Sonnenlinie

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4. Fall für Marten Thöne

by Andrea Scholz

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Willkommen im Paradies – dem gefährlichsten Ort der Welt. Eigentlich wollte Marten Thöne nur die Wahrheit über seinen totgeglaubten Bruder finden. Doch die Spur führt ihn und sein Team direkt in das exklusive Resort 'Cala de Luna' auf Mallorca. Unter der gleißenden spanischen Sonne scheint alles perfekt, doch hinter der luxuriösen Fassade lauert das Grauen. Während Marten gegen seine eigene Sucht und die Dämonen seiner Vergangenheit kämpft, stößt er auf Nico – einen Gärtner, der seiner Mutter erschreckend ähnlich sieht. Doch Nico ist nur noch eine leere Hülle, beraubt seiner Erinnerungen durch psychologische Folter. Marten erkennt schnell: Das Hotel ist kein Ort der Erholung, sondern die Zentrale eines skrupellosen Netzwerks für Identitätsdiebstahl unter der Leitung der eiskalten Beatriz Soler. Als der Al-Wahbi-Clan auftaucht und die Schlinge sich zuzieht, wird der Urlaub zum blutigen Überlebenskampf. In den dunklen Katakomben des Resorts liegen Geheimnisse vergraben, die Martens gesamtes Weltbild erschüttern. Zwischen korrupten Ärzten und mörderischen Clans gibt es kein Entkommen. Werden sie die Insel lebend verlassen, oder wird das azurblaue Mittelmeer ihr Grab? Ein packender Psychothriller über Verrat, Familie und den Preis der Wahrheit.

  • Krimi
  • Thriller
  • Detektivroman
  • Neo-Noir
  • Lokalkrimi
  • Noir

Ankunft im goldenen Käfig

Die gleißende Sonne Mallorcas brannte wie flüssiges Helium auf Marten Thönes Netzhaut. Als er die Glasfront des Flughafengebäudes in Palma de Mallorca durchschritt, schlug ihm die Hitze wie eine physische Kraft entgegen. Es war eine trockene, erbarmungslose Glut, die augenblicklich den Schweiß auf seine Stirn trieb und den feinen Staub der Insel in seine Poren presste. Doch die vermeintliche Urlaubsstimmung, die das geschäftige Treiben der ankommenden Touristen beherrschte, prallte an ihm ab wie kalter Regen an rauem Beton. Für die bunten Strandtaschen, das laute Lachen der Familien und die billigen Strohhüte hatte er nur einen matten, grauen Blick übrig. Seine Augen, umrandet von den tiefen, dunklen Schatten chronischen Schlafmangels, brannten. Jeder Lichtstrahl schmerzte in seinem Kopf, ein dumpfes Hämmern hinter den Schläfen, das ihn seit Tagen begleitete.

In seinen Adern regte sich das altbekannte, flüsternde Monster. Das weiße Gift, das er in den dunklen Gassen Hamburgs zurückgelassen zu haben glaubte, schrie in dieser fremden, hellen Umgebung nach Erlösung. Die Verlockung war für einen Wimpernschlag so real wie der süßliche Geschmack von Blut im Mund, den er spürte, wenn er sich vor nervöser Anspannung die Lippe aufbiss. Seine Finger zitterten leicht. Marten schob die Hände tief in die Taschen seiner abgetragenen Jeans, ballte sie zu Fäusten und spürte die feuchte Kälte seiner Handflächen. Die Nachricht über seinen totgeglaubten Bruder hatte eine seismische Erschütterung in seinem Inneren ausgelöst, eine Unruhe, die tiefer saß als jeder körperliche Entzug. Er brauchte Fokus. Er brauchte Klarheit. Doch das Einzige, was die Hitze ihm bot, war ein flimmernder Schleier vor den Augen.

„Marten, du starrst schon wieder“, ertönte Jettes raue Stimme an seiner Seite. Sie ging mit schnellen, federnden Schritten neben ihm, den Riemen ihrer praktischen Umhängetasche fest um die Schulter gespannt. Ihr Blick war direkt, unerschrocken und wachsam. Sie hatte die Ärmel ihrer dünnen Jacke hochgeschoben, und das markante Muttermal an ihrer Schläfe wirkte im grellen Mittagslicht noch dunkler als sonst. „Wenn du noch länger die Luftlöcher da drüben inspizierst, fallen uns die Beine ab. Wir müssen zum Wagen.“

„Ich inspiziere gar nichts“, entgegnete Marten. Seine Stimme klang heiser, belegt von der trockenen Luft der Klimaanlage des Flugzeugs. Er reagierte gereizt auf ihren Versuch, ihn abzulenken, und schritt schneller voran, ohne auf sie zu warten. Jette schnaubte leise, hielt aber mühelos Schritt. Sie kannte seine Launen, seine Abwehrreflexe, wenn der Druck in seinem Kopf unerträglich wurde. Sie war die Einzige, die es wagte, ihm in diesen Momenten Paroli zu bieten, doch selbst ihre robuste Geduld hatte Grenzen.

Hinter ihnen bewegte sich der Rest der Gruppe wie eine kleine, isolierte Prozession durch das geschäftige Terminal. Bilal Durmus überragte die Menge um fast einen Kopf. Seine breiten Schultern unter dem dunklen Poloshirt strahlten eine stoische, unmissverständliche Gefahr aus. Seine Augen, kalt und präzise wie die eines Raubtiers, scannten unablässig die Umgebung. Jede Bewegung der Passanten, jede Handbewegung eines Taxifahrers wurde von ihm registriert und bewertet. Er sprach kein Wort, doch seine schiere Präsenz hielt die aufdringlichen Promoter und Gepäckträger auf Distanz. Neben ihm ging Luca Giunta. Der junge Mann wirkte schmerzhaft blass, fast durchscheinend im Vergleich zu Bilals massiver Gestalt. Seine feinen Gesichtszüge waren starr, die Augen leer und auf den Boden gerichtet. Er trug ein einfaches, aber hochwertiges Leinenhemd, das schlaff an seinem abgemagerten Körper herabhängt. Luca vermied jeden physischen Kontakt, wich den vorbeihastenden Reisenden mit schnellen, nervösen Ausweichbewegungen aus und hielt sein Tablet wie einen Schutzschild vor der Brust. Andrea von Zandten bildete den ruhigen Pol der Gruppe. In ihrer eleganten, hellen Leinenkleidung und mit dem ordentlich im Nacken gesteckten grauen Haar strahlte sie eine unerschütterliche Würde aus, die so gar nicht in das laute Chaos des Flughafens passen wollte.

Sie erreichten den Parksektor, in dem der gemietete SUV auf sie wartete. Der Wagen, ein schwerer, anthrazitfarbener Geländewagen, stand im dämmrigen Schatten des Parkhauses. Marten ging direkt auf das Heck zu, um seinen Koffer zu verstauen. Er drückte auf den Entriegelungsknopf der Heckklappe, zog die schwere Tür nach oben und griff nach seinem Gepäckstück. In diesem Moment erstarrte er. Das Schloss seines Koffers, ein einfacher Zahlencode, stand nicht mehr auf der Kombination, die er vor dem Abflug in Hamburg eingestellt hatte. Der Reißverschluss war ein Stück weit geöffnet, der Stoff an den Rändern leicht gedehnt. Seine Gedanken rasten, ordneten die Fakten in Millisekunden. Jemand hatte diesen Koffer geöffnet. Es war kein zufälliger Diebstahl am Flughafen gewesen; dafür lag das Gepäckstück zu tief im Inneren des abgesperrten Bereichs des Mietwagenanbieters. Die Durchsuchung war schnell, aber gründlich erfolgt.

„Was ist los?“, fragte Jette, die hinter ihn getreten war und sein abruptes Innehalten bemerkt hatte.

„Nichts“, sagte Marten kühl. Er schob den Koffer mit einem harten Ruck in den Laderaum und schlug die Klappe zu. Er wollte keine Panik säen, nicht jetzt, bevor sie überhaupt das Resort erreicht hatten. Doch das Gefühl der Bedrohung, das ihn ohnehin schon begleitete, verdichtete sich zu einer eisigen Gewissheit. Jemand wusste, dass sie kamen. Und dieser Jemand wollte wissen, was sie mitbrachten.

Die Fahrt führte sie weg von den Betonwüsten Palmas, entlang der Küstenstraße in Richtung Andratx. Der Asphalt flirrte in der Hitze. Zur Linken glitzerte das Mittelmeer in einem tiefen, fast unnatürlichen Blau, während zur Rechten die kargen, staubigen Klippen der Tramuntana-Ausläufer aufragten. Die Landschaft wirkte wie ein gigantisches Skelett aus hellem Kalkstein, das sich unter der sengenden Sonne Mallorcas krümmte. Im Inneren des SUV herrschte ein angespanntes Schweigen. Das dumpfe Summen der Reifen auf der Straße und das leise Surren der Klimaanlage waren die einzigen Geräusche. Marten saß am Steuer, seine Augen starr auf die Serpentinen gerichtet, während seine Hände das Lenkrad so fest umklammerten, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Jette saß auf dem Beifahrersitz und trommelte unruhig mit den Fingern auf ihren Knien. Sie warf ihm immer wieder Seitenblicke zu, doch er ignorierte sie beharrlich. Auf der Rückbank schwieg Bilal, während Luca starr aus dem Fenster blickte, als würde er versuchen, sich in der vorbeiziehenden Landschaft aufzulösen. Andrea von Zandten saß aufrecht, die Hände im Schoß gefaltet, ihr Blick ruhig und gefasst.

Nach einer knappen Stunde Fahrt verließen sie die Hauptstraße und bogen in eine schmale, von alten Pinien gesäumte Privatstraße ein. Der Duft von salziger Meeresluft vermischte sich hier mit dem harzigen Aroma der Bäume und dem süßlichen Geruch von teurem Parfüm, das wie ein unsichtbarer Nebel über dem Areal zu hängen schien. Am Ende der Straße erhob sich das Luxusresort Cala de Luna.

Die Architektur des Resorts wirkte nicht wie ein Ort der Erholung, sondern wie eine moderne Festung. Massive Mauern aus hellem, mallorquinischem Kalkstein ragten empor, unterbrochen von riesigen, spiegelnden Glasfronten, die das grelle Sonnenlicht zurückwarfen und jeden Blick in das Innere blockierten. Die Gebäude schmiegten sich in eine private Bucht, flankiert von schroffen Klippen, die wie steinerne Wächter ins Meer abfielen. Alles an diesem Ort wirkte perfekt, fast schon unheimlich makellos. Die Rasenflächen waren millimetergenau getrimmt und von einem unnatürlichen, satten Grün, das nur durch ununterbrochene Bewässerung in dieser Hitze überleben konnte. Zwischen den Palmen bewegten sich Angestellte in makellosen, weißen Uniformen, deren Bewegungen so synchronisiert schienen, als folgten sie einem unsichtbaren Drehbuch.

Marten stellte den Wagen auf dem Vorplatz ab. Sofort traten zwei Pagen an das Fahrzeug heran. Ihre Haltung war aufrecht, fast militärisch, und unter ihren eleganten Schnitten verbarg sich eine Physis, die Martens Aufmerksamkeit augenblicklich fesselte. Er registrierte die unnatürlich breiten Schultern des Mannes, der seine Tür öffnete, und die Art, wie seine rechte Hand instinktiv in der Nähe seiner Hüfte verharre, wo unter dem leichten Stoff der Pagenjacke eine deutliche Wölbung zu erkennen war. Das waren keine einfachen Hotelangestellten. Das waren professionelle Sicherheitskräfte, getarnt als diskretes Dienstpersonal.

Bilal stieg als Erster aus dem Fond. Seine schiere Masse ließ die beiden Pagen für den Bruchteil einer Sekunde die Beherrschung verlieren; ihre Augen weiteten sich, und ihre Körper strafften sich in einer instinktiven Verteidigungshaltung. Bilal ignorierte sie, doch seine Augen fixierten sie mit einer eisigen Ruhe. Es war ein stummes Kräftemessen, ein Abwägen von Gefahrenpotenzialen, das ohne ein einziges Wort ablief.

„Willkommen im Cala de Luna“, ertönte eine melodische, aber durchdringend kühle Stimme.

Eine Frau trat aus dem klimatisierten Empfangsbereich des Hotels auf den sonnenüberfluteten Vorplatz. Es war Beatriz Soler. Ihre sonnengebräunte Haut wirkte glatt und makellos, ihr tiefschwarzes Haar war zu einem strengen, perfekten Zopf gebunden, der ihr schmales Gesicht betonte. Sie trug opulente, goldene Ohrringe und ein elegantes, fließendes Kleid aus weißer Seide, das im leichten Wind der Bucht flatterte. Ihr Lächeln war breit und strahlend, doch es erreichte nie ihre Augen. Hinter ihren dunklen, wachsam glänzenden Augen lag eine Kälte, die im krassen Widerspruch zur mallorquinischen Hitze stand. Sie bewegte sich mit einer dominanten, königlichen Eleganz, die keinen Zweifel daran ließ, wer an diesem Ort das absolute Sagen hatte.

Sie ging direkt auf die Gruppe zu, ignorierte Marten und Jette und hielt direkt auf Andrea von Zandten zu. Sie breitete die Arme in einer Geste künstlicher Herzlichkeit aus, doch ihre Haltung blieb distanziert.

„Es ist mir eine außerordentliche Ehre, Sie persönlich in meinem bescheidenen Refugium begrüßen zu dürfen, Señora von Zandten“, sagte Beatriz Soler. Ihr Deutsch war nahezu perfekt, unterlegt mit einem leisen, fast singenden spanischen Akzent, der ihrer Stimme eine zusätzliche, bedrohliche Note verlieh. „Die Anwesenheit einer so geschätzten Persönlichkeit der Hamburger Gesellschaft adelt unser Haus.“

Marten spürte, wie sich seine Muskeln anspannten. Andrea hatte sich unter einem Pseudonym angemeldet, um keine unnötige Aufmerksamkeit auf ihre Ermittlungen zu lenken. Dass die Hotelbesitzerin ihren echten Namen kannte, bevor diese sich überhaupt vorgestellt hatte, war keine Nachlässigkeit. Es war eine gezielte Machtdemonstration. Ein subtiler Hinweis darauf, dass an diesem Ort nichts ohne ihr Wissen geschah.

Andrea von Zandten verzog keine Miene. Ihre gütigen Augen hinter der Lesebrille verengten sich für einen winzigen Moment, doch ihre Haltung blieb vollkommen ruhig und gefasst. Sie erwiderte das Lächeln der Hotelbesitzerin mit einer kühlen, aristokratischen Distanz, die der Dominanz der Spanierin paroli bot.

„Vielen Dank für den herzlichen Empfang, Frau Soler“, entgegnete Andrea mit sanfter, aber bestimmter Stimme. „Wir schätzen die Diskretion Ihres Hauses sehr. Ich hoffe, dass unser Aufenthalt ebenso ruhig und ungestört verläuft, wie es der Ruf des Cala de Luna verspricht.“

„Aber selbstverständlich“, erwiderte Beatriz Soler, und ihr Blick glitt langsam über den Rest der Gruppe. Als ihre Augen auf Marten trafen, hielt sie inne. Ihr Lächeln wurde schmaler, fast spöttisch, als würde sie die Spuren seines Entzugs, die zitternden Finger und die tiefen Augenringe mit chirurgischer Präzision analysieren. „Wir tun alles, um den Aufenthalt unserer Gäste unvergesslich zu machen. Vor allem für jene, die eine... besondere Erholung benötigen.“

Marten erwiderte ihren Blick, ohne zu blinzeln. Die feuchte Kälte des Meereswindes biss ihm ins Gesicht, und das Verlangen nach Kokain in seinen Adern schien unter ihrer mustergültigen Beobachtung nur noch intensiver zu werden. Er spürte die Gefahr, die von dieser Frau ausging. Sie war keine einfache Geschäftsfrau. Sie war eine Jägerin, die ihr Revier verteidigte. Und sie hatten gerade ihre Festung betreten.

„Wenn Sie mir bitte folgen würden“, sagte Beatriz Soler und drehte sich elegant um. „Die Formalitäten sind bereits erledigt. Meine Mitarbeiter werden sich um Ihr Gepäck kümmern und Sie zu Ihren Suiten geleiten.“

Sie ging voraus in den Empfangsbereich. Marten blieb einen Moment stehen, sein Blick glitt vorbei an den Kalksteinmauern hinauf zu den schmalen Fenstern der oberen Etagen. Die Luft roch nach Salz, teurem Parfüm und Verwesung – zumindest bildete er sich Letzteres ein, ein Phantomschmerz seiner eigenen Paranoia. Er fragt sich, ob er hier die Antworten auf das Rätsel seiner Familie finden würde, oder ob diese Insel am Ende zu seinem eigenen, goldenen Grab werden sollte. Mit einem tiefen, rauen Atemzug folgte er den anderen in den kühlen, schattigen Rachen des Resorts.

Der Schatten am Rand des Gartens

Die kühle Luft der klimatisierten Hotelsuite bot nur eine kurze, trügerische Atempause von der drückenden Schwüle, die über der Bucht von Cala de Luna lag. Marten Thöne stand am bodentiefen Panoramafenster, die Stirn beinahe an das kühle Glas gepresst. Vor ihm erstreckte sich das Resort wie ein poliertes Modell aus Elfenbein und Türkis, eingebettet

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