
Überseelinie
9. Fall für Marten Thöne
by Andrea Scholz
In den Häuserschluchten Manhattans gibt es kein Entkommen. Nach einer dramatischen Notlandung in New York will der Hamburger Ermittler Marten Thöne mit seinem Team eigentlich nur untertauchen. Doch die Drahtzieher eines skrupellosen Syndikats sind ihnen längst dicht auf den Fersen. Bei einem geheimen Treffen eskaliert die Lage: Martens wichtigster Kontaktmann wird kaltblütig hingerichtet – und die New Yorker Polizei erklärt Marten zum Hauptverdächtigen. Gejagt vom NYPD und einem gnadenlosen Profikiller beginnt eine tödliche Hetzjagd durch U-Bahn-Schächte, Industriebrachen und Penthouse-Büros. Um den Schmerzen seines zertrümmerten Knies und dem mörderischen Druck standzuhalten, greift Marten erneut zu gefährlichen Substanzen und riskiert damit alles, was ihm wichtig ist. Während sein Team in Hamburg verschlüsselte Schwarzgeldkonten knackt, stößt Marten auf ein Geflecht aus Scheinfirmen im New Yorker Hafen. Ein mörderischer Wettlauf gegen die Zeit entbrennt, bei dem jede Sekunde zählt – denn die Schatten der Vergangenheit drohen ihn endgültig zu verschlingen.
- Thriller
- Crime Fiction
- Action Thriller
- Conspiracy Thriller
- Organized Crime
- Cat & Mouse
Asphalt und Sirenen
Der Geruch von verbranntem Kerosin, feuchtem Teer und giftigen Industrieabgasen schlug Marten Thöne wie eine offene Hand ins Gesicht, als er die schwere Metalltür des Seitenausgangs am Terminal des John F. Kennedy International Airport aufstieß. New York empfing sie nicht mit Lichtern oder Versprechungen, sondern mit nasskalter, schwerer Luft, die sich sofort wie ein klammer Film auf seine Haut legte. Jeder einzelne Schritt über das unebene Vorfeld sandte messerscharfe Impulse durch sein linkes Knie. Die zersplitterten Knochenfragmente rieben unter der Kniescheibe aufeinander, ein dumpfes, mahlendes Mahnmal der vergangenen Stunden, das bei jeder Gewichtsverlagerung weiße Blitze hinter seine Stirn jagte.
Marten biss die Zähne so fest zusammen, dass sein Kieferknochen knackte. Seine Finger waren tief in die Taschen seines dunklen Wollmantels vergraben, klammerten sich an den Saum des Futters, um das Zittern zu ersticken. Es war kein bloßes Frieren. Der Entzug kroch wie flüssiges Eis durch seine Adern, fraß sich die Nervenstränge hinauf und hämmerte gegen seine Schläfen. In der rechten Innentasche lag das winzige Zellophantütchen, eine hauchdünne Grenze zwischen dem drohenden Zusammenbruch und jener schneidenden, fast übermenschlichen Klarheit, die er jetzt dringender brauchte als Sauerstoff. Doch er rührte es nicht an. Noch nicht. Der Rausch würde seinen Verstand schärfen, aber er forderte immer seinen Tribut, und in dieser Stadt gab es keinen Raum für Fehler.
"Langsam, Marten. Belaste das Bein nicht voll", murmelte Lukas Bergkamp dicht an seinem Ohr. Seine Hand lag fest und stützend unter Martens rechtem Ellbogen, unaufdringlich für Außenstehende, aber mit eisernem Halt. Lukas’ melancholische Augen wanderten unablässig über das Rollfeld, tasteten die Gesichter der Bodencrews, die Konturen der Wartungshallen und die flackernden Halogenscheinwerfer ab. Sein Körper war bis zum Zerreißen angespannt, die Haltung die eines Mannes, der jeden Moment mit einem gezielten Schuss aus dem toten Winkel rechnete. "Wir sind noch nicht durch die Schleuse. Halt durch."
"Ich laufe", presste Marten heiser hervor. Seine Stimme klang wie Schleifpapier auf Stein. "Sieh nach vorn. Kümmere dich um die Absicherung."
Vor ihnen ging Jürgen Hartmann mit zügigem, federndem Schritt. Der Flugsicherheitsbegleiter hielt seinen Dienstausweis der Bundespolizei griffbereit zwischen den Fingern, seine stahlblauen Augen musterten das Rollfeld mit militärischer Kälte. Er hatte die Notfallprotokolle genutzt, um die zerschlagene Gruppe an den regulären Passkontrollen der Einwanderungsbehörde vorbeizulotsen, direkt in den Versorgungstrakt für Frachtmaschinen. Ein riskantes Manöver, das Hartmanns gesamte Karriere mit einem einzigen Federstrich vernichten konnte, doch der Beamte zögerte keine Sekunde. Seine Schultern waren gestrafft, das verdeckte Holster unter seiner Funktionsjacke zeichnete sich kaum merklich ab.
Hinter ihnen bildeten Bilal Durmus und Jette Kruse eine lebende Festung um Nico. Der jüngere Bruder ging mit hängendem Kopf, die Hände tief in den Ärmeln eines viel zu weiten Kapuzenpullovers vergraben. Seine Finger waren von Graphitstaub geschwärzt und zuckten in unregelmäßigen Abständen, während seine Lippen lautlose Worte formten. Bilal, dessen monumentale Gestalt selbst im trüben Licht der Frachthöfe wie ein Felsblock wirkte, schirmte ihn mit seinem breiten Körper gegen die Hektik der Umgebung ab. Neben ihm ging Jette, die Schnürstiefel fest auf den Asphalt gesetzt, die Hände in den Taschen ihrer abgewetzten Lederjacke. Ihr Blick war hart, das markante Muttermal an ihrer Schläfe trat durch die Anspannung deutlich hervor. Sie musterte jeden herannahenden Gabelstaplerfahrer, jeden Mechaniker, als stünde der nächste Nahkampf unmittelbar bevor.
Yvonne Franke komplettierte den Zug. Die Purserin trug eine kleine, sterile Notfalltasche, die sie aus dem Bordkontingent der Maschine gerettet hatte. Ihre Wangen waren aschfahl, doch ihre Bewegungen blieben präzise, geschult durch zahllose Krisensituationen in zehn Kilometern Höhe. Sie hatte Martens Knie kurz vor dem Verlassen der Maschine notdürftig mit einer elastischen Binde stabilisiert, doch die blutige Schwellung drückte bereits wieder gegen das zerschlissene Hosenbein.
"Draußen wartet kein Begrüßungskomitee", raunte Hartmann, als sie eine schmale Sicherheitstür erreichten, die auf einen abgelegenen Zubringerparkplatz führte. Er scannte seine temporäre Sicherheitskarte, das Schloss summte leise. "Mein Kontakt bei den Flughafenbehörden hat uns zehn Minuten Luft verschafft. Danach tauchen unsere Namen in den Transitsystemen auf. Wenn die Gegenseite hier Leute sitzen hat, wissen sie es in dem Moment, in dem die Daten synchronisiert werden."
"Sie wissen es schon", sagte Marten leise. Der metallische Geschmack von Adrenalin und trockenem Staub lag auf seiner Zunge. "Die warten nicht auf behördliche Freigaben. Sabine und Elena haben diesen Schritt einkalkuliert."
Sie traten hinaus in die Nacht. Der New Yorker Verkehr dröhnte in der Ferne wie ein gigantisches, wütendes Raubtier. Auf dem Asphalt der Nebenfahrbahn stand ein unscheinbarer, dunkelgrauer Van mit getönten Scheiben, dessen Motor im Leerlauf vor sich hin vibrierte. Das Kennzeichen war schmutzverkrustet, typisch für Fahrzeuge, die den Winter auf den Straßen der Ostküste verbracht hatten. Die Schiebetür glitt lautlos auf, kaum dass sich die Gruppe auf fünf Meter genähert hatte.
"Einsteigen. Sofort", erklang eine schneidende Frauenstimme aus dem Halbdunkel des Fahrzeugs. "Ihr bewegt euch wie eine Trauergesellschaft auf dem Friedhof. Zieht die Köpfe ein."
Bilal schob Nico sanft, aber mit unnachgiebigem Nachdruck auf die hintere Sitzbank. Jette sprang hinterher, gefolgt von Yvonne und Hartmann. Lukas stützte Marten, als dieser sein linkes Bein mühsam über die Trittstufe wuchtete. Ein erstickter Laut entkam Martens Kehle, als die Sehnen im Gelenk protestierten. Lukas zog die Tür mit einem satten, metallischen Klacken ins Schloss, und der Van setzte sich im selben Augenblick mit durchdrehenden Reifen in Bewegung.
Am Steuer saß Stefanie Pohl. Die ehemalige Bundes-Ermittlerin wirkte drahtig, fast sehnig, gekleidet in einen wetterfesten, dunklen Trenchcoat. Im Mundwinkel klemmte eine ungerauchte Zigarette, deren Filter von ihren Zähnen zerbissen war. Ihre scharfen, braunen Augen musterten die Insassen im Rückspiegel, kalt, distanziert und ohne jede Spur von Wärme oder Anteilnahme.
"Zandten hat mir gesagt, dass ihr Hilfe braucht", sagte sie, während sie den Van mit einer aggressiven Lenkbewegung auf den Van Wyck Expressway fädelte. "Sie hat nicht erwähnt, dass ihr ein halbes Lazarett mitschleppt. Ihr seht aus wie der letzte Rest einer geschlagenen Armee."
"Wir leben", erwiderte Marten trocken. Er lehnte den Kopf an die kalte Scheibe und spürte die Vibrationen des Asphalts in seinen Zähnen. "Das reicht fürs Erste."
"Noch", entgegnete Stefanie ohne zu zögern. Sie schaltete hart in den nächsten Gang. "Glaubt bloß nicht, dass ihr hier in Sicherheit seid. Manhattan ist kein Zufluchtsort für traumatisierte Hanseaten. Diese Stadt ist ein verdammtes Minenfeld, und ihr seid gerade mit beiden Füßen auf den Zünder getreten."
Der Wagen fraß sich durch den dichten, zähflüssigen Verkehr. Draußen zogen die endlosen Lichtbänder von Queens vorbei, verwaschene Reklametafeln, Industriehallen und heruntergekommene Wohnblocks, die sich wie monotone Mauern gegen den regennassen Nachthimmel stemmten. Der Scheibenwischer quietschte rhythmisch über das Glas und hinterließ schmierige Schlieren, die das Scheinwerferlicht der entgegenkommenden Trucks brachen.
"Wo bringen Sie uns hin?", fragte Hartmann von der mittleren Sitzreihe aus. Seine Stimme war ruhig, trug jedoch den gewohnten Tonfall behördlicher Autorität in sich. "Wir brauchen einen gesicherten Raum, um die nächsten Schritte zu koordinieren. Ich habe Protokolle einzuhalten."
Stefanie stieß ein kurzes, humorloses Lachen aus. "Ihre Protokolle können Sie sich in die Haare schmieren, Herr Bundespolizist. Sie sind hier nicht in Frankfurt oder Hamburg. Hier drüben sind Sie ein Niemand mit einer Waffe, die Sie im Zweifel den Kopf kostet. Wir fahren nach Long Island City. Ein altes Lagerhaus, abseits der Hauptkameras. Wenn wir Glück haben, weiß bis morgen früh niemand, dass ihr überhaupt lebend angekommen seid."
"Und wenn wir kein Glück haben?", warf Jette von hinten ein. Ihre Hände lagen flach auf ihren Oberschenkeln, bereit für eine explosive Bewegung. "Wer wartet da draußen auf uns?"
"Jeder, der für ein paar hunderttausend Dollar bereit ist, euch im East River zu versenken", antwortete Stefanie knapp. Sie warf einen kurzen Blick über die Schulter, ihre Augen blieben an Martens aschfahlem Gesicht hängen. "Sie schwitzen, Thöne. Und Ihre Hände zittern wie Espenlaub. Entweder krepieren Sie an einer Sepsis wegen Ihres Knies, oder Sie haben ein ganz anderes Problem."
Marten erwiderte ihren Blick, ohne mit der Wimper zu zucken, auch wenn das Hämmern in seinem Kopf zu einem ohrenbetäubenden Rauschen anschwoll. "Kümmern Sie sich um die Straße, Pohl. Mein Zustand geht Sie nichts an."
Lukas legte eine Hand auf Martens Oberschenkel, knapp oberhalb des bandagierten Gelenks. Der Druck war eine stumme Mahnung, ein Anker, der Marten daran erinnern sollte, die Kontrolle nicht zu verlieren. Marten spürte die Wärme dieser Berührung durch den dicken Stoff, doch die Kälte in seinem Inneren wich nicht. Das Verlangen brannte wie Säure in seiner Magengrube. Nur eine winzige Prise, redete er sich ein. Nur so viel, um das Flimmern vor den Augen zu ersticken, um die Schmerzen auszuschalten und den Verstand wieder zu jener messerscharfen Waffe zu machen, die er brauchte. Er atmete tief durch die Nase ein. Der Geruch von feuchtem Hund, kaltem Zigarettenrauch und billigem Scheibenreiniger im Innenraum des Wagens verdrängte den Gedanken nicht.
Der Van überquerte die Queensboro Bridge. Unter ihnen spannte sich das dunkle Band des Flusses, auf dem die Scheinwerfer der Lastkähne wie verlorene Sterne tanzten. Auf der anderen Seite erhob sich die Skyline von Manhattan, eine gigantische Wand aus glänzendem Stahl, reflektierendem Glas und kaltem Beton. Die Wolkenkratzer ragten in den wolkenverhangenen Himmel wie gigantische Grabsteine eines übermächtigen Finanzmonoliths. Hier floss das Geld. Hierhin führten die unsichtbaren Kanäle, über die Elena Vahland und seine Mutter ihre schmutzigen Millionen gewaschen hatten.
"Sieht friedlich aus von hier oben", murmelte Nico plötzlich von der Rückbank. Seine Stimme war dünn, brüchig wie trockenes Holz. Er starrte mit geweiteten Pupillen auf das Lichtermeer. "Aber die Linien stimmen nicht. Sie schneiden sich alle. Überall sind Kanten."
Bilal legte schweigend eine Hand auf Nicos Schulter. Der Riese sagte kein Wort, doch der Druck seiner Pranke beruhigte den Jüngeren merklich. Nico senkte den Kopf wieder und begann mit dem Daumennagel Muster in die Armlehne zu ritzen.
Stefanie bog kurz hinter der Brückenabfahrt nach Norden ab und steuerte das Fahrzeug in ein Labyrinth aus finsteren Straßenfluchten. Long Island City lag im Halbdunkel. Verlassene Werkstätten, Backsteingebäude mit vernagelten Fenstern und von Unkraut überwucherte Bahngleise bestimmten das Bild. Hier herrschte keine Hektik mehr, nur eine bedrückende, schwere Stille, die von Zeit zu Zeit durch das schrille Heulen entfernter Sirenen zerschnitten wurde.
Sie bog in eine schmale, von meterhohen Betonmauern gesäumte Gasse ein. Der Van rumpelte über tief liegende Schlaglöcher, in denen sich dreckiges Regenwasser sammelte. Am Ende der Gasse stoppte Stefanie vor einem verrosteten Rolltor, betätigte einen kleinen Funksender an der Sonnenblende und fuhr hinein, sobald die Öffnung breit genug war. Das Tor schloss sich hinter ihnen mit einem scheppernden Knall, der Martens Nerven wie ein Stromstoß traf.
Die Luft in der Halle war modrig und eisig. Staubpartikel tanzten im Scheinwerferlicht des Vans. Stefanie stellte den Motor ab. Im selben Moment schien die Dunkelheit von allen Seiten auf sie einzudringen.
"Aussteigen", befahl sie leise, griff nach einer schweren Taschenlampe und stieß ihre Fahrertür auf. "Wir haben nicht viel Zeit."
Marten biss die Zähne zusammen, als er den Boden berührte. Das Knie gab für den Bruchteil einer Sekunde nach, doch Lukas fing ihn sofort ab, packte ihn an der Schulter und hielt ihn aufrecht. Marten spürte den Schweiß, der ihm kalt den Nacken hinunterlief.
"Ich habe dich", flüsterte Lukas. Sein Atem strömte weiß in die Kälte der Halle. "Lass dich nicht hängen. Du musst stehen."
"Ich stehe", erwiderte Marten tonlos. Er riss sich von Lukas’ Griff los, zwang seine Beine zur Stabilität und fixierte Stefanie, die in der Mitte des Raumes stehen geblieben war. Das harte Licht ihrer Taschenlampe schnitt durch den Raum und offenbarte ein paar zusammengeklappte Feldbetten, Holzkisten und einen massiven Eichentisch, auf dem mehrere Funkgeräte und ein veralteter Monitor standen.
Yvonne trat sofort an Nico heran, zog eine sterile Kompresse und ein Desinfektionsspray aus ihrer Tasche. "Lass mich deine Handgelenke ansehen, Nico. Sie sind aufgescheuert."
Nico wehrte sich nicht. Er setzte sich auf den Rand einer Holzkiste und starrte ins Leere, während Yvonne die blutigen Schürfwunden säuberte, die er sich während des Fluges zugezogen hatte. Ihre Hände arbeiteten routiniert, ohne Hektik, eine Oase professioneller Ruhe in diesem Dreckloch.
Hartmann trat an den Tisch, musterte die Ausrüstung und wandte sich dann an Stefanie. "Wir brauchen sichere Leitungen nach Hamburg. Meine Dienststelle muss wissen, dass wir gelandet sind, andernfalls wird eine offizielle Suchmeldung herausgegeben. Das gefährdet die gesamte Operation."
Stefanie drehte sich langsam um. Der Lichtkegel ihrer Lampe traf Hartmann mitten auf die Brust. "Sind Sie wirklich so naiv, Hartmann? Oder tun Sie nur so?"
"Ich bin ein Beamter der Bundespolizei", entgegnete Hartmann scharf. "Ich tue meine Pflicht."
"Ihre Pflicht können Sie begraben", zischte Stefanie. Sie trat einen Schritt näher, die ungerauchte Zigarette wanderte in den anderen Mundwinkel. "Wenn Sie jetzt auch nur ein einziges Signal über offizielle Kanäle nach Deutschland schicken, wissen nicht nur Ihre Vorgesetzten, wo wir sind. Das NYPD hat bereits eine informelle Warnung vorliegen. Ein deutscher Bundesbeamter und eine Gruppe von Verdächtigen, verwickelt in schwerste Straftaten. Glauben Sie im Ernst, die lokalen Behörden arbeiten für Sie?"
Marten spürte, wie sich sein Magen zusammenzog. Das Hämmern in seinen Schläfen wurde lauter, rhythmisch, pulsierend. "Was wissen die Behörden?", fragte er mit schneidender Stimme.
Stefanie richtete das Licht direkt auf Martens Gesicht. Er blinzelte nicht, hielt dem Strahl mit kalten, fiebrigen Augen stand. Seine Hände in den Manteltaschen verkrampften sich zu Fäusten.
"Sie wissen alles, Thöne", sagte sie trocken. "Oder zumindest das, was man ihnen gesteckt hat. Das Syndikat hat eure Ankunft nicht erst seit eurer Landung auf dem Schirm. Sie wussten, welche Maschine ihr nehmt, noch bevor ihr überhaupt den europäischen Luftraum verlassen hattet."
Ein eisiges Schweigen legte sich über die Halle. Selbst Jette, die bisher unruhig am Rand gestanden hatte, verharrte in absoluter Bewegungslosigkeit. Bilal verschränkte die massiven Arme vor der Brust, seine Narbe über dem Ohr spannte sich.
"Das ist unmöglich", sagte Hartmann gepresst. "Der Flugplan war als Verschlusssache eingestuft."
"Hier drüben ist gar nichts geheim, wenn genug Schmiergeld fließt", erwiderte Stefanie kalt. "Elena Vahland hat ein Netzwerk aus Reedereien, Zollagenten und Scheinfirmen aufgebaut, das bis tief in die Hafenbehörden von New Jersey und Brooklyn reicht. Und Sabine Wellmann hat auch aus ihrer Zelle heraus noch immer genügend Hebel, um Informationen fließen zu lassen. Vor zwei Stunden wurde ein Killerkommando auf die Straßen gesetzt. Ein Mann namens Ralf Fuchs koordiniert die Sache vor Ort. Ein Profi. Wenn der euch findet, stellt er keine Fragen. Er hinterlässt nur Leichen."
"Fuchs", wiederholte Marten leise. Der Name schmeckte nach Asche. Er erinnerte sich an alte Aktennotizen, an ungelöste Exekutionen im Rotlichtmilieu, die man nie hatte beweisen können. "Er arbeitet für Vahland?"
"Er arbeitet für den, der ihn bezahlt", stellte Stefanie klar. "Und im Moment zahlt das Syndikat die höchsten Preise. Aber das ist noch nicht euer größtes Problem. Das NYPD hat einen Detective auf den Fall angesetzt. Steve Walker. Ein zynischer Hund aus Queens, der jeden Stein umdreht und sich von niemandem die Butter vom Brot nehmen lässt. Er hat die Anweisung, euch bei Sichtkontakt festzusetzen. Die offizielle Version lautet: Verdacht auf Terrorismus und organisierte Kriminalität."
Lukas trat neben Marten, seine Schulter berührte die von Marten. "Sie haben uns isoliert. Noch bevor wir einen Fuß in die Stadt setzen konnten."
"Genau das", nickte Stefanie. "Ihr seid Freiwild. Die Polizei jagt euch von der einen Seite, Fuchs und seine Schlächter von der anderen. Wenn ihr überleben wollt, gelten hier ab sofort meine Regeln. Keine Alleingänge. Keine ungesicherten Anrufe. Keine Sentimentalitäten. Wenn einer von euch aus der Reihe tanzt, lasse ich euch hier verrotten. Ich riskiere meine Haut nicht für eine Bande von Amateuren, die nicht mal ihr eigenes Gepäck sauber halten können."
Marten spürte die Hitze, die trotz der eisigen Kälte in seinen Nacken stieg. Das Verlangen in seinem Kopf schrie nach Erlösung, nach dem weißen Pulver, das den Schmerz betäuben und seine Gedanken bündeln würde. Doch die Wut über diese totale Hilflosigkeit war stärker. Er trat einen Schritt vor, ignorierte das brennende Stechen in seinem Knie und fixierte die Ex-Agentin.
"Wir sind keine Amateure, Pohl", sagte er, und seine Stimme war so scharf, dass der Schall von den feuchten Backsteinwänden widerhallte. "Wir haben dieses Syndikat in Hamburg bis auf die Grundmauern offengelegt. Wir wissen, wie ihre Geldströme laufen. Und wir wissen, dass Vahlands Imperium zusammenbricht, sobald wir die transatlantischen Konten hier in New York sperren."
Stefanie musterte ihn lange. Ein feines, spöttisches Lächeln umspielte ihre Lippen, doch in ihren Augen blitzte ein Funke Respekt auf. "Große Worte für einen Mann, der kaum auf den eigenen Beinen stehen kann. Aber gut. Wir werden sehen, wie viel von Ihrer hanseatischen Arroganz übrig bleibt, wenn der Asphalt brennt."
Sie wandte sich ab, ging zum Tisch und warf eine abgewetzte Ledermappe auf das Holz. "Hier sind die ersten Dossiers über die Reedereikonten in den Docks. Und die Adresse eines Mannes, der uns vielleicht helfen kann, unter dem Radar zu bleiben. Thomas Fischer. Er kennt die Schattenwirtschaft der Ostküste besser als jeder andere."
Marten trat an den Tisch. Seine Hand zitterte, als er die Mappe aufschlug, doch als seine Finger das Papier berührten, zwang er seinen Körper mit eiserner Härte zur Ruhe. Die Jagd hatte begonnen, und New York würde ihnen nichts schenken.
Flüstern im Finanzdistrikt
Die Straßenschluchten des Financial District wirkten wie riesige, finstere Schächte, in die das Licht des trüben Spätnachmittags kaum vordrang. Kalter Nieselregen fiel in dichten, schneidenden Schleiern herab, vermischte sich auf dem feuchten Asphalt mit feinstem Ruß und dem scharfen, metallischen Abrieb der unzähligen Bremsen. Aus den schweren Gul…

