von den geschwärzten Wänden wider. Die Klinge war für Hedvars ältesten Sohn bestimmt, eine einfache Sichel, nichts Aufregendes, aber sie musste halten. Alles, was aus seiner Schmiede kam, musste halten. Das war sein Name, sein Erbe, das dritte Geschlecht der Schmiede von Dunlar, und er würde es nicht mit schlechter Arbeit beschmutzen, ganz gleich, wie dünn das Eisen war, mit dem er arbeiten musste.
Er hielt inne und betrachtete die Klinge im schwachen Licht. Etwas an der Farbe des Metalls gefiel ihm nicht. Zu grau, zu stumpf, ohne den satten Glanz, den gutes Eisen haben sollte. Seit die Blockaden zwischen Grint und Trias begonnen hatten, kam kaum noch brauchbares Roheisen über die Handelswege in den Norden. Was ankam, war entweder von zweifelhafter Reinheit oder so teuer, dass Thorn zweimal überlegen musste, bevor er einen einzigen Barren kaufte. Zwei Jahre Krieg zwischen den beiden Reichen, und Dunlar, das genau zwischen ihnen lag, bezahlte den Preis, ohne selbst einen Pfeil abgeschossen zu haben.
Er legte den Hammer beiseite und wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn. Schweiß, trotz der Kälte draußen, trotz des Windes, der durch jede Ritze der Schmiede pfiff. An der Wand hingen seine Werkzeuge, jedes an seinem festen Platz, wie sein Vater es ihm beigebracht hatte: die Zangen in absteigender Größe, vom groben Fasszangen bis zur schmalen Spitzzange für filigrane Arbeiten. Darunter die Hämmer, der schwere Vorschlaghammer, den er kaum je benutzte, der Kreuzhammer für die Rundungen, und sein Lieblingsstück, der leichte Schlichthammer mit dem abgewetzten Eschenstiel, den schon sein Großvater in der Hand gehalten hatte. Der Amboss selbst, ein Erbstück aus grauem Stahl, trug tiefe Kerben von Jahrzehnten der Arbeit, kleine Narben, die von jedem Schmied erzählten, der je in dieser Werkstatt gestanden hatte.
Thorn betrachtete die Kerben eine Weile, ließ die Finger über das kalte Metall gleiten. Manchmal, wenn die Arbeit ihn müde machte und der Rauch der Esse ihm die Augen schwer werden ließ, glaubte er, in diesen Narben etwas zu erkennen, das über bloße Abnutzung hinausging. Muster, die sich wiederholten. Unsinn, dachte er dann, Erschöpfung, die einem Streiche spielt. Doch heute Morgen, nach einer weiteren durchwachten Nacht, kam ihm der Gedanke wieder, hartnäckiger als sonst.
Der Traum war zurückgekehrt. Immer derselbe, in unterschiedlichen Schattierungen: Erde, die atmete. Wurzeln, die sich unter seinen Füßen wanden wie Adern unter Haut. Und eine Stimme, nein, mehr als eine Stimme, ein Flüstern aus tausend Kehlen, das aus dem Stein selbst zu kommen schien, zu leise, um Worte zu erkennen, aber laut genug, um ihn jedes Mal schweißgebadet aufwachen zu lassen. In dieser Nacht hatte er geglaubt, seinen eigenen Namen zu hören, geformt von etwas, das keine Zunge und keine Lippen besaß. Er hatte sich aufgesetzt, das Herz hämmernd, und für einen langen Moment nicht gewusst, wo er war.
Ein Poltern an der Tür riss ihn aus den Gedanken. Edd kam herein, den Kragen seines abgetragenen Mantels bis zum Kinn hochgezogen, die roten Haare vom Wind zerzaust. Er war in den letzten Monaten noch gewachsen, überragte inzwischen die meisten Männer im Dorf um eine gute Handbreit, weshalb ihn manche noch immer, mit einem Grinsen, "der kleine Edd" nannten. Er war fünfzehn, würde bald sechzehn werden, und trug seinen Körper noch mit der Ungeschicklichkeit eines Jungen, der nicht recht wusste, wohin mit seinen langen Gliedern.
"Schon wach, Meister?", fragte Edd und rieb sich die Hände über der Esse. "Oder hast du überhaupt geschlafen?"
"Ein wenig", sagte Thorn. Mehr wollte er nicht sagen. Über die Träume sprach er nur ungern, selbst mit Edd nicht, der ihm inzwischen näher stand als mancher Bruder es je könnte.
Edd musterte ihn mit einem Blick, der mehr wusste, als er aussprach. "Wieder die Erde?"
Thorn zögerte, dann nickte er knapp. "Wurzeln. Steine. Als würden sie reden."
"Klingt, als hättest du zu viel von Merens Dünnbier getrunken." Edd grinste, doch das Grinsen erreichte seine Augen nicht ganz. "Das dritte Mal diesen Monat, oder? Vielleicht solltest du zum Heiler nach Fellmark gehen."
"Der nächste Heiler ist drei Tagesritte entfernt, und ich hab weder das Geld noch die Zeit." Thorn nahm die Zange und drehte die Klinge im schwachen Licht der Esse, prüfte sie erneut. "Außerdem ist es nur ein Traum. Träume bringen einen nicht um."
"Nein", sagte Edd, "aber schlechtes Eisen schon, wenn du damit einen Pflug schmiedest, der beim ersten Stein bricht." Er trat näher, betrachtete die Klinge über Thorns Schulter. "Das Zeug, das der Händler letzte Woche gebracht hat, taugt nichts. Sieh's dir an, es ist grau wie Asche."
"Ich weiß." Thorn seufzte. "Aber es war das Einzige, was ich mir leisten konnte. Der Preis für gutes Eisen hat sich seit dem Frühjahr verdreifacht. Wenn der Krieg noch ein Jahr so weitergeht, werden wir bald mit Holz und Gebeten schmieden müssen."
Edd lachte kurz, ein Geräusch ohne echte Freude darin. "Grint und Trias kämpfen um irgendeinen verdammten Flussübergang dreihundert Meilen von hier, und wir hungern dafür. Das ist die Gerechtigkeit der großen Herren."
Thorn antwortete nicht sofort. Er legte die Klinge zurück auf den Amboss, betrachtete sie mit gerunzelter Stirn. Zu grau, zu stumpf, aber sie würde halten müssen. Alles musste halten, in diesen Zeiten.
"Wie viele Aufträge haben wir diese Woche?", fragte er schließlich.
"Hedvars Sichel. Ein paar Nägel für den Töpfer. Und Aldric wollte kommen wegen eines Beschlags, aber ich glaube nicht, dass er das Geld dafür hat." Edd zählte an den Fingern ab, als könnte das die karge Liste irgendwie umfangreicher erscheinen lassen. "Das ist alles."
Das war es also. Eine Sichel, ein paar Nägel, ein Beschlag, den vielleicht niemand bezahlen würde. Vor drei Jahren hätte er in dieser Zeit ein Dutzend Aufträge gehabt, hätte kaum Schlaf gefunden vor lauter Arbeit. Jetzt war die Stille in der Werkstatt fast so laut wie das Hämmern selbst.
Er trat zur Tür und öffnete sie einen Spalt. Kalte Luft schlug ihm entgegen, roch nach nassem Laub und dem ersten Hauch von Schnee, der in den Bergen bereits gefallen sein musste. Der Himmel über Dunlar war grau in grau, tief hängend, als drückte er das Dorf in den Boden. Zu kalt für diese Jahreszeit, viel zu kalt, dachte Thorn, nicht zum ersten Mal in diesem Herbst.
Und da war noch etwas anderes. Eine Stille, die tiefer ging als bloße Kälte. Keine Vögel sangen an diesem Morgen. Kein Hahn krähte vom Hof des Nachbarn. Selbst die Hunde, die sonst bei jeder Gelegenheit bellten, lagen still vor ihren Hütten, die Ohren angelegt, als würden sie auf etwas warten, das nur sie hören konnten.
"Merkst du das auch?", fragte er, ohne sich umzudrehen.
Edd trat neben ihn und schaute hinaus. "Was?"
"Die Stille."
Edd horchte einen Moment, den Kopf leicht schief gelegt. "Es ist Herbst. Da wird's ruhiger."
"Nicht so ruhig." Thorn deutete zum Feld hinter der Schmiede, wo Aldrics Rüben eigentlich noch stehen sollten, doch die Blätter hingen schlaff und braun, viel zu früh verwelkt für die Jahreszeit. "Die Ernte verdirbt, obwohl der erste richtige Frost noch aussteht. Meren hat letzte Woche erzählt, dass ihr Brunnen bitter schmeckt. Und Aldrics Kuh hat aufgehört zu fressen, einfach so."
"Vielleicht ist es nur ein schlechtes Jahr." Edds Stimme klang nicht ganz überzeugt.
"Vielleicht", sagte Thorn, doch das Wort blieb ihm schwer im Mund liegen, wie ein Bissen, den er nicht recht schlucken konnte.
Aus der Ferne, vom Haus her, das direkt hinter der Schmiede lag, ertönte Linas Stimme, hell und warm gegen die graue Stille des Morgens. "Thorn! Edd! Das Frühstück wird kalt!"
Edd war sofort in Bewegung, mit dem Enthusiasmus eines Jungen, dem der Magen lauter grollte als der Verstand vernünftig dachte. "Endlich. Ich könnte einen ganzen Ochsen essen."
Thorn folgte langsamer, warf noch einen letzten Blick auf das verwelkte Feld, bevor er die Tür der Schmiede hinter sich schloss.
Das Haus war klein, aber warm, und der Duft, der ihm entgegenschlug, ließ ihn augenblicklich innehalten. Gebratener Speck. Er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal Speck gerochen hatte, echten, fetten Speck, der in der Pfanne knisterte und den ganzen Raum mit seinem würzigen Geruch füllte. Auf dem Tisch stand außerdem frisches Brot, noch dampfend, und daneben ein kleiner Topf mit Honig, den Lina sonst für besondere Anlässe aufhob.
"Was ist das hier?", fragte Thorn, blieb in der Tür stehen und musterte den Tisch mit einer Mischung aus Freude und wachsendem Unbehagen.
Lina stand am Herd, eine Strähne ihres kastanienbraunen Haares hatte sich aus dem Knoten gelöst und klebte an ihrer schweißfeuchten Stirn. Mehl bedeckte eine ihrer Wangen, ein weißer Fleck, der sie jünger aussehen ließ, als sie war. Sie lächelte, dieses breite, aufmunternde Lächeln, das sie sich für ihre Geschwister aufsparte, ganz gleich, wie erschöpft sie war.
"Ein gutes Frühstück, für den Anfang", sagte sie und stellte die Pfanne auf den Tisch. "Setzt euch, bevor es kalt wird."
Auri saß bereits auf ihrem Platz, die Beine unter sich gezogen, und starrte mit großen Augen auf den Speck, als hätte sie noch nie etwas so Wunderbares gesehen. Ihr blondes Haar war zu zwei ungleichmäßigen Zöpfen geflochten, offensichtlich das Werk ihrer eigenen ungeduldigen Finger und nicht das von Lina.
"Ist heute ein Festtag?", fragte Auri und griff bereits nach einem Stück Brot, bevor Lina ihr einen strengen Blick zuwerfen konnte.
"Nein, mein Schatz. Ich dachte nur, wir könnten alle mal etwas Ordentliches essen." Lina setzte sich, faltete die Hände im Schoß, ein kurzes, stummes Ritual, das sie von ihrer Mutter übernommen hatte.
Edd hatte sich bereits die Hälfte des Specks auf seinen Teller geladen, kaute mit geschlossenen Augen, als würde er ein Gebet sprechen. "Das ist das Beste, was ich seit Wochen gegessen habe."
Thorn setzte sich langsamer, sein Blick blieb auf Lina haften. Etwas stimmte hier nicht. Speck war teuer, seit die Preise gestiegen waren, teurer noch als das Roheisen, mit dem er arbeitete. Sie hatten seit Wochen kaum genug Geld für Mehl und Rüben gehabt, und jetzt lag Speck auf dem Tisch, als wäre nichts geschehen.
"Lina", sagte er langsam, "wo hast du das Geld dafür her?"
Ihr Lächeln flackerte kurz, so kurz, dass er es fast übersehen hätte, wäre er nicht so aufmerksam gewesen. "Ich hab ein bisschen was gespart."
"Gespart wovon?" Er kannte ihre Rechnungsbücher, kannte jeden Kupferstück, das durch dieses Haus ging. Es gab kein Sparen, nicht in diesen Zeiten.
Auri, die kleine Auri, kaute noch an ihrem Brot, doch ihre Augen wanderten zwischen ihrer Schwester und ihrem Bruder hin und her, mit dieser wachen Aufmerksamkeit, die Siebenjährige manchmal an den Tag legten, wenn sie spürten, dass etwas Wichtiges verhandelt wurde.
"Lina hat die Brosche verkauft", sagte sie schlicht, ohne jede Bosheit in der Stimme, nur die einfache Wahrheit eines Kindes, das keinen Grund sah, etwas zu verschweigen.
Der Raum wurde still. Selbst Edds Kauen verlangsamte sich, bis er ganz aufhörte, den Blick zwischen den Geschwistern hin und her wandernd, unsicher, ob er noch dazugehörte.
"Auri", sagte Lina scharf, "das war ein Geheimnis."
"Du hast nicht gesagt, dass ich's Thorn nicht erzählen darf." Auris Stimme blieb ruhig, fast trotzig, ihr Blick unverwandt auf ihren Bruder gerichtet, als suchte sie dort nach einer Reaktion.
Thorn spürte, wie sich etwas in seiner Brust zusammenzog, kalt und schwer. Die Brosche. Die silberne Brosche mit dem eingravierten Mond, das einzige Schmuckstück, das ihrer Mutter gehört hatte und das den Brand des Vaters, die Krankheit, die Jahre der Armut überstanden hatte. Ihre Mutter hatte sie an besonderen Tagen getragen, an Festen, an ihrem Hochzeitstag mit dem Vater, und nach ihrem Tod hatte Lina sie in einer kleinen Holzschachtel aufbewahrt, wie eine Reliquie.
"Du hast Mutters Brosche verkauft", sagte er, seine Stimme leiser, als er beabsichtigt hatte.
Lina hob das Kinn, dieser vertraute, trotzige Zug, den er von ihr kannte, seit sie Kinder waren. "Ja, das habe ich."
"Warum hast du mir nichts gesagt?"
"Weil du genau so reagiert hättest, wie du gerade reagierst." Sie legte ihr Besteck ab, ihre Hände zitterten leicht, aber ihre Stimme blieb fest. "Weil du mir gesagt hättest, ich soll sie behalten, dass wir schon irgendwie durchkommen, während wir alle wissen, dass wir das nicht tun."
"Es war Mutters!"
"Und Mutter ist tot!" Linas Stimme brach kurz, dann fing sie sich wieder, ihre Augen glänzten feucht. "Sie ist tot, Thorn, und wir sind noch hier. Was hätte sie gewollt? Dass wir hungern, damit ihre Brosche in einer Schachtel liegt, oder dass ihre Kinder satt werden?"
Thorn öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, doch die Worte blieben ihm im Hals stecken. Sie hatte recht, natürlich hatte sie recht, aber die Wahrheit machte den Schmerz nicht kleiner. Diese Brosche war eines der letzten Dinge gewesen, die er anfassen konnte und dabei das Gefühl hatte, seine Mutter wäre noch irgendwie bei ihnen. Jetzt war auch das fort, verschwunden im Beutel eines Händlers, gegen ein paar Silberstücke und einen Streifen Speck.
"Wie viel hast du dafür bekommen?", fragte er schließlich, leiser jetzt.
"Genug für zwei Wochen." Lina wischte sich mit dem Handrücken über die Augen, bevor Tränen fallen konnten. "Vielleicht drei, wenn wir sparsam sind."
Zwei Wochen. Für das letzte Stück ihrer Mutter hatten sie zwei Wochen erkauft. Thorn starrte auf seinen Teller, auf den Speck, der plötzlich schwer im Magen lag, obwohl er noch keinen Bissen gegessen hatte.
Edd räusperte sich unbehaglich, offensichtlich bemüht, die Spannung am Tisch zu lösen. "Der Speck schmeckt trotzdem gut", murmelte er, ohne wirklich zu wissen, was er sonst sagen sollte.
Auri, die den Ausbruch der Erwachsenen mit der stillen Gelassenheit eines Kindes beobachtet hatte, das solche Streitgespräche schon zu oft miterlebt hatte, streckte die Hand nach einem weiteren Stück Brot aus. "Ich mag den Speck auch", sagte sie, als könnte das alles wieder in Ordnung bringen.
Thorn sah seine kleine Schwester an, ihr schmales Gesicht, die viel zu großen Augen, die trotz allem noch immer diesen Funken kindlicher Unbekümmertheit trugen. Sieben Jahre alt, und sie wusste bereits mehr über den Verlust als mancher Erwachsene. Etwas in ihm erweichte, während der Zorn langsam einer schweren, dumpfen Traurigkeit wich.
"Es tut mir leid", sagte er zu Lina, seine Stimme rau. "Ich wollte dir keine Vorwürfe machen. Es ist nur..." Er suchte nach Worten, fand keine, die dem gerecht wurden, was in seiner Brust brannte.
"Ich weiß." Lina griff über den Tisch und drückte kurz seine Hand, ihre Finger noch warm vom Kochen. "Aber wir müssen überleben, Thorn. Alles andere kommt danach."
Er nickte, obwohl der Kloß in seinem Hals nicht verschwinden wollte. Sie aßen weiter, in einer Stille, die weniger angespannt war als zuvor, aber dennoch schwer von unausgesprochenen Dingen. Thorn zwang sich, den Speck zu essen, schmeckte kaum etwas davon, während in seinem Kopf bereits die ersten Gedanken Gestalt annahmen, Gedanken, die er noch nicht auszusprechen wagte.
Als das Frühstück beendet war und Lina begann, das Geschirr abzuräumen, stand Thorn auf und griff nach seiner Jacke, der Hasenfelljacke mit den ungleichmäßigen Holzknöpfen, die seine Mutter ihm einst genäht hatte. "Wir müssen zum Markt", sagte er zu Edd. "Sichel abliefern, schauen, ob es neue Aufträge gibt."
Edd nickte, wischte sich die Krümel vom Mund und folgte ihm hinaus in die Kälte.
Der Weg zum Marktplatz führte durch das Herz des Dorfes, vorbei an den vertrauten Häusern mit ihren rauchenden Schornsteinen, vorbei am Rostigen Kelch, der um diese Tageszeit noch verschlossen war, die Fensterläden fest zugezogen. Dunlar war kein großes Dorf, nie gewesen, aber es hatte einst gediehen, in besseren Jahren, bevor der Krieg zwischen Grint und Trias die Handelswege abgeschnitten und die Preise in ungeahnte Höhen getrieben hatte.
Dunlar lag genau dort, wo niemand ein Dorf haben wollte: an der zerklüfteten Grenze zwischen den beiden verfeindeten Reichen, in einem Streifen Land, den keine der beiden Kronen offiziell beanspruchte, weil keine bereit war, für ein paar Morgen kargen Bodens Krieg zu führen. Diese Unabhängigkeit hatte ihre Vorteile gehabt, einst, als Handelskarawanen beider Seiten durch das Dorf zogen und ihre Waren tauschten. Jetzt bedeutete sie vor allem eines: Gefahr. Werber beider Reiche streiften gelegentlich durch die Gegend, auf der Suche nach jungen Männern, die sie in ihre Armeen zwingen konnten, und niemand in Dunlar war wirklich sicher, wessen Schutz sie genießen sollten, wenn es hart auf hart käme. Thorn hatte gehört, dass ein Dorf zwei Tagesritte östlich vor drei Monaten von Grints Truppen leergefegt worden war, jeder Mann zwischen fünfzehn und vierzig fortgeschleppt, ohne Widerspruch zu dulden.
Der Marktplatz, als sie ihn erreichten, war fast leer. Ein paar Stände standen verwaist, ihre Besitzer hatten offenbar aufgegeben, überhaupt noch zu kommen. Nur Willem, der Bäcker, stand hinter seinem kleinen Tisch, auf dem sich ein trauriges Sortiment aus hartem Brot und ein paar zähen Kuchen häufte.
"Thorn, Edd", grüßte Willem, seine Stimme müde, seine Wangen eingefallener, als Thorn sie in Erinnerung hatte. Der Bäcker war einst ein rundlicher Mann gewesen, mit einem Bauch, der von zu vielen eigenen Backwaren erzählte. Jetzt hingen seine Kleider lose an ihm, wie an einem Kleiderständer.
"Wie läuft das Geschäft?", fragte Thorn, obwohl er die Antwort bereits kannte.
Willem schüttelte den Kopf, ein langsames, resigniertes Wackeln. "Läuft gar nicht. Ich hab in den letzten drei Tagen vier Brote verkauft. Vier. Meine Frau meint, wir sollten nach Fellmark ziehen, dort gibt's wenigstens noch Handel."
"Und die Bäckerei deines Vaters?", fragte Edd. "Die gibt es doch schon seit..."
"Seit drei Generationen, ja." Willem lachte bitter, ein Geräusch ohne jede Freude. "Und in der vierten wird sie wohl sterben, wenn sich nichts ändert. Man kann keine Wurzeln essen, Junge, und Loyalität zu einem Dorf backt kein Brot."
Thorn wusste nicht, was er darauf antworten sollte. Er kannte dieses Gefühl zu gut, die Verzweiflung, die sich hinter jedem Lächeln in Dunlar versteckte, die stille Angst, dass der nächste Winter der letzte sein könnte, den sie hier überstanden. Er wollte gerade etwas sagen, irgendeine tröstende Floskel, als lautes Rufen vom anderen Ende des Marktplatzes ihre Aufmerksamkeit auf sich zog.
"Ihr müsst das hören!" Hedvars Stimme, laut und aufgeregt, hallte über den fast leeren Platz. Der alte Bauer kam mit schnellen Schritten herbei, sein rundes, wettergebräuntes Gesicht gerötet von der Kälte und der Erregung, sein leichtes Humpeln kaum bemerkbar in seiner Eile. Neben ihm, etwas zurückhaltender, folgte Aldric, der hagere Bauer mit den hohlen Wangen, dessen Blick nervös zwischen den wenigen Umstehenden hin und her huschte.
"Was gibt's denn, Hedvar?", fragte Jorik, der Töpfer, der von seinem Stand herübergekommen war, die Hände noch lehmverschmiert.
"Spuren!", verkündete Hedvar, außer Atem. "Riesige Spuren, auf meinem Feld, direkt am Waldrand. Hufspuren, so groß wie meine beiden Hände zusammen." Er hielt seine schwieligen Hände hoch, spreizte die Finger, um die Größe zu verdeutlichen.
"Vielleicht ein verirrter Ochse", meinte Jorik, doch seine Stimme klang weniger überzeugt, als seine Worte vermuten ließen.
"Kein Ochse macht solche Spuren." Hedvar schüttelte energisch den Kopf, seine Augen glänzten mit einer Mischung aus Furcht und Aufregung. "Ich hab gestern in der Dämmerung was gesehen, am Waldrand, keine hundert Schritte von meinem Zaun entfernt. Ein Tier, größer als jeder Hirsch, den ich je gesehen hab, mit einem Geweih, das bis in den Himmel zu ragen schien. Und auf dem Geweih..." Er machte eine Pause, offensichtlich genoss er die Spannung, die sich unter den Umstehenden aufbaute. "Auf dem Geweih wuchsen Blumen. Leuchtende Blumen, weiß wie Mondlicht, obwohl es schon fast Nacht war."
Ein Raunen ging durch die kleine Gruppe, die sich mittlerweile um Hedvar versammelt hatte. Thorn spürte, wie sich sein Herz einen Schlag schneller bewegte, obwohl er sich sofort ermahnte, nicht in kindische Aufregung zu verfallen. Ein Torgul. Die alten Geschichten, die er als Junge von seiner Großmutter gehört hatte, Geschichten von hirschähnlichen Wesen tief im Teren-Gebirge, deren Geweihe Blüten von unglaublicher Heilkraft trugen. Er hatte sie immer für Märchen gehalten, für Geschichten, die man Kindern erzählte, damit sie sich vor dem Wald fürchteten und nicht zu weit in die Berge wanderten.
"Du hast einen Torgul gesehen?", fragte Edd, seine Stimme eine Mischung aus Skepsis und unverhohlener Neugier.
"So wahr ich hier stehe." Hedvar schlug sich mit der flachen Hand auf die Brust, eine Geste, die seine Ernsthaftigkeit unterstreichen sollte. "Ich schwöre es bei den Göttern, Junge. Ich hab lange genug in diesem Wald gejagt, um zu wissen, was ein normales Tier ist und was nicht."
"Es sind nicht nur die Spuren", warf Aldric leise ein, seine Stimme zittrig, fast entschuldigend, als würde er sich schämen, überhaupt das Wort zu ergreifen. "Meine Tochter hat letzte Woche Lichter im Wald gesehen, nachts, tief zwischen den Bäumen. Grünliche Lichter, die sich bewegten, als hätten sie einen eigenen Willen."
"Kindergeschichten", murmelte Jorik, doch niemand widersprach ihm ernsthaft, und der Töpfer selbst wirkte nicht ganz überzeugt von seinen eigenen Worten.
Ein Mann, den Thorn nicht kannte, trat aus der kleinen Menschenmenge, die sich mittlerweile gebildet hatte. Er trug feine, wenn auch abgetragene Reisekleidung, das Emblem eines Handelshauses aus Wandersheim auf der Brust gestickt. "Wenn ihr von Torgulos sprecht", sagte er, seine Stimme mit einem Akzent, den Thorn nicht sofort einordnen konnte, "dann solltet ihr wissen, dass ihr nicht die Einzigen seid, die davon Wind bekommen haben."
"Was meint Ihr damit?", fragte Thorn, trat näher, plötzlich hellwach.
Der Händler musterte die kleine Gruppe, offenbar abwägend, wie viel er preisgeben sollte. "Die Jägergilde aus Wandersheim hat bereits Späher in dieses Gebirge geschickt. Vor zwei Wochen, soweit ich weiß. Gerüchte über die Ataras-Blüten, so nennt man sie, die auf den Geweihen der Torgulos wachsen, haben die halbe Stadt in Aufruhr versetzt."
"Ataras-Blüten", wiederholte Hedvar, als würde der Name selbst schon nach Reichtum schmecken.
"Heilende Blüten, sagt man." Der Händler nickte bedächtig. "Sie sollen Wunden schließen, die kein gewöhnlicher Heiler behandeln kann. Krankheiten heilen, für die es sonst kein Mittel gibt. Deshalb der Preis, den sie einbringen." Er machte eine kurze Pause, ließ die Worte wirken. "Eine einzige Blüte, richtig verkauft an die richtigen Käufer, bringt einhundert Silberstücke."
Ein kollektives Luftholen ging durch die kleine Versammlung. Einhundert Silberstücke. Für die meisten Menschen in Dunlar war das mehr, als sie in einem ganzen Jahr harter Arbeit verdienten. Thorn spürte, wie sein Puls in den Ohren pochte, während sein Verstand bereits begann, Zahlen zu wälzen, Möglichkeiten, die noch vor einer Stunde undenkbar gewesen wären.
"Und wie viele Blüten trägt so ein Geweih?", fragte Jorik, seine anfängliche Skepsis offensichtlich einer wachsenden Gier gewichen.
"Das weiß niemand genau." Der Händler zuckte mit den Schultern. "Manche sagen, ein Dutzend. Andere behaupten, ein ausgewachsener Torgul könne zwei Dutzend oder mehr tragen. Aber ich warne euch." Sein Blick wurde ernster, fast mahnend. "Die Jägergilde nimmt diese Sache nicht auf die leichte Schulter. Sie schicken erfahrene Jäger, gut bewaffnet, gut ausgestattet. Für einen einfachen Dorfbewohner ohne solche Mittel wäre eine Jagd in diesem Gebirge der reine Wahnsinn."
Die Worte hingen in der kalten Luft, und Thorn sah, wie sich die anfängliche Begeisterung in den Gesichtern der Umstehenden langsam in Zweifel verwandelte. Hedvar kratzte sich am Kinn, sein Blick wanderte zum Teren-Gebirge, dessen schneebedeckte Gipfel in der Ferne aufragten wie Zähne eines schlafenden Ungeheuers.
"Der Wald dort oben ist gefährlich genug ohne Jäger aus Wandersheim, die einem die Beute streitig machen", murmelte er schließlich, seine Begeisterung merklich gedämpft. "Ich hab genug Geschichten von Männern gehört, die in diesen Wald gegangen und nie zurückgekommen sind."
"Genau", stimmte Aldric zu, sichtlich erleichtert, dass jemand anderes die Vernunft aussprach, die er selbst zu fühlen schien. "Ich hab eine Familie zu ernähren. Ich kann nicht einfach in die Berge laufen und auf ein Märchen hoffen."
Die kleine Versammlung begann sich langsam aufzulösen, die anfängliche Aufregung wich der gewohnten Resignation, die über Dunlar lag wie ein zweiter Winter. Nur Thorn blieb stehen, sein Blick auf die fernen Berge gerichtet, während in seinem Kopf eine stille Rechnung ablief, die er nicht mehr stoppen konnte.
Einhundert Silberstücke für eine einzige Blüte. Wenn ein Geweih auch nur ein Dutzend trug, wenn er auch nur eine einzige Blüte erlegen könnte, würde das reichen, um Linas Brosche zurückzukaufen, um neues Eisen zu bestellen, gutes Eisen, um genug Vorräte für den Winter zu sichern, vielleicht sogar für das nächste Jahr. Es würde reichen, um seiner Familie ein Leben zu geben, das nicht von Verzicht und stiller Verzweiflung geprägt war.
"Thorn." Edds Stimme, leise und mahnend, riss ihn aus seinen Gedanken. Er stand neben ihm, sein Blick prüfend auf Thorns Gesicht gerichtet, als könnte er die Gedanken dort lesen wie Schrift auf Pergament. "Ich kenne diesen Blick."
"Welchen Blick?"
"Den Blick, den du hast, wenn du etwas Dummes vorhast." Edd verschränkte die Arme vor der Brust, seine jugendliche Miene plötzlich ernster, als Thorn sie in letzter Zeit gesehen hatte. "Du denkst gerade darüber nach, in diese Berge zu gehen, oder?"
Thorn öffnete den Mund, um zu widersprechen, doch die Lüge wollte ihm nicht über die Lippen. "Ich denke über vieles nach."
"Thorn." Edds Stimme wurde eindringlicher, fast flehend. "Der Händler hat recht. Das ist keine Jagd auf ein Reh oder einen Fuchs. Das Gebirge ist voller Gefahren, von denen wir gar nichts wissen, und die Jägergilde schickt bewaffnete Männer, keine Dorfschmiede mit einem Hammer und einem alten Bogen. Wenn dir dort oben was zustößt, wer kümmert sich dann um Lina und Auri?"
Die Worte trafen ihn schwerer, als Edd wahrscheinlich beabsichtigt hatte, denn genau das war die Frage, die Thorn selbst nicht beantworten konnte. Wer würde sich um seine Schwestern kümmern, wenn er nicht zurückkäme? Doch die andere Frage, die daneben in seinem Kopf brannte, war ebenso schwer: Wie sollten sie überleben, wenn er gar nichts unternahm?
"Ich hab dir nichts versprochen", sagte er schließlich, seine Stimme ruhiger, als er sich fühlte. "Ich hab nur gesagt, ich denke darüber nach."
Edd schüttelte den Kopf, seine Frustration deutlich sichtbar in den zusammengezogenen Brauen. "Das reicht mir nicht, Meister. Versprich mir, dass du nichts unternimmst, ohne vorher mit mir zu reden."
Thorn sah seinen Lehrling an, diesen Jungen, den er vor sieben Jahren aus einem brennenden Brunnenhaus gezogen hatte, der seitdem an seiner Seite gearbeitet und gewachsen war wie ein jüngerer Bruder. Etwas in ihm wollte nachgeben, wollte versprechen, was Edd hören wollte. Doch ein anderer Teil von ihm, der Teil, der bereits die Zahlen im Kopf durchrechnete, wusste, dass er dieses Versprechen vielleicht nicht halten könnte.
"Ich versprech's", sagte er trotzdem, und der Kloß, der sich dabei in seiner Kehle bildete, sagte ihm bereits, dass es eine Lüge war.
Sie verließen den Marktplatz schweigend, die Sichel für Hedvar in Edds Rucksack, ein paar Kupferstücke als Bezahlung, kaum genug, um die Mühe der Arbeit zu rechtfertigen. Der Weg zurück zur Schmiede führte an den letzten kahlen Bäumen vorbei, deren Äste sich wie knochige Finger gegen den grauen Himmel reckten. Thorn schwieg die meiste Zeit, während in seinem Kopf die Berechnungen weitergingen, unaufhaltsam, wie ein Rad, das sich einmal in Bewegung gesetzt hat
2. Der Rostige Kelch
Die Dämmerung legte sich über Dunlar wie ein nasses Tuch, grau und schwer, und Thorn spürte die Erschöpfung der Woche in jedem Knochen seines Körpers. Das Schloss für das Kornhaus hatte ihm mehr Mühe bereitet, als er erwartet hatte, der Riegel wollte partout nicht sauber in die Fassung greifen, und er hatte dreimal von vorne beginnen müssen, bis da…
