
Freundeslinie
10. Fall für Marten Thöne
by Andrea Scholz
Manchmal fordert die Wahrheit das letzte Opfer. Zurück in Hamburg steht Privatermittler Marten Thöne vor den Trümmern seines Lebens: Seine enge Kollegin Jette Kruse wird erhängt in ihrer Wohnung aufgefunden. Was wie ein verzweifelter Suizid arrangiert wurde, entpuppt sich als kaltblütiger Mord – zwei Strangulationsmale am Hals beweisen, dass sie erdrosselt wurde, bevor die Schlinge sich schloss. Was hatte Jette auf eigene Faust recherchiert? Die einzigen Spuren führen zu einem elitären Finanzberater und in das zwielichtige Séparée der Nobelbar »Blue 44«, wo Macht, käufliche Begleitung und Erpressung regieren. Von unerträglichen Schuldgefühlen zerfressen, verfällt Marten erneut dem Rausch des Kokains. Im Nebel der Sucht kämpft sein Team verzweifelt um Gerechtigkeit, während ein skrupelloser Killer Zeugen beseitigt und auch die Ermittler ins Fadenkreuz geraten. Zwischen den schattigen Kaianlagen der Speicherstadt und den Prachtvillen an der Elbchaussee beginnt ein erbarmungsloser Wettlauf gegen die Zeit. Ein packender, kompromissloser Kriminalroman über Loyalität, Schmerz und das tödliche Gift verdrängter Geheimnisse.
- Mystery
- Thriller
- Crime Fiction
- Police Procedural
- Murder Mystery
- Crime Thriller
Der Strick im Morgengrauen
Der Nieselregen über St. Pauli schmeckte nach altem Ruß, brackigem Elbwasser und feuchtem Asphalt. Er kroch durch das grobe Gewebe von Martens abgewetztem Wollmantel, fraß sich kalt über seine Schultern und setzte sich tief in den Gelenken fest. Sein linkes Knie brannte bei jedem Schritt über das unebene Pflaster des Hinterhofs, ein stechender Schmerz, der sich wie flüssiges Feuer unter der elastischen Stützmanschette ausbreitete. Marten presste die Zähne zusammen. Das dumpfe Pochen in seinen Schläfen, das ihn seit den frühen Morgenstunden begleitete, schwoll mit jedem Atemzug an. Es war diese bleierne, nervöse Unruhe, die sich von den Fingerspitzen bis in den Magen bohrte, sobald die Ordnung der Dinge Risse bekam.
Jette fehlte. Es gab keine Nachricht, keine kurze Zeile auf dem Kanal, kein Klingeln des Mobiltelefons. Seit vierundzwanzig Stunden herrschte Funkstille. Und Jette Kruse schwieg niemals, wenn sie eine Fährte aufnahm.
Lukas Bergkamp ging einen halben Schritt hinter ihm. Seine Gestalt wirkte im fahlen Licht der Hamburger Morgendämmerung wie aus dunklem Stein gehauen. Die haselnussbraunen Augen wanderten unablässig über die bröckelnden Fassaden, die verrosteten Feuertreppen und die verschlossenen Hintertüren der alten Mietshäuser. Seine Einsatzkleidung roch nach feuchtem Leder und kaltem Regen. Neben ihnen bewegte sich Bilal Durmus mit der lautlosen, unerbittlichen Schwere einer Lawine. Seine Fäuste, vernarbt und schwielig von zahllosen Auseinandersetzungen im Kiez, steckten tief in den Taschen seiner schweren Lederjacke. Niemand sprach ein Wort. Das Geräusch ihrer Stiefel auf den nassen Pflastersteinen klang trocken und bedrohlich.
Sie betraten das Treppenhaus des Altbaus. Die Luft im Inneren war stickig, gesättigt von Jahrzehnten ausgedampfter Bohnerwachsschichten, muffigen Teppichläufern und dem unverwechselbaren, süßlich-schalen Gestank von abgestandenem Tabakrauch. Martens Hand klammerte sich an das gedrechselte Holz des Treppengeländers, als sie Stufe um Stufe nach oben stiegen. Das Holz knarrte unter ihrem Gewicht. Bei jedem Auftreten seines linken Fußes sandte der zertrümmerte Meniskus eine schneidende Warnung an sein Hirn, doch er ignorierte das Signal. Sein Blick war starr auf den dritten Stock gerichtet.
Vor der Wohnungstür von Jette blieb das Trio stehen. Marten hob die Hand und klopfte viermal fest gegen das massive, dunkelbraune Holz. Die Schläge hallten laut durch das leere Treppenhaus. Nichts rührte sich dahinter. Marten drückte die Türklinke nach unten. Sie leistete Widerstand, abgeschlossen, der Riegel tief im Schlosskasten verankert.
Marten trat einen Schritt näher an den Türspalt heran und zog die Luft ein. Neben der kalten Asche und dem modrigen Staub hing ein weiterer Geruch im Flur, kaum wahrnehmbar, aber unverkennbar für jeden, der zu viele Tatorte gesehen hatte: der süßliche, kupferige Hauch von Verwesung und unnatürlichem Verfall.
"Bilal", sagte Marten heiser. Seine Stimme klang wie trockenes Schmirgelpapier auf Metall.
Der Hüne nickte nur knapp. Es brauchte keine weiteren Erklärungen. Bilal trat einen halben Schritt zurück, spannte die massiven Muskeln seines Oberkörpers an und rammte die Sohle seines schweren Stiefels mit roher, unbändiger Gewalt direkt neben das Schloss. Das Holz splitterte mit einem ohrenbetäubenden Knall. Der Rahmen barst in langen, gezackten Fasern. Mit einem zweiten, noch wuchtigeren Tritt drückte Bilal die Tür vollständig auf, sodass sie gegen die Innenwand prallte und im Schlossrahmen vibrierte.
Die Dunkelheit in der Wohnung war zäh wie Sirup. Die zugezogenen Vorhänge ließen nur das kranke, aschgraue Morgenlicht der Straße in feinen Streifen durch das Wohnzimmer schneiden. Staubflocken tanzten träge in den Lichtkegeln. Marten zog seine Taschenlampe aus der Manteltasche, der Strahl riss durch die Schwärze und blieb sofort an etwas hängen, das mitten im Raum von der Decke ragte.
Die Zeit schien für den Bruchteil einer Sekunde vollständig zu gefrieren. Martens Atem stockte in seiner Kehle, als hätte sich eine eiserne Faust um seine Luftröhre geschlossen.
Dort, am massiven Haken der alten Stuckrosette, hing Jette Kruse. Ein dickes, grobes Hanfseil schnitt tief in das weiche Fleisch ihres Halses ein und presste ihren Kopf unnatürlich weit nach hinten links. Ihre Füße, in den abgewetzten Schnürstiefeln, baumelten nur wenige Zentimeter über den knarrenden Holzdielen. Die Haut ihres Gesichts war wachsbleich, überzogen von dunklen, bläulichen Flecken. Die streng nach hinten gebundenen roten Haare fielen wirr über ihre Schultern. Ihre Arme hingen schlaff an den Seiten herab, die Finger krampfhaft gekrümmt.
Ein erstickter, kehliger Laut entriss sich Bilals Brust. Der Hüne taumelte zwei Schritte vorwärts, seine Hände griffen ins Leere, als wolle er die Wirklichkeit vor seinen Augen zerschlagen. "Nein", flüsterte Bilal mit einer Stimme, die vor Entsetzen zitterte. "Nein, Jette..."
"Messer!", schrie Marten. Der Schrei riss durch das Zimmer, barst an den Wänden und zerschnitt die lähmende Schockstarre. Das Adrenalin schoss wie heißes Gift durch seine Venen. "Lukas, schneid sie runter! Los!"
Lukas reagierte mechanisch, getrieben von jahrelangem taktischem Training. Er riss sein Klappmesser aus der Koppel, sprang auf den kleinen Holztisch, der direkt unter der Toten stand, und packte das straff gespannte Hanfseil über Jettes Kopf. Bilal stürzte nach vorn, schlang seine massiven Arme um ihre Oberschenkel und stemmte ihren leblosen Körper mit aller Kraft nach oben, um den Zug vom Strang zu nehmen. Das Seil knirschte, als Lukas die Klinge durch die dicken Fasern sägte. Mit einem dumpfen Reißen gab das Tau nach.
Gemeinsam ließen Bilal und Marten den Körper langsam auf den Boden gleiten. Das Holz der Dielen gab unter dem Aufprall ein hohles Stöhnen von sich. Marten kniete sofort neben ihr nieder. Der Schmerz in seinem Knie war mit einem Schlag vollkommen ausgelöscht, überdeckt von einer Welle blanker Panik. Seine zitternden Finger griffen nach dem zerschlissenen Kragen ihrer Lederjacke, rissen das Seil von ihrem Hals und suchten die Halsschlagader.
Das Fleisch unter seinen Fingerkuppen war eiskalt, ledern und unnachgiebig. Keine Regung. Kein Pulsieren. Nichts.
Marten beugte sich vor, verschloss ihre Nase und presste seine Lippen auf ihren kalten Mund. Er blies Luft in ihre Lungen, sah, wie sich ihr Brustkorb unter dem Stoff ihres Pullovers träge hob und wieder senkte, und begann mit der Herzdruckmassage. Eins, zwei, drei, vier. Seine Handflächen pressten auf ihr Brustbein. Er drückte mit dem gesamten Gewicht seines Oberkörpers, während Schweiß über seine Stirn lief und ihm in die Augen brannte.
"Komm schon, Jette", presste er hervor, die Worte gehackt, gepresst zwischen keuchenden Atemzügen. "Verdammte Scheiße, komm zurück! Wach auf!"
Er drückte wieder. Seine Hände rutschten auf dem kalten Stoff ab. Bilal kniete reglos neben ihnen, den Kopf in den vernarbten Händen vergraben, während sein gewaltiger Körper von lautlosen, tonlosen Krämpfen geschüttelt wurde. Lukas stand da, das Messer noch immer geöffnet in der rechten Hand, die haselnussbraunen Augen starr und voller bodenloser Trauer auf die Tote gerichtet.
"Marten", sagte Lukas ganz leise. Seine Stimme war sanft, fast unhörbar im dämmrigen Raum. "Marten, hör auf."
"Halt die Fresse!", schrie Marten, ohne innezuhalten. Er drückte erneut gegen ihren Brustkorb. "Sie atmet noch! Wir kriegen sie zurück! Hilf mir, verdammt noch mal!"
Lukas kniete sich langsam neben ihn, legte eine feste, warme Hand auf Martens zitternde Schulter und zog ihn mit sanftem, aber unwiderstehlichem Nachdruck zurück. "Marten. Sie ist tot. Sie ist seit Stunden tot. Sieh dir ihre Haut an. Sieh dir ihre Augen an."
Martens Hände erstarrten über Jettes Brust. Er starrte auf ihr Gesicht. Die Augen waren halb geöffnet, die Pupillen starr und milchig trüb, fixiert auf einen Punkt an der Decke, den niemand von ihnen sehen konnte. Das Muttermal an ihrer Schläfe hob sich dunkel von der aschfahlen, leblosen Haut ab. Es gab kein Leben mehr in diesem Körper. Nur noch eine leere, kalte Hülle.
Marten ließ die Arme sinken. Seine Hände zitterten so heftig, dass seine Fingerknöchel gegeneinanderschlugen. Er stützte sich auf den nassen Dielenboden ab, der Schweiß tropfte von seiner Nasenspitze auf das Holz. Die Stille, die sich nun über den Raum legte, war schwerer und erdrückender als jeder Lärm. Es roch nach Tod, nach ausgelöschter Hoffnung und nach dem bitteren Geruch von kaltem Hanf.
Schwere, schlurfende Schritte im Treppenhaus durchbrachen die Lähmung. Wenige Sekunden später stand Pascal Molsen im Türrahmen. Seine Hornbrille saß schief auf der spitzen Nase, seine fleckige Arbeitsjacke hing lose an seinen mageren Schultern. In der Hand trug er einen robusten Aluminiumkoffer mit portabler Tatortbeleuchtung. Er blieb auf der Schwelle stehen, seine fiebrig wachen Augen tasteten durch den Raum, sahen das zerschnittene Seil, die geborstene Tür und die Leiche auf dem Boden. Ein leises, zittriges Seufzen entwich seinen schmalen Lippen.
"Gott steh uns bei", flüsterte Pascal. Seine Stimme zitterte leicht, doch als er den Raum betrat, wandelte sich seine Haltung. Die jahrzehntelange Routine des Naturwissenschaftlers übernahm mit fast mechanischer Präzision die Kontrolle über seinen geschundenen Körper.
Pascal kniete neben Marten nieder, stellte seinen Koffer ab und klappte zwei mobile LED-Scheinwerfer auf. Ein grelles, blendend weißes Licht durchschnitt die Dunkelheit des Wohnzimmers und tauchte Jettes leblosen Körper in eine klinische, gnadenlose Helligkeit. Jedes Detail, jede Faser ihres Mantels, jede Unebenheit ihrer Haut trat schonungslos hervor.
"Fasst nichts mehr an", sagte Pascal mit leiser, belegter Stimme. Er zog ein Paar blaue Nitrilhandschuhe aus seiner Tasche, streifte sie über seine zerschundenen Hände und beugte sich über Jettes Hals.
Marten beobachtete jede seiner Bewegungen. Sein Verstand, benebelt von einem tauben Rauschen, klammerte sich an die methodische Kälte des alten Wissenschaftlers. Pascal schob vorsichtig den groben Kragen von Jettes Lederjacke beiseite. Seine Finger tasteten mit behutsamer Genauigkeit über die verfärbte Haut des Halses.
"Was siehst du, Pascal?", fragte Lukas leise. Er war einen Schritt zurückgetreten und sicherte instinktiv das Zimmer ab, die Augen wachsam auf Fenster und Flur gerichtet.
Pascal antwortete nicht sofort. Er nahm eine kleine Lupe aus seinem Koffer und richtete das grelle LED-Licht direkt auf die Kehle der Toten. Seine Brauen zogen sich zusammen, die Lippen pressten sich zu einem dünnen Strich. Nach mehreren Sekunden des Schweigens hob er den Kopf und sah Marten direkt in die Augen. In Pascals Blick lag kein Zweifel, nur die grausame Klarheit unumstößlicher Fakten.
"Das war kein Suizid", sagte Pascal mit schneidender, präziser Ruhe.
Bilal hob ruckartig den Kopf. "Was redest du da?"
"Seht euch das Muster an", fuhr Pascal fort und deutete mit der Spitze einer feinen Pinzette auf Jettes Kehlkopf. "Hier oben verläuft die breite, unregelmäßige Druckmarke des Hanfseils. Sie zieht schräg nach oben, hinter die Ohren. Das ist das klassische Bild einer Strangulation durch Erhängen. Typisch für das Gewicht des herabsackenden Körpers." Er pausierte kurz und senkte die Pinzette um zwei Zentimeter nach unten. "Aber seht darunter."
Marten beugte sich so weit vor, dass er das schwache Aroma von Pascals chemischen Tinkturen riechen konnte. Unter der breiten Furche des Taus zeichnete sich eine zweite, deutlich dünnere Linie ab. Sie war kreisrund, tief in das Gewebe eingeschnitten und verlief vollkommen horizontal um den gesamten Hals.
"Zwei verschiedene Strangulationsmarken", erklärte Pascal methodisch, während seine Hand das Licht millimetergenau nachjustierte. "Die untere Marke ist feiner. Vermutlich eine Klaviersaite oder eine feste Nylonschnur. Das Gewebe darunter weist massive Einblutungen auf, die entstanden sind, als ihr Herz noch schlug. Die horizontal verlaufende Schlinge hat ihren Kehlkopf zertrümmert und die Blutzufuhr zum Gehirn unterbrochen. Jette wurde am Boden liegend von hinten erdrosselt. Sie war bereits tot, als der Täter das Hanfseil anbrachte und ihren Körper an den Deckenhaken zog, um die Tat wie einen Freitod aussehen zu lassen."
Die Worte fielen wie schwere Bleigewichte in den Raum. Bilal stieß ein ersticktes Grollen aus, sprang auf und rammte seine Faust mit voller Wucht gegen die Wand. Der alte Putz bröckelte, riss auf und hinterließ eine tiefe Delle im Mauerwerk. Bilal atmete schwer, seine Brust hob und senkte sich keuchend, die Adern an seinen Schläfen traten wie dicke blaue Stränge hervor.
In Martens Kopf brach etwas entzwei. Die dünne, mühsam errichtete Mauer aus Selbstbeherrschung und analytischer Distanz, die er sich in den vergangenen Wochen mühsam aufgebaut hatte, zersplitterte in tausend scharfe Scherben. Der Mord an Jette war keine abstrakte Ermittlungsakte. Es war ein Schlag mitten in sein Herz. Jette, die ihn durch die dunkelsten Stunden begleitet hatte, war abgeschlachtet worden wie ein Tier in ihrer eigenen Wohnung.
Sein Herz raste mit einer mörderischen Frequenz gegen seine Rippen. Seine Hände zitterten unkontrollierbar, die Muskeln in seinem Nacken verkrampften sich zu harten Knoten. Er brauchte Fokus. Er brauchte Stille. Er brauchte das rettende Nichts, das seinen Verstand von dieser brennenden Hölle aus Schmerz und Hilflosigkeit befreite.
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, stieß Marten sich vom Boden ab. Sein linkes Knie knickte kurz ein, doch er fing den Sturz am Türrahmen ab und taumelte durch den schmalen Flur in das fensterlose Badezimmer der Wohnung. Er riss die Tür hinter sich zu, drückte den Riegel vor und lehnte sich mit dem Rücken gegen das kalte Holz.
Die Dunkelheit im Bad wurde nur von einer schwachen, rötlichen Energiesparlampe über dem Spiegel erhellt. Marten keuchte. Die Luft hier roch nach Lavendelseife und feuchten Handtüchern – Jettes Geruch. Er konnte es nicht ertragen. Es fraß sich in sein Gehirn wie Säure. Seine Schläfen hämmerten, als würde jemand mit einem schweren Eisenhammer gegen seinen Schädel schlagen.
Mit fahrigen, hastigen Fingern griff er tief in die Innentasche seines Mantels. Seine Finger berührten das vertraute, winzige Plastiktütchen mit dem Zip-Verschluss. Das reinste, weißeste Gift. Die chemische Erlösung.
Er trat an das weiße Keramikwaschbecken. Seine Hände zitterten so heftig, dass er den Verschluss des Tütchens fast zerriss. Er schüttete eine großzügige Menge des feinen, kristallinen Pulvers direkt auf den kühlen, staubigen Rand des Beckens. Mit einer abgelaufenen Plastikkarte aus seiner Brieftasche zog er das Pulver mit zittrigen Strichen zu zwei dicken, unebenen Linien zusammen. Das Schaben des Plastiks auf dem Porzellan klang wie das Schärfen einer Klinge.
Marten rollte einen alten Fünfzig-Euro-Schein zusammen, beugte sich über das Waschbecken, presste das linke Nasenloch zu und zog die erste Linie in einem einzigen, gierigen Zug tief in seine Nebenhöhlen.
Das weiße Pulver brannte wie flüssiges Eis. Ein stechender, chemischer Schmerz schoss explosionsartig hinter seine Augen und ließ Tränen über seine Wangen laufen. Marten keuchte auf, setzte den Schein am rechten Nasenloch an und inhalierte auch die zweite Linie restlos vom Rand des Beckens.
Er riss den Kopf nach hinten. Der bittere, metallische Nachgeschmack der Droge lief augenblicklich seinen Rachen hinab und betäubte seine Zunge. Fast zeitgleich explodierte der Stoff in seinem zentralen Nervensystem. Ein eiskalter Adrenalinstoß flutete sein Gehirn, jagte das Blut durch die verengten Gefäße und fegte das lähmende Rauschen des Schocks mit unbarmherziger Gewalt hinweg. Die Farben im Raum wurden messerscharf, das dumpfe Pochen in seinen Schläfen wich einer eisigen, kristallenen Klarheit. Seine Sinne spannten sich wie Stahlseile.
Ein leises Klicken ertönte an der Tür. Der Schlossriegel gab nach. Lukas stand im Rahmen.
Lukas blickte nicht überrascht. Seine melancholischen, braunen Augen wanderten von Martens geweiteten Pupillen über die feinen weißen Pulverreste am Rand des Waschbeckens bis zu dem zusammengerollten Geldschein in Martens verkrampfter rechter Hand. Es lag kein Vorwurf in Lukas’ Blick. Kein Zorn. Keine Belehrung. Nur eine unendliche, tiefe Traurigkeit und das stumme, bittere Einverständnis eines Mannes, der wusste, dass dieses Gift das Einzige war, was Marten in dieser Sekunde vor dem endgültigen Zusammenbruch bewahrte.
Lukas schloss die Tür leise hinter sich. Er trat vor Marten hin, nahm ein sauberes Papiertuch vom Halter, befeuchtete es kurz unter dem tropfenden Wasserhahn und wischte vorsichtig über Martens Oberlippe, um die letzten weißen Spuren des Kokains zu entfernen. Seine Berührung war ruhig, fest und absolut kontrolliert.
"Bist du da?", fragte Lukas leise. Seine Stimme war ruhig, sachlich, wie die eines Operateurs vor einem schweren Schnitt.
Marten presste die Lippen zusammen. Der Rausch pulsierte in seinem Nacken, ein elektrisches Surren, das seinen Blick scharf wie eine Rasierklinge machte. Er nickte knapp. "Ich bin da."
"Gut", sagte Lukas, warf das Papiertuch in den Mülleimer und wandte sich wieder der Tür zu. "Wir müssen den Raum sichern. Und wir müssen herausfinden, was Jette gesucht hat."
Marten strich sich mit dem Handrücken über das schweißnasse Gesicht und folgte Lukas zurück ins Wohnzimmer. Der Schmerz in seinem Knie war jetzt nur noch ein fernes, unbedeutendes Ziehen. Die Trauer war nicht verschwunden, aber sie war eingesperrt worden in einen eisernen Käfig aus absolutem, rücksichtslosem Fokus. Seine Schritte waren fest, als er wieder neben Jettes Leichnam trat.
Pascal Molsen war damit beschäftigt, mikroskopische Fasern von Jettes Kleidung mit einer Pinzette in kleine Glasröhrchen zu überführen. Seine Hände arbeiteten ruhig, fast andächtig. Bilal lehnte mit dem Rücken an der Wand, die Arme vor der massiven Brust verschränkt, der Blick starr auf den Dielenboden gerichtet. Die Wut in dem Hünen war zu einer kalten, todbringenden Entschlossenheit geronnen.
"Der Täter wusste genau, was er tat", sagte Marten mit trockener, schneidender Stimme. Seine Sätze kamen schnell, präzise und ohne jedes Zittern. "Keine Einbruchsspuren an den Fenstern. Die Tür war von innen oder mit einem passenden Schlüssel verriegelt. Jette hat ihn hereingelassen. Sie kannte ihn oder er hat sich als jemand ausgegeben, den sie nicht als Bedrohung einstufte."
"Oder er hat sie überrascht, als sie nach Hause kam", ergänzte Lukas, der den schmalen Schreibtisch in der Ecke des Zimmers absuchte. "Ihre Jacke war noch geschlossen. Die Stiefel waren nicht ausgezogen. Sie war kaum fünf Minuten in der Wohnung, bevor der Zugriff erfolgte."
"Jette war eine ausgebildete Nahkämpferin", knurrte Bilal mit tiefem, grollendem Bass. "Niemand erdrosselt sie einfach so am Boden. Nicht ohne Gegenwehr."
Pascal hob vorsichtig Jettes rechte Hand an und richtete das LED-Licht auf ihre Fingernägel. "Sie hat sich gewehrt. Unter den Nägeln befinden sich minimale Haut- und Faserreste. Ich werde sie sichern. Doch der Angriff erfolgte mit überwältigender physischer Wucht von hinten. Der Kehlkopf war innerhalb von Sekunden gequetscht. Sie hatte keine Chance, Luft zu holen oder einen Hebel anzusetzen."
Marten wandte sich ab und ging mit schnellen, raumgreifenden Schritten auf den Schreibtisch zu. Seine hellblauen Augen glitten fiebrig über die Oberflächen. Papiere, alte Quittungen, ein Stadtplan von Hamburg mit handschriftlichen Markierungen entlang des Hafens. Alles wirkte auf den ersten Blick ordentlich, fast unberührt. Doch Marten kannte Jettes Arbeitsweise. Sie dachte in Strukturen, hielt ihre Schritte akribisch fest, wenn sie einer heißen Spur folgte.
Neben der Tastatur ihres geschlossenen Laptops lag ein kleiner, ledergebundener Tischkalender. Marten schlug ihn auf. Die Seiten waren vollgekritzelt mit kurzen Notizen, Uhrzeiten und Straßennamen in Jettes kantiger, energischer Handschrift.
Er blätterte auf den gestrigen Tag. Der Tag, an dem sie um Freistellung gebeten hatte. Der Tag, an dem sie verschwand.
Mitten auf der Seite stand ein einziger, fett unterstrichener Name, daneben eine Uhrzeit: 21:30 Uhr – Sebastian Ryll.
Marten fixierte die Buchstaben. Die Tinte war tief in das Papier gedrückt worden, ein Zeichen dafür, wie eilig oder angespannt sie beim Schreiben gewesen war. "Sebastian Ryll", las Marten laut vor. Die Silben klangen scharf in der Stille des Raumes. "Kennt den jemand?"
Lukas schüttelte den Kopf. "Noch nie gehört. Klingt nach Finanzsektor oder Anwaltskanzlei."
"Pascal?", fragte Marten, ohne den Blick vom Kalender abzuwenden.
"Kein Treffer in meinen toxikologischen oder behördlichen Karteien", erwiderte Pascal leise, während er ein weiteres Beweisglas verschloss. "Aber der Name wirkt bürgerlich. Oberschicht."
Marten blätterte die Seiten weiter durch, suchte nach Querverweisen, Notizen oder Telefonnummern. Zwischen den letzten beiden Blättern stieß er auf ein gefaltetes Stück Thermopapier. Es war ein Rechnungsbeleg, leicht verknittert, datiert auf den gestrigen Abend, 23:15 Uhr.
Marten zog den Zettel heraus und hielt ihn ins Licht der Schreibtischlampe. Der Kopf des Belegs trug ein schlichtes, elegantes Logo in dunkelblauem Druck: Blue 44 – Bar & Lounge. Die Adresse lag in einer diskreten Nebenstraße nahe der Außenalster, eine jener Gegenden, in denen Diskretion teurer bezahlt wurde als Champagner.
Auf der Rechnung waren zwei Gläser Macallan-Whisky aufgeführt, bezahlt in bar. Keine Kreditkartenspur. Aber auf der Rückseite des Papiers hatte Jette mit schnellen Bleistiftstrichen eine Telefonnummer und zwei Worte notiert: VIP Hinterzimmer / Nicole L.
"Hier ist es", sagte Marten. Seine Stimme hatte jene schneidende, unnachgiebige Schärfe angenommen, die immer dann einsetzte, wenn das Kokain seine Gedanken ordnete und das Ziel klar vor ihm lag. Er hielt den Beleg hoch, sodass Lukas und Bilal ihn sehen konnten. "Blue 44. Jette war gestern Nacht dort. Sie hat sich mit diesem Sebastian Ryll getroffen oder ihn beschattet."
Lukas trat neben ihn und musterte den Beleg. "Das Blue 44 ist kein gewöhnlicher Club. Es ist ein elitärer Treffpunkt. Geschlossene Gesellschaft, schwere Sicherheitsvorkehrungen, hochpreisige Escort-Dienste für vermögende Kunden aus Politik und Wirtschaft. Wenn Jette dort herumschnüffelte, hat sie in ein Wespennest gestochen."
"Sie hat nicht nur geschnüffelt", knurrte Bilal, der herangetreten war und dessen massiver Schatten auf den Schreibtisch fiel. "Sie hat jemanden gefunden, der Angst vor ihr hatte. So viel Angst, dass er sie bis hierher verfolgt und hingerichtet hat."
Marten steckte den Kalender und den Rechnungsbeleg in seine Manteltasche. Das Kokain brannte heiß und fordernd in seinen Adern. Jedes Zögern, jede Sekunde des Verharrens fühlte sich an wie Verrat an der Frau, die tot auf dem Boden ihres Wohnzimmers lag. Der Schmerz über ihren Verlust war nicht verflogen, er hatte sich in eine brennende, unbarmherzige Jagdlust verwandelt.
"Pascal", sagte Marten und sah den alten Wissenschaftler an. "Sichere alle biologischen Spuren an Jette. Jede Faser, jeden Hautpartikel unter ihren Nägeln. Wir überlassen den Behörden diesen Tatort erst, wenn wir alles haben, was wir brauchen. Wenn das LKA anrückt, wird dieser Mord als Suizid weggewischt. Das dürfen wir nicht zulassen."
Pascal nickte ernst. "Ich brauche noch zwanzig Minuten. Dann habe ich alles, was forensisch relevant ist."
"Gut", sagte Marten. Er wandte sich an Lukas und Bilal. Seine hellblauen Augen glänzten fiebrig im fahlen Scheinwerferlicht. "Lukas, ruf Henning und Luca an. Sie sollen das System hochfahren. Ich will jedes Detail über Sebastian Ryll, seine Firmen, seine Konten und seine Verbindungen zur Bar Blue 44 auf dem Tisch haben, bevor die Sonne richtig aufgeht. Bilal, du kommst mit mir."
Bilal nickte stumm. Seine Fäuste ballten sich in den Jackentaschen.
Marten trat noch einmal an Jettes Leichnam heran. Er kniete nicht nieder, berührte sie nicht mehr. Er sah nur auf ihr blasses, unbewegtes Gesicht hinab, prägte sich die zwei sich kreuzenden Strangulationsmale an ihrem Hals für immer in sein Gedächtnis ein. Es war ein stummes Gelübde. Eine Schuld, die erst beglichen sein würde, wenn der Mann, der ihr das Seil um den Hals gelegt hatte, den Preis dafür zahlte.
Marten wandte sich ab, ging mit harten, entschlossenen Schritten an der geborstenen Tür vorbei und trat hinaus in das kalte, nach feuchtem Ruß riechende Treppenhaus. Der Nieselregen draußen über St. Pauli hatte zugenommen, peitschte gegen die schmutzigen Fensterscheiben des Flurs, während der Rausch in Martens Nerven wie ein stählerner Motor arbeitete. Die Jagd hatte begonnen.
Das Erbe der Toten
Der Geruch von altem Wermut, kaltem Pfeifentabak und feuchtem Mauerwerk schlug Marten entgegen, als die schwere Hintertür der Traditionskneipe ins Schloss fiel. Harald Friese riegelte den massiven Eisenbolzen mit einer geübten Handbewegung vor. Das metallische Klicken hallte durch den schmalen Gang, der direkt in das abgeschirmte Hinterzimmer der A…

