
Gotteslinie
5. Fall für Marten Thöne
by Andrea Scholz
In den prunkvollen Villen an der Hamburger Elbchaussee ist kein Platz für Blut – oder Zeugen. Marten Thöne ist zurück im nasskalten Hamburg, gezeichnet von den Eskapaden auf Mallorca. Während er versucht, seinen traumatisierten Bruder Nico im Schanzenviertel vor der Vergangenheit zu verstecken, betritt ein ungewöhnlicher Klient seine Detektei. Paco, ein Obdachloser, behauptet, einen grausamen Mord beobachtet zu haben. Der Verdächtige? Dominik von Hartenstein, der strahlende Liebling der High Society. Die Polizei findet nichts. Das Haus ist klinisch rein, keine Spur von Gewalt, keine Leiche. Doch Saskia Baumgarten, die Geliebte des 'Sunnyboys', bleibt verschwunden. Marten wittert eine Verschwörung, die weit über einen einfachen Mord hinausgeht. Getrieben von Kokain und seinem messerscharfen Verstand, taucht er tief in ein Netz aus Geldwäsche und Identitätslöschung ein. Zwischen der toxischen Anziehung seines Dealers Richard und der Sorge um seinen Bruder muss Marten alles riskieren. Denn manche Flecken lassen sich nicht wegwischen – egal, wie fest man schrubbt.
- Mystery
- Crime Fiction
- Thriller
- Detective Story
- Murder Mystery
- Crime Thriller
Asche und Regen
Der Hamburger Regen war kein einfaches Wetter, er war ein Zustand, der sich wie eine zweite Haut über die Stadt legte. Nasskalt, unerbittlich und schwer drückte er die Gerüche der Straße nach unten, sodass sich das Aroma von feuchtem Asphalt, verrottendem Laub und billigem Tabak zu einer stickigen Dunstglocke verband. Marten Thöne stand im Schatten eines baufälligen Hauseingangs im Schanzenviertel. Der Kragen seines abgetragenen Mantels war hochgeschlagen, doch das Wasser fand dennoch seinen Weg, kroch ihm kalt die Wirbelsäule hinauf und ließ ihn frösteln. Seine Hände waren tief in den Taschen vergraben, die Finger zu Fäusten geballt, um das unkontrollierte Zittern zu verbergen, das tief aus seinem Inneren kam. Es war nicht nur die Kälte der Elbe, die ihm in die Glieder fuhr. Es war der vertraute, grausame Rhythmus in seinem Kopf, der nach Erlösung verlangte.
Er blickte hinauf zu dem matten, gelblichen Licht, das aus dem Fenster im zweiten Stock des Altbaus drang. Dort oben, hinter den rissigen Mauern und den von Feuchtigkeit gezeichneten Tapeten, lag das neue Versteck seines Bruders Nico. Nach den traumatischen Ereignissen auf Mallorca war diese karge Wohnung der einzige Ort, der eine Illusion von Sicherheit bot. Marten stieß den Atem aus, der als feine, weiße Wolke in der nasskalten Luft verpuffte. Er musste hineingehen. Er musste funktionieren. Für Nico, für sich selbst, für das nackte Überleben.
Die Treppenstufen aus ausgetretenem Holz knarzten unter seinen Schritten wie die Knochen eines sterbenden Riesen. Der Flur roch nach kaltem Fett und feuchtem Keller, ein typischer Geruch für diese vergessenen Ecken des Viertels. Als Marten die Tür aufschloss, empfing ihn eine bedrückende, fast greifbare Stille. Die Wohnung war spärlich eingerichtet, kaum mehr als eine Notunterkunft. Ein nackter Tisch, zwei klapprige Stühle und eine Matratze in der Ecke des Raumes, auf der Nico saß. Sein Bruder wirkte kleiner, fast zerbrechlich. Seine Knie waren fest an die Brust gezogen, die Arme darum geschlungen, während er den Kopf rhythmisch vor und zurück wiegte. Ein leises, monotones Summen drang aus Nicos Lippen, ein Kinderlied ohne Text, das in der Leere des Raumes wie ein gespenstisches Echo widerhallte.
Marten spürte, wie sich seine Lunge verengte. Die Hilflosigkeit war eine physische Last, die ihm den Atem raubte. Er spürte das fiebrige Verlangen in seinen Adern, das unbarmherzige Verlangen nach dem weißen Pulver, das die lähmende Kälte in seinem Kopf vertreiben und seine Synapsen wieder zum Glühen bringen konnte. Er musste sich sammeln, nur für ein paar Minuten. Ohne ein Wort zu sagen, wandte er sich ab und schlüpfte in das winzige, fensterlose Badezimmer. Die Tür fiel mit einem leisen Klicken ins Schloss.
Unter dem grellen, flackernden Licht des Spiegels sah sein eigenes Gesicht ihm entgegen. Abgemagert, die Haut fahl und von blau schattierten Augenhöhlen durchbrochen, in denen ein unruhiges, fiebriges Licht brannte. Seine Hände zitterten so stark, dass er Mühe hatte, das kleine Plastiktütchen aus seiner Innentasche zu nesteln. Mit geübten, fast mechanischen Bewegungen schüttete er eine kleine Menge des weißen Kokains auf die glatte Oberfläche des Waschbeckenrands. Er rollte einen zerknitterten Fünfzig-Euro-Schein zusammen, beugte sich hinab und zog das Pulver mit einem heftigen Zug in seine Nase. Der brennende Schmerz war die erste Erlösung, gefolgt von dem bitteren Geschmack, der ihm den Rachen hinunterlief.
Sekunden später explodierte die Wirkung in seinem Gehirn. Die Kälte wich einer künstlichen, gleißenden Wärme, die sich rasend schnell in seinem gesamten Körper ausbreitete. Das Zittern seiner Finger erstarb, sein Verstand klärte sich, und die Konturen des Raumes wirkten plötzlich scharf wie Rasierklingen. Er war wieder da. Er war scharfsinning, bereit, sich den Dämonen zu stellen, die im Nebenzimmer auf ihn warteten. Er wischte die Reste des Pulvers mit dem Ärmel weg, atmete tief durch und trat wieder hinaus zu seinem Bruder.
Marten setzte sich im Schneidersitz auf den staubigen Dielenboden, nur wenige Zentimeter von Nico entfernt. Er versuchte, seine Stimme so ruhig und fest wie möglich klingen zu lassen, doch in der rauen, heiseren Tonlage schwang die Anspannung mit. "Nico", sagte er leise. "Hör mir zu. Wir sind hier sicher. Niemand weiß, dass du hier bist. Aber ich brauche deine Hilfe. Du musst dich erinnern."
Das Summen erstarb nicht sofort. Nico hielt die Augen fest geschlossen, die Lider zuckten nervös. Er wirkte wie ein Gefangener in seinem eigenen, zersplitterten Verstand. Marten legte vorsichtig eine Hand auf die Schulter seines Bruders, spürte die extreme Anspannung der Muskeln darunter. "Weißt du noch, wie wir früher am Strand waren? Auf Mallorca? Bevor alles... bevor die Dunkelheit kam? Erinnerst du dich an unsere Mutter?"
Nico hielt in seiner Bewegung inne. Seine Augen öffneten sich langsam, doch sie blickten nicht auf Marten, sondern starrten ins Nichts, als sähe er Dinge, die für gesunde Augen unsichtbar waren. Seine Lippen bebten, und als er sprach, war seine Stimme ein heiseres, kaum verständliches Krächzen. "Die Lichter", murmelte er, und seine Finger krallten sich tiefer in den Stoff seiner Hose. "Es war so hell. Zu hell. Nicht die Sonne, Marten. Nein. Kaltes Licht. Es brannte in den Augen."
Marten beugte sich ein Stück vor, jede Faser seines Körpers war durch das Kokain in Alarmbereitschaft versetzt. "Was für ein Licht, Nico? Wo war das?"
Nico schüttelte den Kopf, wilder jetzt, und das rhythmische Wiegen setzte wieder ein. "Sie trugen weiße Kittel. Alle. Sie hatten keine Gesichter, nur weiße Kittel und kalte Hände. Sie haben mir die Bilder weggenommen, Marten. Sie haben sie aus meinem Kopf geschnitten. Ich kann sie nicht mehr sehen. Nur noch das weiße, kalte Licht." Er begann wieder zu summen, lauter diesmal, als wollte er die Fragen seines Bruders mit der Melodie übertönen.
Marten spürte einen eisigen Schauer, der nichts mit dem Wetter zu tun hatte. Weiße Kittel. Kaltes Licht. Es waren keine bloßen Halluzinationen eines traumatisierten Geistes. Es waren Fragmente einer klinischen, systematischen Grausamkeit, die Nico angetan worden war. Jemand hatte seine Identität nicht nur manipuliert, sondern regelrecht seziert. Die Wut stieg in Marten auf, heiß und zerstörerisch, doch er schluckte sie hinunter. Er durfte Nico jetzt nicht drängen. Er erhob sich langsam, strich sich über die Stirn, die trotz der Kälte im Raum feucht war, und sah noch einmal zu seinem Bruder hinab. Er musste Nico schützen, koste es, was es wolle. Doch die Schatten der Vergangenheit wurden länger, und sie schienen ihn bis nach Hamburg verfolgt zu haben.
Einige Zeit später verließ Marten die Wohnung und machte sich auf den Weg zur Detektei. Der Regen hatte nicht nachgelassen, er peitschte ihm nun von der Seite ins Gesicht, als er durch die dunklen Straßen eilte. Seine Gedanken rasten, befeuert von dem chemischen Antrieb in seinem Blut. Als er die Räumlichkeiten der Detektei betrat, schlug ihm die vertraute, stickige Luft entgegen. Es war ein karger Raum, dominiert von alten Aktenschränken und einem abgenutzten Schreibtisch. Am Fenster stand Jette.
Sie hatte die Arme vor der Brust verschränkt und blickte hinaus auf die nassen Dächer der Stadt. Als die Tür ins Schloss fiel, drehte sie sich langsam um. Ihr Blick war wachsam, dunkel und von einer stummen Anklage erfüllt. Sie sah ihn an – sah die Weite seiner Pupillen, das hektische Zucken in seinen Kiefermuskeln und die unnatürliche Starrheit seiner Haltung. Sie wusste es. Sie wusste genau, dass er wieder rückfällig geworden war, dass er die Kontrolle verloren hatte, die er so mühsam aufrechtzuerhalten vorgab. Ihr Blick war eine schmerzhafte Erinnerung an das Versprechen, das er sich selbst und dem Team gegeben hatte. Doch sie schwieg. Das Schweigen war kein Einverständnis, sondern der pragmatische Ausdruck einer bitteren Realität: Auch wenn die Detektei dank der letzten Aufträge finanziell stabil dastand und die Kassen gefüllt waren, durften sie jetzt nicht aneinander zerbrechen, wenn sie die kommenden Herausforderungen meistern wollten.
"Nichts Neues von der Bank?", fragte Marten, und seine Stimme klang rauer, als er beabsichtigt hatte. Er vermied es, ihr direkt in die Augen zu sehen, und tat stattdessen so, als würde er einige Papiere auf dem Schreibtisch ordnen.
"Nein", antwortete Jette kurz angebunden. Ihr Tonfall war grob, distanziert. "Die Konten sind sauber, aber von der Bank gibt es keine neuen Bewegungen. Wir haben zwar im Moment finanziell etwas Luft, aber das bedeutet nicht, dass wir uns auf die faule Haut legen können. Wenn wir diesen Fall nicht sauber lösen, nützt uns auch das ganze Geld auf dem Konto nichts, Marten. Wir müssen konzentriert bleiben – du, ich, Bilal und auch dein Bruder."
Die unbarmherzige Wahrheit ihrer Worte hing wie eine schwere Gewitterwolke im Raum. Marten wollte gerade antworten, als ein plötzliches, hastiges Klopfen an der Tür die Stille zerriss. Es war kein normales Klopfen, sondern ein panisches, unregelmäßiges Hämmern, das an die Holztür trommelte.
Jette fuhr herum, ihre Hand glitt instinktiv in die Tasche ihrer Cargo-Hose, wo sie stets bereit war, sich zu verteidigen. Marten spürte, wie sein Herzschlag sich beschleunigte, das Kokain verstärkte die plötzliche Paranoia. Er nickte Jette zu, die sich langsam der Tür näherte und sie mit einem ruckartigen Griff öffnete.
Ein Mann stürzte herein, fast so, als wäre er gegen die Tür gefallen. Er stolperte in den Raum und ging schwer atmend auf die Knie. Er trug mehrere Schichten zerschlissener, dreckiger Kleidung, die von Schlamm und Regen völlig durchnässt waren. Ein stechender Geruch von billigem Alkohol, nassem Hund und kaltem Rauch breitete sich augenblicklich im Zimmer aus. Der Mann zitterte am ganzen Körper, seine verfilzten Haare hingen ihm wirr ins Gesicht, und seine Hände, deren Fingernägel tiefschwarz vor Dreck waren, krallten sich haltlos in den Teppichboden.
"Sie müssen... Sie müssen mir helfen", stammelte der Mann mit zittriger, flüsternder Stimme. Er hob den Kopf, und Marten prallte innerlich zurück. Trotz des Schmutzes, der wie eine Maske auf dem wettergegerbten Gesicht des Mannes lag, brannten in den Augenhöhlen zwei hellwache, hochintelligente Augen. Das war kein gewöhnlicher Landstreicher, der nach einem warmen Platz für die Nacht suchte. Hier lag ein Mensch, dessen Geist trotz des sozialen Verfalls messerscharf geblieben war.
Jette trat einen Schritt zurück, die Nase angewidert rümpfend, doch ihre Augen blieben auf den Fremden gerichtet. "Wer sind Sie? Und was wollen Sie hier? Wir haben keine Almosen zu verteilen."
Der Mann schüttelte den Kopf, panisch, fast hysterisch. "Nein, nein, kein Geld. Ich brauche keine Almosen. Ich habe es gesehen. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen!" Er blickte zu Marten auf, als würde er instinktiv erkennen, wer in diesem Raum die Entscheidungen traf. "Ich war in den Mülltonnen. Im Villenviertel. An der Elbchaussee. Man findet dort gute Dinge, wissen Sie? Die Reichen werfen Sachen weg, die noch gut sind. Ich habe nur gesucht... und dann sah ich das Licht."
Marten spürte, wie das Wort Licht in seinem Kopf widerhallte, eine unbeabsichtigte Parallele zu den Worten seines Bruders. Er ging in die Hocke, ignorierte den Gestank, der von dem Mann ausging, und sah ihn direkt an. "Was haben Sie gesehen?", fragte er mit einer Intensität, die Jette aufhorchen ließ.
"Ein Gott", flüsterte der Mann, und seine Augen weiteten sich vor nacktem Entsetzen. "Es war ein goldener Gott. Ein wunderschöner, reicher Mann. Er stand im Fenster seiner Villa. Das Licht war hell, so hell. Und er hatte eine Frau. Sie war hübsch. Aber er... er hat sie erschlagen. Mit einer schweren, kunstvollen Vase. Ein dumpfer Aufschlag, immer und immer wieder. Ihr Kopf... er hat ihn regelrecht zertrümmert. Das Blut spritzte in hohem Bogen gegen die Scheibe, wie ein roter Vorhang." Der Mann begann heftig zu schluchzen, hielt sich die schmutzigen Hände vor das Gesicht. "Ich habe geschrien, aber niemand hat mich gehört. Ich bin zur Polizei gelaufen. Ich habe es ihnen erzählt! Aber sie haben mich nur ausgelacht. Sie haben mich verprügelt und weggeschickt. Sie sagten, ich hätte halluziniert, weil ich trinke. Aber ich bin kein Narr! Ich bin Pascal Molsen. Ich war Chemiker, verdammt noch mal! Ich weiß, was ich gesehen habe!"
Marten hielt den Atem an. Der Kontrast zwischen der zerlumpten Erscheinung des Mannes und seiner präzisen, fast schon literarischen Ausdrucksweise war eklatant. Pascal Molsen. Ein Chemiker auf der Straße. Das war kein Delirium. Das war die nackte, grausame Realität eines Mannes, der Zeuge eines Verbrechens geworden war, das die Welt lieber totschweigen wollte. Das Spiel hatte begonnen, und Marten spürte, wie die Sucht nach der Wahrheit sich mit dem Gift in seinen Adern verband, bereit, ihn tiefer in den Abgrund zu reißen.
Der Zeuge aus der Gosse
Das dichte, gelbliche Licht der Deckenlampe in der Detektei schnitt scharf durch den aufgewirbelten Staub und warf lange, unruhige Schatten an die kahlen Wände. Pascal Molsen, der sich selbst nur noch Paco nannte, saß zusammengekauert auf dem harten Holzstuhl vor Martens Schreibtisch. Der nasskalte Dunst des Hamburger Regens tropfte noch immer aus …

