
Casinolinie
3. Fall für Marten Thöne
by Andrea Scholz
Ein einziger Anruf genügt, um Marten Thönes mühsam errichtete Fassade zum Einsturz zu bringen. Während die Schatten der Vergangenheit ihn tiefer in den Sumpf aus Kokain und Paranoia ziehen, wird seine Detektei in ein gefährliches Spiel verwickelt. In der glitzernden Welt der Hamburger High Society blüht das illegale Glücksspiel, gesteuert von einem neuen, skrupellosen Gegner: Tarek Al-Fayegh. Die Lage eskaliert, als Luca Giunta entführt wird. Marten muss nicht nur um das Leben seines Freundes kämpfen, sondern auch gegen seine eigenen Dämonen. Eine toxische Affäre mit Richard Dirks bietet ihm die Flucht in den Rausch, doch der Preis ist hoch. Gleichzeitig plant Farbod Al-Wahbi aus der Haft heraus seine blutige Rache gegen Bilal. Zwischen exklusiven Penthäusern und den modrigen Lagerhallen des Hamburger Hafens führen alle Spuren zurück zum ungeklärten Tod von Martens Mutter. Dr. Aris Baumann hält im Hintergrund die Fäden in der Hand, und am Elbufer wartet ein Showdown, der keine Gewinner kennt. Wenn die Wahrheit ans Licht kommt, bleibt von der alten Kanzlei vielleicht nichts mehr übrig als Asche.
- Kriminalroman
- Thriller
- Krimi
- Hafen-Noir
- Psychothriller
- Detektivroman
Stimmen aus dem Grab
Der beißende Geruch von kaltem Asphaltschmutz, feuchtem Staub und dem fahlen Aroma von billigem Instantkaffee hing wie eine unsichtbare Decke im Raum. Marten Thöne saß regungslos an seinem Schreibtisch. Die Dunkelheit im Büro der Detektei war fast absolut, nur mühsam durchbrochen von dem schwachen, bläulichen Schein des Displays auf seinem stillen Smartphone. Jedes Mal, wenn er sich leicht bewegte, erhellte das spärliche Licht für den Bruchteil einer Sekunde die scharfen, eingefallenen Konturen seines Gesichts, die blasse Haut und die tiefen Schatten unter seinen Augen, bevor die Finsternis ihn wieder verschlang. Draußen, jenseits der dreckigen Fensterscheiben, fraß sich das ewige Grau des Hamburger Himmels in die Nacht. Das dumpfe, monotone Dröhnen der Schiffsmotoren vom nahen Hafenrand vibrierte schwach in den Wänden, ein ständiges Erinnern daran, dass die Stadt niemals schlief, während er hier drinnen im eigenen Stillstand verrottete.
Er hielt den Atem an. Das vertraute, dumpfe Verlangen in seiner Brust stieg bereits wieder auf, ein gieriges Ziehen im Hinterkopf, das ihm mit eisiger Präzision signalisierte, dass die Wirkung der letzten Dosis längst verflogen war. Seine Finger zitterten ganz leicht, eine minimale Bewegung, die er wütend unterdrückte, indem er die Hand fester auf die kalte Tischplatte presste. Die Kälte des Raumes schien tiefer in seine Knochen zu kriechen, als es der Hamburger Wind da draußen je gekonnt hätte. Er brauchte den Fokus. Er brauchte die scharfe, eiskalte Welle, die sein Gehirn flutete und den zitternden Nebel in seinem Kopf auf der Stelle lichtete. Doch er rührte sich nicht. Er starrte stur in die Dunkelheit, gefangen in der bleiernen Melancholie, die ihn seit Tagen wie eine zweite Haut umgab.
Das plötzliche, schrille Klingeln des Festnetztelefons schnitt durch die Stille wie ein rostiges Messer. Marten zuckte zusammen. Das Geräusch hallte unnatürlich laut von den kahlen Wänden des Büros wider, peitschte gegen seine ohnehin überreizten Nerven. Er bewegte sich nicht sofort. Er starrte auf den leuchtenden Apparat, dessen blaues Display den Raum in ein kaltes, steriles Licht tauchte. Niemand rief um diese Uhrzeit an. Nicht auf dieser Leitung. Erst beim vierten Klingeln streckte er die fahrige Hand aus und hob den Hörer ab. Er presste ihn an sein Ohr, sagte aber nichts. Er wartete, den Atem flach, die Sinne durch das Adrenalin augenblicklich geschärft.
Am anderen Ende der Leitung war zunächst nur ein statisches Rauschen zu hören, das wie das ferne Peitschen der Elbwellen an einer Kaimauer klang. Dann atmete jemand tief ein. Als die Stimme sprach, war sie seltsam verzerrt, mechanisch entfremdet, als liefe sie durch einen billigen Modulator, der jede menschliche Nuance im Keim erstickte. Dennoch schnitten die Worte mit einer erschreckenden Kälte direkt in Martens Verstand.
"Glaubst du wirklich, sie ist einfach so ertrunken, Marten?", flüsterte die Stimme. Es war kein Fragen, es war eine Feststellung, die wie ein eiskalter Schauer über seinen Rücken lief. "Glaubst du an den Unfall? An das kalte Wasser, das ihre Lungen füllte, während sie um ihr Leben kämpfte?"
Martens Herz hämmerte wie wild gegen seine Rippen. Seine Kehle schnürte sich so eng zusammen, dass er kaum Luft bekam. "Wer ist da?", presste er hervor, seine Stimme nicht mehr als ein raues, heiseres Krächzen. Seine freie Hand ballte sich so fest zur Faust, dass die Fingernägel in die Handfläche schnitten.
"Sie hat nicht geschrien", fuhr die verzerrte Stimme ungerührt fort, und der sadistische Unterton war trotz der technischen Filter deutlich spürbar. "Sie konnte es nicht. Nicht mit dem Phenobarbital in ihren Adern. Sie war bereits im Dämmerlicht, als das Wasser kam. Sie war so leicht zu brechen, genau wie du."
"Wer verdammt noch mal ist da?!", schrie Marten nun fast, während er von seinem Stuhl hochschoss. Seine Knie zitterten, und ein kalter Schweißausbruch brach aus allen Poren seiner Haut. Das Detail mit dem Phenobarbital war niemals an die Öffentlichkeit gelangt. Selbst in den offiziellen Polizeiakten, die er vor Jahren unter großem Risiko beschafft hatte, war nur von einer unklaren Intoxikation die Rede gewesen. Nur der Mörder konnte wissen, was genau in jener Nacht im Blut seiner Mutter gewesen war.
"Die Vergangenheit schläft nicht, Marten. Sie wartet nur auf den richtigen Moment, um dich mit sich in die Tiefe zu ziehen", flüsterte die Stimme ein letztes Mal. Dann folgte das trockene, endgültige Klicken der Unterbrechung. Das besetzte Zeichen dröhnte in seinem Ohr, ein rhythmisches, herzloses Tut-Tut-Tut, das ihn verspottete.
Marten starrte fassungslos auf den Hörer in seiner Hand, bevor er ihn mit voller Wucht auf die Gabel zurückschleuderte. Das Plastik knackte gefährlich. Seine Atmung war flach und schnell, seine Brust hob und senkte sich in einem panischen Rhythmus. Das Adrenalin jagte in Wellen durch seinen Körper, mischte sich mit dem drängenden, fast schmerzhaften Verlangen nach dem weißen Pulver, das er in seiner Tasche trug. Er musste den Lärm in seinem Kopf ausschalten. Sofort. Die Worte des Anrufers hämmerten gegen seine Schläfen wie die schweren Portalkräne am Containerterminal.
Noch ehe er den Riegel seiner Tasche öffnen konnte, flog die schwere Bürotür mit einem lauten Knall auf. Das grelle Licht des Flurs schnitt erbarmungslos in seine geweiteten Pupillen. Jette Kruse stand im Rahmen, die Hände tief in den Taschen ihrer abgewetzten Lederjacke vergraben, die kurzen Haare wie gewohnt unordentlich im Gesicht. Sie wirkte wie eine Raubkatze, die direkt von der Straße hereinprojiziert worden war, bereit, jeden anzuspringen, der ihr dumm kam. Doch als ihr Blick auf Marten fiel, gefror ihre Bewegung.
"Verdammt, Marten", sagte sie, ihre raue, vom Hamburger Straßenton geprägte Stimme schwang zwischen Ärger und plötzlicher Besorgnis. "Hier drin sieht es ja aus wie in einer Gruft. Und du riechst, als hättest du dich seit Tagen nur von abgestandenem Kaffee ernährt." Sie trat einen Schritt vor und knipste mit einer energischen Bewegung die Deckenlampe an. Das staubige Licht kämpfte mühsam gegen die Düsternis an, legte aber unbarmherzig das Chaos auf Martens Schreibtisch frei.
Marten blinzelte schmerzhaft, hob abwehrend eine Hand und drehte sich halb zur Seite, um sein Gesicht im Schatten zu halten. "Mach das Licht aus, Jette", raunte er, seine Stimme kalt und schneidend kühl. "Ich habe keine Zeit für deine Vorträge."
Jette ignorierte die Warnung. Ihre flinken Augen musterten ihn mit unerbittlicher Präzision. Sie sah das feine Zittern seiner Hände, das er hastig zu verbergen suchte, indem er sie tief in die Taschen seiner Jeans schob. Sie sah die Schweißperlen auf seiner Stirn und den wilden, gehetzten Blick in seinen tief liegenden Augen. Sie kannte diesen Zustand nur zu gut. Es war die gefährliche Gratwanderung zwischen dem heraufziehenden Entzug und dem puren, paranoiden Wahnsinn.
"Wir haben keine Zeit für deine Launen, Marten", entgegnete sie barsch, obwohl ein leiser Ton von Besorgnis mitschwang, den sie jedoch sofort hinter ihrer gewohnten Direktheit verbarg. "Wir haben eine neue Klientin. Und zwar keine von den kleinen Fischen aus dem Hafenbecken, sondern eine echte Nummer aus der Oberschicht. Sie wartet unten im Wagen."
Marten lachte kurz auf, ein trockenes, freudloses Geräusch, das in der Kälte des Raumes verhallte. "Ich nehme keine Fälle an, Jette. Nicht heute. Geh nach Hause."
"Du wirst diesen Fall annehmen", sagte sie fest und trat noch einen Schritt näher an den Schreibtisch heran. "Es ist Andrea von Zandten. Ja, genau die. Die Reederei-Erbin, die ihr ganzes Vermögen in diese moralische Stiftung gesteckt hat. Sie will uns engagieren. Es geht um ein illegales Glücksspielnetzwerk, das sich wie ein Krebsgeschwür durch die Hamburger High Society frisst. Sie sagt, die neuen Akteure spielen mit einer Brutalität, die selbst die alten Clans blass aussehen lässt. Und sie will, dass wir das Ding von innen heraus auffliegen lassen."
Der Name von Zandten hallte in Martens Kopf wider, doch er vermochte die Puzzleteile in seinem überreizten Verstand nicht zusammenzusetzen. Der Anruf blockierte jeden klaren Gedanken. Die Worte über das Phenobarbital, über den Tod seiner Mutter, der kein Unfall gewesen war, fraßen sich durch seine kognitiven Barrieren wie Säure durch Metall. Er spürte, wie der Boden unter seinen Füßen wegzugleiten drohte. Er brauchte den Stoff. Jetzt.
"Nein", sagte er flüsternd, doch die Schärfe in seiner Stimme war unmissverständlich. "Schick sie weg, Jette. Ich habe gesagt, ich bin nicht ansprechbar. Such dir einen anderen Ermittler für ihre High-Society-Probleme."
Jette schlug mit der flachen Hand auf die Tischplatte, dass die hölzerne Werkbank im Nebenraum fast zu vibrieren schien. "Jetzt hör mir mal gut zu, Thöne! Wir haben beim letzten Job so viel verdient, dass wir drei Jahre lang die Füße hochlegen könnten, aber das ist verdammt noch mal kein Grund, die Detektei vor die Hunde gehen zu lassen, nur weil du dich mal wieder in deinen eigenen Dämonen suhlst!" Sie beugte sich vor, ihr Blick bohrte sich in seinen. "Was ist los mit dir? Du zitterst ja wie ein nasser Hund. Hast du wieder...?" Sie sprach das Wort nicht aus, doch der Vorwurf hing so schwer in der Luft wie der Geruch von moderndem Papier im Kellergewölbe.
"Es geht dich einen feuchten Dreck an, was ich tue!", fuhr Marten auf, seine Stimme wurde lauter, aggressiver. Er stieß seinen Stuhl zurück, der mit einem kreischenden Geräusch über den staubigen Boden scharrte. "Geh raus, Jette. Lass mich einfach in Ruhe!"
Sie starrte ihn an, und für einen kurzen Moment spiegelte sich in ihren Augen eine tiefe, schmerzhafte Enttäuschung wider. Es war die Erkenntnis, dass der Mann vor ihr, den sie trotz all seiner Fehler als die unerschütterliche Säule des Teams betrachtet hatte, gerade wieder in den tiefsten Abgrund abdriftete. Sie wandte sich ab, die Kiefer fest aufeinandergepresst. "Du machst dich kaputt, Marten. Und uns gleich mit. Ich werde Andrea von Zandten sagen, dass wir den Fall übernehmen. Ob du willst oder nicht. Aber erwarte nicht, dass ich dich auffange, wenn du fällst."
Sie wirbelte herum, ihre schweren Stiefel hallten metallisch auf dem Flur wider, als sie die Tür hinter sich ins Schloss warf. Das Geräusch vibrirte in Martens Ohren wie ein finaler Paukenschlag.
Wieder herrschte Stille. Doch es war keine Ruhe. Es war das lauernde Schweigen vor dem Sturm. Marten stand allein im schwachen Licht der Deckenlampe, die Luft im Raum schien noch kälter geworden zu sein. Seine Hände zitterten nun so heftig, dass er sie kaum noch kontrollieren konnte. Mit einer fahrigen, hastigen Bewegung griff er in seine Tasche und zog das kleine Plastiktütchen mit dem weißen Pulver heraus. Seine Finger waren feucht von kaltem Schweiß, als er den Verschluss öffnete. Er schüttete eine großzügige Menge des Kokains auf seinen Handrücken, führte ihn an die Nase und zog den Stoff mit einem schnellen, gierigen Atemzug hinein.
Der vertraute, brennende Schmerz im Rachen folgte sofort, gefolgt von der eiskalten Welle des Fokus, die sein Gehirn im Bruchteil einer Sekunde flutete. Seine Sinne schärften sich augenblicklich, der zitternde Nebel in seinem Kopf lichtete sich und machte einer fast schmerzhaften Klarheit Platz. Das Hämmern in seiner Brust beruhigte sich nicht, doch es wurde zu einem präzisen, eiskalten Taktgeber. Der Hunger im Hinterkopf war für den Moment gestillt, ersetzt durch eine unbarmherzige, analytische Schärfe.
Er atmete tief aus, der Geruch von Chemie und kaltem Schweiß mischte sich in der Luft. Er spürte, wie die Energie in seine Glieder zurückkehrte, wie die Paranoia einer eisigen Entschlossenheit wich. Er trat an den Schreibtisch und löschte das grelle Deckenlicht wieder. Das spärliche Licht der Straßenlaternen von draußen warf nun lange, skelettartige Schatten an die Wand, die wie die Umrisse längst vergessener Ungeheuer wirkten.
Sein Blick fiel auf die unterste Schublade seines Schreibtisches. Er hatte sie seit Jahren nicht mehr geöffnet, hatte den Schlüssel an einem Ort aufbewahrt, an den er nie wieder herantreten wollte. Doch die Worte des Anrufers hatten eine Tür in seinem Verstand aufgestoßen, die sich nicht mehr schließen ließ. Er kniete sich nieder, seine Bewegungen nun wieder von jener beängstigenden, raubtierhaften Präzision geprägt, die der Stoff ihm verlieh. Mit einem kleinen, rostigen Schlüssel öffnete er das Schloss der Schublade. Sie glitt mit einem leisen Quietschen auf.
Ganz unten, unter einem Haufen alter Rechnungen und staubiger Notizbücher, lag das Foto. Er zog es mit spitzen Fingern heraus, als könnte es bei der kleinsten Berührung zu Asche zerfallen. Es war ein altes, an den Rändern bereits vergilbtes Schwarz-Weiß-Bild seiner Mutter. Sie lächelte in die Kamera, die Augen hell und voller Leben, ein krasser Kontrast zu dem düsteren Raum, in dem Marten sich befand. Er hatte dieses Bild seit ihrem Tod gemieden, hatte versucht, jede Erinnerung an sie in den tiefsten Winkeln seines Bewusstseins zu vergraben, betäubt durch die unzähligen Dosen, die er sich im Laufe der Jahre verabreicht hatte.
Doch nun, im kalten Schein des Kokainfokus, sah er die Details deutlicher als je zuvor. Die zynische Erkenntnis fraß sich durch seinen Verstand: Es war nie ein Unfall gewesen. Jemand hatte sie gezielt aus dem Weg geräumt, hatte ihre Schwäche ausgenutzt, um ein größeres Geheimnis zu schützen. Und derselbe Jemand hatte ihn soeben angerufen, um das Spiel von Neuem zu beginnen.
Er wusste, dass dieser neue Fall, den Jette soeben herangetragen hatte, kein Zufall war. Die Verbindung zwischen der Hamburger High Society, dem illegalen Glücksspiel und der Vergangenheit seiner Familie war so greifbar wie die Kälte, die durch die Ritzen des Fensters kroch. Die Fäden liefen im Verborgenen zusammen, und er war derjenige, der an ihnen ziehen musste, selbst wenn das gesamte Konstrukt über ihm zusammenbrach.
Er schob das Foto in die Innentasche seiner Jacke, direkt neben das Plastiktütchen mit dem restlichen Stoff. Die Vergangenheit war nicht tot. Sie hatte gerade erst angerufen. Und Marten Thöne war bereit, den Hörer wieder abzunehmen.
Weißes Gift und kalte Küsse
Der beißende Geruch von teurem Parfüm, kaltem Leder und unterschwelligem Verfall hing schwer in der Luft des Treppenhauses. Marten Thöne stieg die breiten, mit dunklem Marmor ausgelegten Stufen hinauf. Jeder seiner Schritte hallte gedämpft in dem herrschaftlichen Altbau in Harvestehude wider, einem jener hanseatischen Prachtbauten, die von außen ab…

