
Fluglinie
8. Fall für Marten Thöne
by Andrea Scholz
Zehntausend Meter über dem tosenden Atlantik wird eine Boeing nach New York zur ultimativen Todesfalle. Eigentlich wollte Privatermittler Marten Thöne nach der Zerschlagung eines korrupten Justiz-Geheimbundes nur wichtige Beweise in den Vereinigten Staaten sichern. Doch kaum hat das Flugzeug die Reiseflughöhe erreicht, beginnt ein unbarmherziger Albtraum: Eine grausam zugerichtete Leiche wird in der Bordtoilette entdeckt – ermordet mit einem hochwirksamen Nervengift. Während Marten gegen schwere Entzugserscheinungen kämpft und gefundene Rauschgiftpäckchen das Misstrauen in der First Class anheizen, breitet sich eine lähmende Paranoia unter den Passagieren aus. Die Morde häufen sich, eine gewaltige Atlantikfront erschüttert die Maschine und die Satellitenverbindung bricht ab. Eingeschlossen über den eisigen Fluten des Ozeans bleiben Marten und seinem Team nur wenige Stunden bis zur Landung. Sie müssen die mörderische Verschwörung an Bord stoppen – bevor das Flugzeug in den Abgrund stürzt. Ein atemloser Locked-Room-Thriller von Bestsellerautorin Andrea Scholz, der den Puls bis zur letzten Sekunde in die Höhe treibt.
- Mystery
- Thriller
- Crime Fiction
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Start in den Nebel
Die dicke Wolkendecke über der Nordsee glich einer zerrissenen, schmutzig-grauen Leinwand. Die schwere Boeing 777 schnitt mit einem dumpfen, vibrierenden Grollen durch das endlose Weiß, während die Turbinen gegen den dichten Nebel ankämpften. Im Inneren der Passagierkabine herrschte eine eigentümliche, feuchte Schwüle, die sich wie ein feuchter Mantel über die Sitze legte. Es roch nach aufgewärmtem Bordessen aus Aluminiumschalen, billigem Maschinenkaffee und dem kalten, metallischen Schweiß von über zweihundert Menschen, die auf engstem Raum zusammengepfercht waren. Die monotone Schwingung des Flugzeugrumpfes kroch durch die Bodenverkleidung direkt in Marten Thönes Knochen.
Marten saß am Fenster von Sitz 14A und starrte hinaus in das Nichts. Seine Finger zitterten unkontrolliert. Er vergrub die Hände tief in den Taschen seines dunklen Wollmantels, den er trotz der stickigen Luft im Rumpf nicht abgelegt hatte. In der rechten Manteltasche stießen seine Fingerspitzen gegen die leere, raue Naht des Futters. Dort war nichts. Keine Folie, kein Pulver, keine Rettung vor dem rasenden Lärm in seinem Schädel. Das Verlangen nach Betäubung brannte wie eine offene, mit Salz ausgestreute Wunde in seiner Brust. Seit zweiundsiebzig Stunden war sein Blut frei von dem weißen Gift, und jede Sekunde dieser Abstinenz fühlte sich an wie ein langsamer Sturz in einen Abgrund aus Glasscherben. Sein linkes Knie, vor Jahren durch einen gezielten Tritt zertrümmert, pochte in einem hämmernden Rhythmus, der jede vergangene Niederlage, jeden Verrat und jedes Versagen der letzten Monate heraufbeschwor.
Neben ihm bewegte sich Lukas Bergkamp. Lukas saß auf dem Mittelplatz, die Schultern aufrecht, die Haltung von jener geschulten, lautlosen Wachsamkeit geprägt, die man auch nach dem Bruch mit einem Nachrichtendienst niemals ganz ablegte. Seine Finger glitten behutsam über Martens verkrampfte Handgelenke, bis er die zitternden Knöchel seines Partners fest in die eigene Hand schloss. Der Griff war warm, fest und forderte keine Worte. Lukas blickte nicht zu Marten hinüber; seine melancholischen, aber hellwachen Augen wanderten unablässig durch den schmalen Gang, musterten Gesichter, Gepäckablagen und die winzigen Regungen der Mitreisenden.
„Atme durch die Nase ein, Marten“, sagte Lukas so leise, dass die Worte im tiefen Rumpeln der Triebwerke fast ertranken. „Konzentrier dich auf den Druck deiner Füße auf dem Boden. Wir sind in der Luft. Hamburg liegt hinter uns.“
Marten presste die Kiefer aufeinander, bis der Zahnschmelz knirschte. Der metallische Geschmack von getrocknetem Blut und abgestandenem Speichel lag bitter auf seiner Zunge. „Hamburg liegt nie hinter uns, Lukas“, erwiderte Marten mit heiserer Stimme. Seine fiebrigen hellblauen Augen brannten hinter den tiefen, blauschwarzen Ringen, die sich wie Schatten in sein aschfahles Gesicht gegraben hatten. „Wir nehmen den ganzen Dreck mit nach oben. Zehntausend Meter hoch.“
Drei Reihen hinter ihnen, im hinteren Bereich der Kabine, saßen Jette Kruse und Bilal Durmus. Jette hatte die Beine in ihren derben Schnürstiefeln so weit wie möglich unter den Vordersitz geschoben. Ihre abgewetzte Lederjacke wirkte wie ein Fremdkörper zwischen den beigen Polstern der Economy Class. Ihr rotes Haar war zu einem straffen Knoten gebunden, das markante Muttermal an ihrer Schläfe trat dunkel hervor, während ihre Finger nervös auf der Armlehne trommelten. Die Enge des Rumpfes setzte ihr sichtlich zu. Für eine Frau, die den Asphalt und die offenen Weiten der Hamburger Hafenstraßen gewohnt war, glich dieser fliegende Metallkasten einer Zelle. Neben ihr wirkte Bilal Durmus wie eine Mauer aus massivem Granit. Seine monumentale Gestalt füllte den schmalen Sitz bis zum Äußersten aus; die breiten Schultern stießen fast an die Trennwand. Seine kahlgeschorene Kopfhaut glänzte im matten Neonlicht der Kabinendecke, und die feinen Narben auf seinem Handrücken hoben sich weißlich von der dunklen Haut ab. Er saß vollkommen regungslos da. Nur seine dunklen Augen bewegten sich langsam von links nach rechts, registrierten jeden Schritt der Flugbegleiter und jede Unruhe im Gang.
Gleich neben ihnen hielt Luca Giunta ein schmales Tablet fest umklammert. Das fahle Displaylicht spiegelte sich in den Gläsern seiner Brille wider. Der junge Mann war totenbleich; seine feingliedrigen Finger huschten über die virtuelle Tastatur, während er die Systeme überwachte, soweit das instabile Bord-WLAN es zuließ. Er sprach kein einziges Wort. Seit den traumatischen Misshandlungen, die ihn seine Stimme gekostet hatten, war der digitale Bildschirm seine einzige Verbindung zur Außenwelt. Auf dem Display flackerten schematische Flugdaten, Transponderfrequenzen und Höhenprofile, die Luca mit fieberhafter Präzision abglich.
Auf dem Gangplatz neben Luca saß Nico Thöne. Martens jüngerer Bruder wirkte wie eine zerbrechliche Hülle, ausgemergelt und von den Jahren der chemischen Gefangenschaft gezeichnet. Seine nadelstichartigen Pupillen fixierten ein winziges Stück Papier. Mit kohlegeschwärzten Fingern, die von einem kleinen Stummel Zeichenkohle dunkel verfärbt waren, kritzelte er ununterbrochen auf eine weiße Papierserviette der Fluggesellschaft. Seine Bewegungen waren fahrig, ruckartig und getrieben von einer inneren Unruhe, die sich in einem leisen, monotonen Summen entlud. Immer wieder glitten seine Finger über die Brandnarbe an seinem Unterarm, während die Kohle auf dem dünnen Zellstoff kratzte. Geometrische Dreiecke, schraffierte Linien und verschlungene Spiralen überzogen das Papier, als versuche er, eine unsichtbare Geometrie des Schreckens festzuhalten.
Am vorderen Übergang zur Business Class stand ein Mann, der keine Miene verzog. Jürgen Hartmann lehnte mit scheinbar lässiger Haltung an der Trennwand, doch jede Sehne seines drahtigen Körpers war gespannt. Das schwarze Funktionshemd saß makellos; der Schnitt der Kleidung verbarg geschickt die Wölbung seiner verdeckten Dienstwaffe am Gürtel. Der Flugsicherheitsbegleiter musterte Martens Reisegruppe mit eisiger, analytischer Schärfe. Seine stahlblauen Augen verharrten auf Bilals massiver Statur, glitten weiter zu Jettes zerkratzter Lederjacke und blieben schließlich an Martens fiebrigem Blick hängen. Hartmanns Lippen bildeten einen schmalen, harten Strich. Für einen Mann, der hunderte Atlantiküberquerungen absolviert und sein Leben nach strengen Bundespolizei-Protokollen ausgerichtet hatte, strahlte diese Gruppe eine unberechenbare Gefahr aus. Als Marten Hartmanns Blick erwiderte, wandte der Air Marshal sich nicht ab. Er nickte kaum merklich, eine frostige Geste, die unmissverständlich klarstellte: Jeder Fehltritt in dieser Kabine würde sofort Konsequenzen nach sich ziehen.
Weit unter ihnen, auf dem Boden der regennassen Hansestadt Hamburg, kämpften andere um das Überleben dieser Mission. In der gedimmten Gaststube der Kiez-Kneipe „Alte Apotheke“ stand Harald Friese hinter dem massiven Holztresen. Seine fleckige Schürze spannte sich über seinem Bauch, während er mit einem feuchten Tuch mechanisch über das klebrige Holz rieb. Die Luft roch nach altem Bier und feuchtem Tabak. Neben dem alten Zapfhahn stand ein schweres Festnetztelefon, dessen Hörer er im Auge behielt. Inken Petersen saß am Ecktisch unter der vergilbten Messinglampe, die Hände fest um eine Tasse starken Filterkaffees gelegt. Ihre Züge waren von tiefer Sorge gezeichnet, doch ihre hanseatische Ruhe gab der Szene Halt. Gleichzeitig saß Kriminalkommissarin Sarah Lindner in einem kargen Büro des Landeskriminalamts, umgeben von Aktenbergen und flackernden Bildschirmen. Mit zusammengebissenen Zähnen und glühendem Ohr presste sie das Diensttelefon an ihren Kopf, während sie gegen die Bürokratie der Bundesministerien anbrüllte, um die letzten Sonderfreigaben für das New Yorker FBI-Büro durchzuboxen. Niemand am Boden wusste, wie dünn das Eis war, auf dem sich die Ermittler über dem Ozean bewegten.
In der Kabine der Boeing zog die Luftfeuchtigkeit an den Scheiben herab. Marten wandte den Kopf von Lukas ab und starrte wieder in das monotone Weiß draußen. Das Vibrieren der Triebwerke schien lauter zu werden, dröhnte in seinen Schläfen wie ein beginnender Migräneanfall. Sein Körper verlangte nach Stoff. Die Kälte kroch aus seinem Magen herauf, ließ seine Haut mit einer feinen Schicht Gänsehaut überziehen, während sein Herz unregelmäßig gegen die Rippen schlug. Er spürte, wie eine Welle aus Scham und Wut in ihm aufstieg. Ausgerechnet jetzt, wo jedes Detail zählte, wo sein Verstand wie ein Skalpell funktionieren musste, zerrte der Entzug an seinen Nervenbahnen.
„Du zitterst stärker“, flüsterte Lukas. Er ließ Martens Hand nicht los, sondern verstärkte den Druck. „Lass dich nicht reinziehen, Marten. Es ist nur die Chemie. Dein Kopf gehört dir.“
„Mein Kopf fühlt sich an wie ein Schlachthof“, stieß Marten zwischen den Zähnen hervor. Seine Stimme klang brüchig und heiser. „Jedes Geräusch hier drin ist zu laut. Das Summen der Lüftung, das Atmen der Leute. Ich rieche ihre verdammte Angst.“
„Dann nutz es“, erwiderte Lukas mit jener kühlen Entschlossenheit, die er in den Ausbildungszentren des Geheimdienstes gelernt hatte. „Konzentrier dich auf die Fakten. Schau dir die Reihen an. Was stimmt hier nicht?“
Marten zwang sich, den Blick zu heben. Er scannte die Sitzreihen vor sich. In Reihe 12 saß ein Mann mit graumeliertem, akkurat geschnittenem Haar, der scheinbar tief in ein englisches Wirtschaftsmagazin vertieft war. Er trug ein beiges Sakko, dessen Ärmel millimetergenau an den Handgelenken endeten. Auf den ersten Blick glich er einem typischen Unternehmensberater auf dem Weg zu einem Transatlantik-Meeting. Doch Martens geschultes Auge bemerkte die Unregelmäßigkeiten: Der Mann hatte in den letzten zwanzig Minuten keine einzige Seite umgeblättert. Seine linke Schulter war leicht angehoben, die Finger seiner rechten Hand lagen flach auf der Armlehne, bereit, sich innerhalb eines Sekundenbruchteils abzustoßen. Es war die Haltung eines Jägers, der auf ein Signal wartete.
Plötzlich gab es einen Ruck im Flugzeugrumpf. Die Kaffeetassen in den Halterungen klapperten leise. Der tiefe Ton der Triebwerke veränderte seine Frequenz, ging von einem gleichmäßigen Dröhnen in ein heulendes, schärferes Summen über. Die Maschine neigte sich spürbar nach links.
Luca Giunta erstarrte. Seine Brille rutschte ein Stück auf seiner schmalen Nase nach unten, als er auf sein Tablet starrte. Seine Finger flogen über das Display. Er tippte eine Nachricht in sein Textfeld, vergrößerte die Schrift und hielt das leuchtende Tablet so, dass Jette und Bilal es sehen konnten. Jette beugte sich sofort vor, las die Zeilen und strich sich eine rote Strähne aus dem Gesicht. Ihre Muskeln spannten sich an.
Jette stand auf, tat so, als wolle sie sich die Beine vertreten, und trat leise an Martens Sitzreihe heran. Sie beugte sich hinab, stützte sich auf die Kopfstütze des Gangplatzes und sprach mit schneidender, hanseatischer Kälte: „Marten. Luca hat gerade die Navigationsdaten über den Transponder abgefangen. Die Maschine fliegt nicht den zugewiesenen Korridor über Schottland in Richtung Grönland.“
Marten wandte den Kopf. Die Kälte in seinem Knie schien für einen Moment von einer Welle aus Adrenalin überlagert zu werden. „Was bedeutet das?“
„Der Kurs hat sich um sieben Grad nach Nordwest verschoben“, flüsterte Jette. „Keine offizielle Durchsage aus dem Cockpit. Keine Warnung wegen Turbulenzen. Wir fliegen direkt in ein unüberwachtes Tiefdruckgebiet über dem Atlantik. Die Flugsicherung in London hat laut Lucas Monitor zweimal eine Kurskorrektur angefordert, aber unsere Maschine antwortet nicht auf den Standardfrequenzen.“
Lukas runzelte die Stirn, seine melancholischen Augen wurden schmal. „Eine manuelle Kursänderung ohne Absprache mit der Bodenkontrolle ist ein schwerer Protokollverstoß. Entweder wissen die Piloten im Cockpit genau, was sie tun, oder jemand manipuliert die Bordelektronik von der Kabine aus.“
„Oder die Fracht bestimmt die Route“, murmelte Marten. Er spürte, wie sich der Druck in seinen Schläfen verstärkte. Der Verdacht, dass dieser Flug von vornherein kein gewöhnlicher Linienflug war, verwandelte sich in schreckliche Gewissheit. Die Cala de Luna, die Schattennetzwerke um Sabine Wellmann und den Al-Wahbi-Clan; die Fäden zogen sich nicht nur über den Asphalt von St. Pauli, sie reichten bis in diese fliegende Röhre hinein.
In diesem Moment ertönte ein hektisches Rascheln von den hinteren Sitzen. Nico war aufgesprungen. Seine Knie stießen gegen den Vordersitz, sodass eine Plastikflasche zu Boden fiel und durch den Gang rollte. Nicos Gesicht war wachsbleich, seine Lippen bebten, und aus seiner Kehle drang ein leises, kehliger Laut, der zwischen Wimmern und Ersticken schwankte. Er hielt die zerknitterte Papierserviette mit beiden Händen vor sich, als trage er eine brennende Fackel.
„Nico, setz dich hin“, zischte Bilal mit seinem tiefen, grollenden Bass. Der Hüne legte seine schwere, vernarbte Hand behutsam auf Nicos Unterarm, doch der jüngere Mann wand sich mit überraschender Kraft aus dem Griff. Seine kohlegeschwärzten Finger krampften sich um das Papier.
Nico taumelte zwei Schritte durch den Gang nach vorn, direkt auf Martens Reihe zu. Seine Augen waren weit aufgerissen, die nadelstichartigen Pupillen fixierten seinen älteren Bruder mit nackter Panik. Er sprach kein Wort, stieß nur stoßweise Atemluft aus, die nach kaltem Minztee und Angst roch. Mit einer fahrigen, zitternden Geste knallte er die Serviette auf Martens Klapptisch.
„Schau… schau… Schwenke… Schatten…“, brachte Nico heiser hervor, während seine Finger die Tischkante zerkratzten.
Marten blickte auf das Papier hinab. Die Linien waren nicht mehr geometrisch. Mit roher, fast gewalttätiger Präzision hatte Nico mit dem Kohlemesserchen ein Porträt auf den Zellstoff gerissen. Es zeigte ein hageres Gesicht mit markanten Wangenknochen, einer feinen Narbe am linken Nasenflügel und einer rahmenlosen Brille, deren Gläser tief in den Augenhöhlen lagen. Die Ähnlichkeit war gespenstisch, voller Schrecken und doch detailgenau. Es war das Gesicht eines Mannes, der seine Emotionen wie eine Maske trug.
Marten hob langsam den Kopf. Sein Blick wanderte über die Rückenlehnen der Vordersitze hinweg direkt zu Reihe 12. Der Mann im beigen Sakko hatte das Wirtschaftsmagazin sinken lassen. Er drehte den Kopf nur um wenige Millimeter zur Seite, sodass das Profil im matten Kabinenlicht sichtbar wurde: die scharfe Linie des Unterkiefers, die millimetergenau sitzende rahmenlose Brille, die winzige Narbe am Nasenflügel. Es gab keinen Zweifel. Nicos Zeichnung war kein Produkt eines dissoziativen Wahns; sie war das exakte Abbild des Passagiers auf Sitz 12C.
Der Mann in Reihe 12 spürte den Blick. Er drehte sich nicht vollends um, aber seine Mundwinkel verzogen sich zu einem kaum merklichen, eiskalten Spott. Dann schlug er das Magazin mit einer langsamen, kalkulierten Bewegung zu.
Bevor Marten reagieren konnte, trat ein harter Schatten in den Gang. Jürgen Hartmann hatte den Mittelgang mit drei schnellen, lautlosen Schritten überbrückt. Seine Hand ruhte warnend auf der Hüfte, nahe dem Saum seines Funktionshemdes. Seine stahlblauen Augen funkelten vor unterdrückter Härte, als er auf Nico herabblickte.
„Zurück auf Ihren Platz. Sofort“, sagte Hartmann mit schneidender, militärischer Kälte. Seine Stimme war nicht laut, aber sie trug eine Autorität in sich, die keinen Widerspruch duldete. „Niemand steht während des Steigflugs im Gang. Keine Ausnahmen.“
Nico zuckte zusammen, als habe ihn eine Peitsche getroffen, und wich einen halben Schritt zurück. Er klammerte sich an Martens Mantelschulter, seine Finger gruben sich in den schweren Stoff.
„Er steht unter Schock“, sagte Marten, stand langsam auf und stellte sich schützend zwischen Hartmann und seinen Bruder. Der Schmerz in seinem lädierten Knie schoss wie flüssiges Feuer durch sein Bein, doch Marten verzog keine Miene. Er fixierte den Air Marshal mit einem Blick, der so kalt und abgestumpft war wie die Pflastersteine von St. Georg. „Lassen Sie ihn in Ruhe.“
Hartmann trat einen Schritt näher, sodass der Abstand zwischen den beiden Männern kaum mehr als eine Handbreit betrug. Der Geruch von Rasierwasser und trockenem Ozon hing zwischen ihnen. „Ich habe Ihre Gruppe seit dem Gate im Auge, Thöne“, zischte Hartmann leise, damit die umliegenden Passagiere nichts mitbekamen. „Ich weiß nicht, welchen Dreck Sie aus Hamburg hierher mitgeschleppt haben, aber dieses Flugzeug unterliegt meinem Sicherheitsbereich. Jede unautorisierte Bewegung, jede weitere Unruhe betrachte ich ab sofort als unmittelbare Bedrohung. Verstehen wir uns?“
Hinter Hartmann tauchte Bilal Durmus im Gang auf. Seine gewaltige Gestalt blockierte das Licht der hinteren Deckenstrahler, sein Schatten fiel wie eine dunkle Wand über den Sicherheitsmann. Bilal sagte kein Wort, doch die Spannung in seinen massiven Schultern sprach eine deutliche Sprache.
Lukas legte Marten eine Hand auf die Schulter und zog ihn sanft zurück. „Wir setzen uns wieder, Herr Hartmann. Es gibt kein Problem.“
Hartmann musterte Bilal, dann Lukas, und schließlich wanderte sein Blick noch einmal zu Martens zitternden Händen. Seine Lippen kräuselten sich verächtlich. „Sorgen Sie dafür, dass das so bleibt.“ Er wandte sich mit einer präzisen Drehung ab und ging mit gleichmäßigem Schritt zurück in Richtung Business Class.
Marten sank zurück in seinen Sitz. Seine Atmung ging flach und unregelmäßig. Er glättete die zerknitterte Serviette auf seinem Tisch. Die Kohle hatte schwarze Flecken auf seinen Fingern hinterlassen, die sich mit dem Schweiß seiner Handflächen vermischten. Er starrte auf das gezeichnete Gesicht. Die Schlinge zog sich zu. In zehntausend Metern Höhe gab es keine Fluchtwege, keine Hinterhöfe zum Untertauchen und keine rettenden Türen. Die Maschine war ein hermetisch verriegelter Käfig aus Stahl und Verbundstoffen, gefangen zwischen einer undurchdringlichen Wolkendecke und dem eisigen Nichts des Atlantiks. Und der Feind saß nur zwei Reihen vor ihnen.
Blut auf zehntausend Metern
Das dumpfe, tiefe Dröhnen der gewaltigen Turbinen schien den gesamten Rumpf der Boeing in eine stetige, taube Schwingung zu versetzen. Es war ein Geräusch, das sich wie zäher Brei in die Gehörgänge fraß und jeden klaren Gedanken langsam erstickte. Draußen herrschte die endlose Schwärze über dem tosenden Nordatlantik, während im Inneren der Kabine d…

