
Familienlinie
2. Fall für Marten Thöne
by Andrea Scholz
Ein luxuriöses Anwesen im Hamburger Villenviertel wird zum goldenen Käfig. Der schwerreiche Reeder Friedrich von Zandten hat eine Vorahnung: Jemand aus seiner eigenen Familie trachtet ihm nach dem Leben. Um das Schlimmste zu verhindern, schleust er die Privatdetektive Marten Thöne und Jette Kruse inkognito in ein Familientreffen ein. Doch die Vorkehrungen scheitern. Noch in der ersten Nacht wird der Patriarch in seinem verriegelten Arbeitszimmer brutal ermordet. Acht Familienmitglieder sind unter dem Dach gefangen, jeder von ihnen mit einem dunklen Geheimnis und einem perfekten Motiv. Während ein heraufziehender Sturm die Villa von der Außenwelt abschneidet, beginnt ein mörderisches Katz-und-Maus-Spiel. Für Marten wird das Wochenende zur Zerreißprobe. Ohne die Unterstützung seines Teams und isoliert in der Pracht der Reichen droht er, die Kontrolle über seine Kokainsucht zu verlieren. Währenddessen wird sein Partner Bilal in den Schatten Hamburgs von seiner kriminellen Clanvergangenheit eingeholt. Die Uhr tickt gnadenlos: Marten und Jette bleiben nur 48 Stunden, um die Masken der High Society zu Fall zu bringen, bevor der Mörder erneut zuschlägt. In diesem Haus ist niemand unschuldig – und die Wahrheit ist tödlicher als jede Lüge.
- Krimi
- Thriller
- Psychological Thriller
- Crime Thriller
- Cat & Mouse
- Whodunit
Alte Geister, neue Geschäfte
Die Zahlen auf dem Bildschirm logen nicht, und genau das machte Marten Thöne misstrauisch. Er saß an seinem Schreibtisch im neuen Büro der Detektei Thöne, die Jalousien halb heruntergelassen gegen die tiefstehende Herbstsonne, und ließ den Cursor über die Bilanzsumme wandern. Sechsstellig, netto, nach nur vier Monaten. Der Fall des Klinikchefs hatte ihnen einen Ruf verschafft, der schneller wuchs als ihre Kapazitäten, und die Anfragen, die seither in ihrem Postfach landeten, kamen längst nicht mehr nur von betrogenen Ehefrauen oder misstrauischen Geschäftspartnern.
Er rieb sich die Nase, ein reflexhaftes Zucken, das er sich abgewöhnen wollte und nie schaffte. Der Rechner summte leise, und irgendwo im Hinterzimmer klapperte Bilal mit Werkzeug, richtete an einer der Überwachungskameras herum, die sie sich für den nächsten Auftrag zugelegt hatten. Marten schloss die Tabelle und lehnte sich zurück. Es war zu ruhig gewesen in den letzten Tagen, und Ruhe war in seiner Erfahrung nie ein gutes Zeichen. Sie war immer nur die Ankündigung von etwas, das noch kommen würde.
Es klopfte. Kein zögerliches Klopfen, sondern das kurze, präzise Anschlagen von jemandem, der gewohnt war, dass Türen sich vor ihm öffneten. Marten stand auf, strich sein Hemd glatt und öffnete.
Der Mann, der im Flur stand, war groß und hager, mit schlohweißem Haar, das im Neonlicht der Bürobeleuchtung fast durchsichtig wirkte. Ein maßgeschneiderter Mantel, dessen Stoff selbst auf den ersten Blick mehr kostete als Martens gesamte Büroeinrichtung. Doch es war nicht die Kleidung, die Marten in dieser ersten Sekunde registrierte. Es waren die Hände. Sie zitterten, kaum merklich, während der Mann sie ineinander verschränkte, als könnte er die Bewegung dadurch unterdrücken.
„Friedrich von Zandten“, sagte der Mann, ohne die Hand auszustrecken. Seine Stimme war fest, gebieterisch, ein deutlicher Kontrast zu den zitternden Fingern. „Ich nehme an, Sie sind Thöne.“
„Der bin ich.“ Marten trat zur Seite und ließ ihn eintreten. „Setzen Sie sich.“
Von Zandten musterte den Raum mit einem Blick, der zwischen Verachtung und Verzweiflung schwankte, bevor er sich in den Sessel vor Martens Schreibtisch sinken ließ. Er faltete die Hände im Schoß, offenbar in dem Versuch, das Zittern endgültig zu bändigen.
„Meine Familie plant, mich umzubringen“, sagte er ohne Umschweife.
Marten setzte sich ebenfalls, langsam, und beobachtete das Gesicht seines Gegenübers. Die Pupillen zu weit, die Kieferbewegung zu angespannt, das ständige Nachjustieren der Sitzposition. Klassische Symptome. Er hatte in seinem alten Leben genug Menschen gesehen, die glaubten, verfolgt zu werden, um das Muster im Schlaf zu erkennen.
„Das ist eine schwere Anschuldigung“, sagte Marten ruhig. „Haben Sie konkrete Beweise, oder ist das eine Vermutung, die sich aus – sagen wir – einem allgemeinen Gefühl der Bedrohung speist?“
Von Zandtens Augen verengten sich. „Sie halten mich für paranoid.“
„Ich halte Sie für einen Mann, der Angst hat. Das ist nicht dasselbe, muss es aber auch nicht ausschließen.“ Marten lehnte sich vor, die Ellbogen auf den Schreibtisch gestützt. „Erzählen Sie mir von Ihrer Familie.“
Von Zandten erzählte, in kurzen, abgehackten Sätzen, von einer Reederei-Dynastie, die seit Generationen bestand, von Kindern, die auf sein Vermögen warteten wie Geier auf ein sterbendes Tier, von einer Ehefrau, deren Liebe längst zu einer kalkulierten Höflichkeit erstarrt war. Er sprach von einem Versöhnungswochenende, das er selbst organisiert hatte, in seiner Villa im Villenviertel, von Freitag bis Sonntag, die gesamte Familie unter einem Dach.
„Ich habe sie alle eingeladen“, sagte er, und ein dünnes, kaltes Lächeln legte sich um seine Mundwinkel. „Damit ich sehen kann, wer von ihnen es wagt.“
Marten verschränkte die Arme. „Und Sie wollen, dass wir dabei sind.“
„Sie und Ihre Kollegin. Als alte Freunde des Hauses getarnt. Niemand darf wissen, dass Sie Ermittler sind.“ Von Zandten beugte sich vor, und zum ersten Mal wich die gebieterische Fassade einem Ausdruck, der beinahe an Flehen grenzte. „Absolute Diskretion, Herr Thöne. Wenn meine Familie erfährt, dass ich Detektive engagiert habe, ist das Wochenende ruiniert, bevor es begonnen hat.“
Die Bürotür ging auf, und Jette kam herein, die Lederjacke noch feucht vom Nieselregen draußen, das dunkelrote Haar zerzaust unter dem Knoten. Sie blieb stehen, sobald sie den Gast bemerkte, und ihr Blick wanderte von Martens Gesicht zu von Zandten und wieder zurück, prüfend, wie sie es bei jedem Fremden tat, der ihr Büro betrat.
„Störe ich?“, fragte sie, ohne dass es wie eine Frage klang.
„Das ist Herr von Zandten“, sagte Marten. „Er hat ein Angebot für uns.“
Jette setzte sich auf die Kante des Beistelltisches, die Arme vor der Brust verschränkt, und musterte den alten Mann mit einer Offenheit, die keine Höflichkeit kannte. „Und was für ein Angebot ist das, das einen wie Sie zu einem wie uns führt?“
Von Zandten würdigte sie kaum eines Blickes. „Ihre Fragen kann ich beantworten, wenn wir unter uns sind, junge Dame.“ Dann wandte er sich wieder Marten zu. „Ich weiß, wer Sie sind, Herr Thöne. Ich weiß von Ihrer Vergangenheit im Konzern, von Ihrem Sturz. Und ich weiß auch von Ihrer – nennen wir es Gewohnheit.“
Marten spürte, wie sich etwas in seiner Brust zusammenzog, kalt und schnell. Er zwang sein Gesicht zur Regungslosigkeit. „Sie haben Ihre Hausaufgaben gemacht.“
„Ich habe Sie ausgewählt, weil Sie nicht an Konventionen gebunden sind“, sagte von Zandten. „Weil Sie bereit sind, Grenzen zu überschreiten, die andere respektieren würden. Ich brauche keinen sauberen Ermittler mit einer weißen Weste. Ich brauche jemanden, der versteht, dass meine Familie aus Menschen besteht, die für Geld über Leichen gehen – im wörtlichen Sinne.“
Jette warf Marten einen Blick zu, der klarer war als jedes Wort. Marten ignorierte ihn, obwohl er die Warnung darin genau verstand.
„Mein Honorar liegt bei fünfzigtausend“, sagte von Zandten. „Für zwei Tage.“
Die Zahl hing einen Moment im Raum wie eine Einladung. Marten wusste, dass er ablehnen sollte. Er wusste es mit der gleichen klinischen Klarheit, mit der er die Symptome auf von Zandtens Gesicht gelesen hatte. Und doch spürte er bereits, wie die Zahl ihre Arbeit tat, wie sie sein Urteilsvermögen umspülte wie eine Welle, die den Sand unter seinen Füßen wegzog.
„Wir sind dabei“, sagte er.
Von Zandten nickte, als hätte er nichts anderes erwartet, und stand auf. „Freitagmittag. Meine Sekretärin schickt Ihnen die Details.“ An der Tür hielt er inne, ohne sich umzudrehen. „Und Herr Thöne – bringen Sie, was immer Sie brauchen, um funktionsfähig zu bleiben. Ich habe kein Interesse an einem Ermittler, der zusammenbricht, bevor er seine Arbeit getan hat.“
Dann war er fort, und die Tür fiel mit einem leisen Klicken ins Schloss.
Jette schwieg lange. Dann sagte sie: „Der Kerl gefällt mir nicht.“
„Mir auch nicht“, sagte Marten und griff nach seiner Tasche unter dem Schreibtisch, in der das kleine Etui lag, das er sich schon jetzt vorstellte, während Bilal aus dem Hinterzimmer trat und fragte, was er von der Ausrüstung für ein Villenwochenende halten solle, und Luca, der gerade zur Tür hereinkam, mit einem Lächeln fragte, ob er endlich mal wieder etwas Anständiges anzuziehen bekäme.
Das Nest der Vipern
Die Villa von Zandten lag wie ein steinernes Grabmal über der Elbe, hoch genug, dass der Nebel vom Fluss nur die unteren Terrassen des Gartens erreichte und den Rest des Anwesens in klarer, kalter Herbstluft schweben ließ. Backstein und Sandstein wechselten sich in strengen Reihen ab, und die hohen Fenster im ersten Stock spiegelten das letzte Lich…

