
Deutsch - Rechts, Rechts - Deutsch.
Eine scharfsinnige Analyse über Medienmanipulation, populistische Rhetorik und die Verteidigung der journalistischen Wahrheit
by Flex Barker
In einer Zeit, in der Begriffe wie 'links-grün versifft' und 'Lügenpresse' zum Standardvokabular in sozialen Netzwerken geworden sind, stellt Tobias Goldberg eine entscheidende Frage: Wer manipuliert hier eigentlich wen? 'Deutsch - Rechts, Rechts - Deutsch' ist eine fesselnde Dekonstruktion der modernen Medienlandschaft. Goldberg räumt mit dem Mythos auf, dass der journalistische Mainstream lediglich ein Werkzeug der Umerziehung sei. Stattdessen wirft er ein Schlaglicht auf die wahren Scharlatane: jene alternativen Portale, die unter dem Deckmantel des Konservatismus gezielt Emotionen schüren, Fakten verdrehen und Spaltung säen. Von der Instrumentalisierung von Debatten über Gendern und Diversität bis hin zur Entlarvung rhetorischer Tricks in populistischen Narrativen – dieses Buch bietet einen unverzichtbaren Werkzeugkasten für alle, die in hitzigen Diskussionen auf Fakten statt auf gefühlte Wahrheiten setzen wollen. Goldberg beweist eindrucksvoll, dass journalistische Standards und Objektivität das Fundament unserer Demokratie bilden und zeigt dem Leser, wie man Desinformation selbstständig entlarvt. Ein Plädoyer für den kühlen Kopf und ein Muss für jeden, der die Mechanismen hinter den Schlagzeilen wirklich verstehen will.
Der Mythos der 'Erziehung': Werden wir wirklich umerzogen?
Wer morgens sein Radio einschaltet, die Tagesschau sieht oder durch die Mediatheken der öffentlich-rechtlichen Sender scrollt, begegnet früher oder später einem Phänomen, das in den letzten Jahren zu einem der hitzigsten Streitpunkte der deutschen Debattenkultur geworden ist: dem Gendersternchen, der kurzen Pause im Wortfluss oder Begriffen wie Diversität und Inklusion. Für die einen ist es ein Ausdruck von Respekt und zeitgemäßer Höflichkeit in einer pluralistischen Gesellschaft. Für eine lautstarke Gruppe anderer Akteure ist es jedoch der Beweis für eine groß angelegte, staatlich orchestrierte Kampagne. Die Rede ist von Umerziehung. Es wird behauptet, die Medien hätten sich von ihrem Auftrag der objektiven Information verabschiedet und seien zu einer Art Volkshochschule für progressiv-linke Ideologien mutiert.
Dieses Narrativ der Umerziehung ist kein Zufallsprodukt. Es ist der Kern einer politischen Strategie, die darauf abzielt, das Vertrauen in etablierte Institutionen zu untergraben. Wenn man den Worten führender Köpfe aus dem rechten Spektrum oder den Schlagzeilen von Portalen wie Nius Glauben schenkt, leben wir in einer Zeit, in der eine kleine, abgehobene Elite den Bürgern vorschreiben will, wie sie zu sprechen, zu essen und zu denken haben. Das Bild, das hier gezeichnet wird, ist düster: Eine Sprachpolizei überwache jeden Satz, und wer nicht spurt, werde gesellschaftlich geächtet. Doch wie viel Substanz steckt hinter diesen Vorwürfen? Werden wir wirklich umerzogen, oder erleben wir lediglich die normale Weiterentwicklung einer Gesellschaft, die von den Medien abgebildet wird?
Die Anatomie einer Behauptung
Die Behauptung der Umerziehung folgt einem klaren Muster. Zuerst wird ein Begriff oder eine Praxis isoliert betrachtet. Nehmen wir das Gendern. Anstatt es als eine von vielen sprachlichen Optionen zu sehen, wird es als Zwang dargestellt. Rechte Akteure behaupten oft, dass die ARD oder das ZDF die Bevölkerung durch Gendersprache umerziehen wollen. Dabei wird suggeriert, dass es eine zentrale Anweisung gäbe, eine Art geheimes Protokoll, das alle Journalisten verpflichtet, die Sprache zu verändern. Diese Erzählung wird massiv über Kanäle wie Nius und einflussreiche Twitter-Accounts verbreitet. Dabei werden oft Einzelfälle herangezogen, die als allgemeiner Trend verkauft werden. Wenn ein einzelner Moderator in einer Nachrichtensendung eine Sprechpause macht, wird dies zum Beweis für den Untergang der deutschen Sprache hochstilisiert.
Interessant ist dabei die Herkunft dieser Erzählung. Der Begriff der Umerziehung hat in Deutschland eine spezifische historische Last. Er erinnert an die Re-Education-Programme der Alliierten nach 1945 oder an die ideologische Indoktrination in der DDR. Indem rechte Influencer dieses Wort nutzen, setzen sie die heutige Bundesrepublik und ihre Medienlandschaft implizit mit totalitären Systemen gleich. Das Ziel ist klar: Es soll Angst erzeugt werden. Die Angst vor dem Verlust der eigenen Identität und der Freiheit. Wer sich als Opfer einer Umerziehung fühlt, muss sich nicht mehr inhaltlich mit Argumenten auseinandersetzen. Er kann jede Veränderung als Angriff von oben abwehren.
Ein wesentliches Element dieser Strategie ist die Nutzung sozialer Medien. Algorithmen belohnen Empörung. Ein sachlicher Bericht über die Hintergründe einer Sprachdebatte generiert kaum Reichweite. Ein Video mit der Schlagzeile: Irrsinn bei der ARD: Jetzt sollen wir alle so sprechen! hingegen verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Hier setzt eine psychologische Mechanik ein, die Stanley Cohen bereits in den 1970er Jahren als Moral Panic beschrieb. Eine Gruppe von Menschen – in diesem Fall die Journalisten des Mainstreams – wird als Bedrohung für gesellschaftliche Werte dargestellt. Diese Bedrohung wird künstlich aufgebläht, bis sie in der Wahrnehmung vieler Menschen weit über der realen Bedeutung des Themas steht.
Faktencheck: Die statistische Realität der Identitätspolitik
Um die These der Umerziehung zu prüfen, hilft ein Blick auf die harten Zahlen. Wenn die Medien tatsächlich das Ziel hätten, die Bevölkerung ideologisch umzuformen, müsste sich dies in einer massiven Dominanz entsprechender Themen widerspiegeln. Eine Analyse der tatsächlichen Sendezeiten und Programminhalte zeigt jedoch ein völlig anderes Bild. Die sogenannte Identitätspolitik, also Themen wie Gendern, Transsexualität oder spezifische Minderheitenrechte, macht nur einen winzigen Bruchteil der Berichterstattung aus. In den Hauptnachrichtensendungen wie der Tagesschau oder heute dominieren nach wie vor klassische Themen: Wirtschaft, Außenpolitik, soziale Sicherheit und Klimawandel.
Untersuchungen zur Häufigkeit des Begriffs Woke oder verwandter Schlagworte zeigen eine interessante Diskrepanz. Während alternative Medien wie Nius das Thema fast täglich bespielen und so tun, als gäbe es kein wichtigeres Problem im Land, tauchen diese Begriffe in den öffentlich-rechtlichen Medien oft nur dann auf, wenn über eine konkrete politische Debatte berichtet wird. Es sind also oft gerade die Kritiker der vermeintlichen Umerziehung, die das Thema erst groß machen. Man könnte von einer medialen Dauerschleife sprechen: Rechte Portale greifen ein Nischenthema auf, skandalisieren es, und wenn etablierte Medien darauf reagieren oder es einordnen, wird dies als Beweis für die Besessenheit des Mainstreams gewertet.
Auch die Verwendung von Gendersprache ist in den meisten Redaktionen keineswegs verpflichtend. Es gibt keine zentrale Dienstanweisung der Intendanten, die das Gendersternchen vorschreibt. Stattdessen gibt es Empfehlungen, die oft sehr unterschiedlich gehandhabt werden. In vielen Redaktionen ist die Entscheidung den einzelnen Journalisten überlassen. Dass junge Journalisten häufiger gendern als ältere, ist kein Beleg für einen Befehl von oben, sondern spiegelt den gesellschaftlichen Wandel wider. Sprache hat sich schon immer verändert. Dass Medien diesen Wandel aufgreifen, ist ihre Aufgabe. Sie sollen die Realität abbilden, und in der Realität vieler Menschen spielen diese sprachlichen Formen heute eine Rolle.
- Gendersprache ist in den meisten Redaktionen optional, nicht verpflichtend.
- Themen der Identitätspolitik belegen weniger als 5% der gesamten Sendezeit in politischen Magazinen.
- Die Häufigkeit der Debatte wird primär durch die Empörung der Gegner befeuert.
- Öffentlich-rechtliche Medien orientieren sich an wissenschaftlichen Erkenntnissen und gesellschaftlichen Trends, nicht an Parteiprogrammen.
Wer von Umerziehung spricht, verkennt, dass Medien in einer Demokratie ein Spiegel sind. Wenn sich eine Gesellschaft diversifiziert, wenn Minderheiten lauter für ihre Rechte eintreten, dann müssen Medien darüber berichten. Das zu tun, ist kein Erziehungsauftrag, sondern schlichte journalistische Pflicht. Die Behauptung einer Einheitsmeinung hält einer Überprüfung ebenfalls nicht stand. In Talkshows wie Anne Will oder Maybrit Illner sitzen regelmäßig Gäste, die das Gendern scharf kritisieren oder die aktuelle Migrationspolitik ablehnen. Würde eine echte Umerziehung stattfinden, fänden diese Stimmen keinen Raum. Tatsächlich aber wird ihnen oft sogar mehr Raum gegeben, um den Vorwurf der Einseitigkeit proaktiv zu entkräften.
Fallstudie: Der Kampf um das Gender-Verbot
Ein bezeichnendes Beispiel für die Mechanismen der Manipulation ist die Berichterstattung über lokale Gender-Verbote oder entsprechende Initiativen. Nehmen wir einen fiktiven, aber an realen Ereignissen orientierten Fall, wie er oft auf Portalen wie Nius zu finden ist. Die Schlagzeile lautet vielleicht: Sieg der Freiheit: Kleinstadt verbietet Gender-Gaga in der Verwaltung! In dem dazugehörigen Artikel wird die Entscheidung eines Stadtrats so dargestellt, als sei eine heldenhafte Bastion gegen eine übermächtige Sprachpolizei gefallen.
Schaut man sich die Primärquellen an, stellt sich die Situation oft weitaus unspektakulärer dar. Meist handelt es sich um eine rein formale Entscheidung über die Gestaltung von Behördenbriefen, die ohnehin den Regeln des Rates für deutsche Rechtschreibung folgen. Es gab vorher keinen Zwang zum Gendern, und es gibt nachher keinen nennenswerten Unterschied in der täglichen Arbeit der Verwaltung. Doch in der Darstellung der alternativen Medien wird daraus ein epischer Kampf zwischen Volk und Elite. Der Artikel nutzt gezielt emotionale Adjektive wie ideologisch, bevormundend oder weltfremd, um ein Feindbild zu festigen.
Das Ziel solcher Berichte ist es, eine dauerhafte Erregung zu erzeugen. Der Leser soll das Gefühl haben, ständig unter Beschuss zu stehen. Wenn dann die Lokalzeitung oder der regionale Rundfunk sachlich über die rechtlichen Hintergründe berichtet und vielleicht auch Stimmen zu Wort kommen lässt, die die Entscheidung des Stadtrats kritisieren, wird dies sofort als Gegenangriff der Umerzieher gewertet. Hier zeigt sich die geschlossene Logik des populistischen Narrativs: Jede Information, die nicht das eigene Weltbild stützt, wird als Manipulation deklariert. Man schafft sich eine eigene Realität, in der man sich als mutiger Widerstandskämpfer fühlen kann, während man in Wahrheit nur gegen Windmühlen kämpft.
Das Strohpuppen-Argument als rhetorische Waffe
In der Logik wird das Strohpuppen-Argument dann verwendet, wenn man die Position des Gegners verzerrt darstellt, um sie leichter angreifen zu können. Genau das passiert in der Debatte um die Umerziehung. Es wird ein Gegner erfunden, den es so nicht gibt: die Sprachpolizei. Man behauptet, es gäbe Leute, die Bußgelder verhängen wollen, wenn man nicht gendert, oder die Menschen den Fleischkonsum verbieten möchten. In der Realität gibt es solche Bestrebungen in den relevanten politischen Kreisen nicht. Es gibt Debatten über Fleischsteuer oder Empfehlungen für eine inklusivere Sprache, aber keine Verbote im privaten Raum.
Indem man diesen übermächtigen Gegner erfindet, kann man sich selbst als Retter der Freiheit inszenieren. Es ist ein klassischer psychologischer Trick. Man erzeugt ein Problem, bietet sich selbst als Lösung an und generiert durch die geschürte Angst Klicks und Aufmerksamkeit. Das ist das Geschäftsmodell hinter vielen alternativen Medien. Sie leben nicht von der Information, sondern von der Empörung. Ein sachlicher Diskurs über die Vor- und Nachteile geschlechtergerechter Sprache würde dieses Geschäftsmodell zerstören. Deshalb muss das Thema immer wieder auf die Ebene des existenziellen Kampfes gehoben werden.
Moral Panic: Warum wir so emotional reagieren
Um zu verstehen, warum die Erzählung von der Umerziehung so verfängt, müssen wir uns mit dem Modell der Moral Panic beschäftigen. Stanley Cohen definierte diesen Zustand als eine Situation, in der eine Episode, eine Person oder eine Gruppe von Personen als Bedrohung für gesellschaftliche Werte und Interessen definiert wird. Die Medien spielen hierbei eine entscheidende Rolle, indem sie diese Bedrohung in einer stereotypen Art und Weise darstellen. Die Grenze zwischen Realität und Projektion verschwimmt.
Im Kontext der heutigen Medienkritik funktioniert das so: Ein kleiner Aspekt des gesellschaftlichen Wandels – etwa die Sichtbarkeit von Transpersonen – wird aus dem Zusammenhang gerissen. Er wird als Symbol für den vermeintlichen Sittenverfall und die Zerstörung der traditionellen Familie präsentiert. Die Angst, die dabei entsteht, ist echt, aber die Ursache ist künstlich aufgebläht. Die Menschen reagieren deshalb so emotional, weil sie das Gefühl haben, ihnen werde etwas weggenommen. Die Strategen hinter diesen Narrativen wissen genau, welche Knöpfe sie drücken müssen. Sie nutzen Begriffe, die tief sitzende kulturelle Ängste ansprechen.
Dabei wird ein interessanter Tausch vollzogen. Während die Kritiker den öffentlich-rechtlichen Medien vorwerfen, sie seien subjektiv und ideologisch, sind ihre eigenen Kanäle das Paradebeispiel für subjektive Berichterstattung. Ein Portal wie Nius hat gar nicht den Anspruch, objektiv zu sein. Es ist eine Kampfplattform. Dennoch gelingt es ihnen, den Spieß umzudrehen und den Mainstream als den eigentlichen Manipulator darzustellen. Das ist die rhetorische Glanzleistung des modernen Populismus: Man wirft dem Gegner genau das vor, was man selbst im Übermaß tut.
- Definition eines Folk Devils (eines Sündenbocks), in diesem Fall die woken Journalisten.
- Übertreibung und Verzerrung von Einzelereignissen.
- Vorhersage einer Katastrophe (der Untergang des Abendlandes oder der deutschen Sprache).
- Aufruf zum Widerstand gegen die vermeintliche Bedrohung.
Dieses Schema lässt sich auf fast jede Kampagne gegen die sogenannten Systemmedien anwenden. Ob es um den Klimawandel geht, um Migration oder eben um gesellschaftliche Identitätsthemen. Immer ist das Muster gleich: Eine komplexe Realität wird auf ein simples Gut-Gegen-Böse-Schema reduziert, bei dem die etablierten Medien immer auf der Seite des Bösen stehen.
Gefühlte Ausgrenzung vs. statistische Realität
Ein häufiges Argument von Kritikern ist das der gefühlten Ausgrenzung. Konservative Sprecher behaupten oft, sie kämen in den Medien nicht mehr vor oder würden sofort in eine rechte Ecke gestellt, wenn sie Kritik an progressiven Themen äußern. Dieses Gefühl ist ernst zu nehmen, da es die Grundlage für die Abkehr vieler Menschen vom Diskurs bildet. Aber ist es auch wahr? Wenn man sich die Gästelisten der großen Talkshows ansieht, findet man regelmäßig Vertreter des konservativen Flügels der CDU, Mitglieder der FDP und sogar Vertreter der AfD, sofern es der journalistische Kontext erfordert. Die These, dass konservative Stimmen unterdrückt werden, hält einem Abgleich mit den Sendeprotokollen nicht stand.
Was jedoch passiert ist, ist eine Verschiebung dessen, was als konservativ gilt. Positionen, die vor zwanzig Jahren noch zum Standard gehörten, werden heute in einem anderen Licht gesehen, weil sich die wissenschaftlichen Erkenntnisse und die gesellschaftlichen Normen weiterentwickelt haben. Wenn ein Wissenschaftler heute im Fernsehen erklärt, dass Geschlecht eine biologische und eine soziale Komponente hat, dann ist das keine Umerziehung, sondern der aktuelle Stand der Forschung. Ein Konservativer, der dies ignoriert, empfindet die Korrektur vielleicht als Ausgrenzung, doch journalistisch gesehen ist es lediglich die Einordnung von Fakten.
Objektivität bedeutet nicht, jeder Meinung den gleichen Raum zu geben, unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt. Das wäre False Balance. Wenn 99 Prozent der Klimaforscher sagen, dass der Klimawandel menschengemacht ist, dann ist es nicht objektiv, einem Leugner des Klimawandels 50 Prozent der Sendezeit einzuräumen. In der Debatte um Identität und Sprache wird oft gefordert, dass die Ablehnung von Veränderungen als gleichwertige wissenschaftliche Position behandelt wird. Doch wenn es um Menschenrechte oder den Schutz von Minderheiten geht, gibt es eine klare ethische Basis, auf der unser Grundgesetz steht. Medien, die diese Basis verteidigen, erziehen nicht um – sie erfüllen ihren Verfassungsauftrag.
Die Reichweite des Themas Gendern wird zudem künstlich aufgebläht. In Umfragen geben die meisten Deutschen an, dass ihnen das Thema im Alltag völlig egal ist oder sie es leicht ablehnen. Es ist für die Mehrheit der Menschen schlicht kein brennendes Problem. Dass es in der politischen Debatte dennoch so viel Raum einnimmt, liegt an der Dynamik zwischen rechten Empörungsmedien und dem Bedürfnis etablierter Medien, auf diese Vorwürfe zu reagieren. Man lässt sich auf ein Spiel ein, bei dem die Regeln von denjenigen gemacht werden, die den Skandal wollen. Dadurch entsteht der Eindruck einer Omnipräsenz des Themas, die mit der Lebensrealität der meisten Menschen wenig zu tun hat.
Vom Angebot zum Zwang: Eine rhetorische Täuschung
Ein Kernpunkt der Umerziehungsthese ist die Behauptung, dass aus einem Angebot ein Zwang geworden sei. Man hört oft den Satz: Man darf ja heute gar nichts mehr sagen. Das ist faktisch falsch. Jeder darf in Deutschland nach wie vor sagen, was er möchte, solange es nicht strafrechtlich relevant ist (wie Volksverhetzung). Was sich geändert hat, ist die Reaktion auf das Gesagte. Wer heute Begriffe verwendet, die als diskriminierend gelten, muss mit Widerspruch rechnen. Dieser Widerspruch wird von Kritikern oft als Zensur oder Sprechverbot umgedeutet. Aber Widerspruch ist das Wesen der Demokratie. Freiheit der Rede bedeutet nicht Freiheit von Kritik.
Die öffentlich-rechtlichen Medien machen ein sprachliches Angebot. Wenn eine Moderatorin das Wort Zuschauer:innen verwendet, ist das eine Einladung, alle Geschlechter mitzudenken. Es ist kein Befehl an den Zuschauer, dieses Wort zu Hause ebenfalls zu nutzen. Dennoch wird es so dargestellt, als würde der Sender in das Wohnzimmer der Menschen eingreifen. Diese Personifizierung der Medien ist ein geschickter Schachzug. Man macht aus einer abstrakten Institution einen übergriffigen Akteur. Das Ziel ist es, eine emotionale Abwehrreaktion zu provozieren.
Man muss sich klarmachen, wie absurd die Vorstellung einer zentral gesteuerten Umerziehung in einem föderalen System wie dem der Bundesrepublik ist. Die ARD besteht aus neun unabhängigen Landesrundfunkanstalten mit jeweils eigenen Redaktionen, Räten und Aufsichtsgremien. Wer glaubt, dass all diese unterschiedlichen Menschen und Gremien sich heimlich verschworen haben, um das Volk umzuerziehen, der unterschätzt die Komplexität dieser Apparate massiv. Es gibt dort interne Debatten, Streit um Begriffe und sehr unterschiedliche politische Ausrichtungen. Die Vorstellung der Einheitsfront ist ein Mythos, der nur existieren kann, wenn man die internen Strukturen dieser Medien ignoriert.
Die Mechanismen der Manipulation funktionieren also über Vereinfachung. Man nimmt ein komplexes Geflecht aus gesellschaftlichem Wandel, journalistischer Sorgfaltspflicht und sprachlicher Evolution und presst es in das Narrativ der bösartigen Elite. Das Kapitel hat gezeigt, dass die Zahlen diese These nicht stützen. Werden wir umerzogen? Nein. Wir werden mit einer Welt konfrontiert, die vielfältiger und komplexer geworden ist. Dass Medien diese Komplexität abbilden, ist kein Angriff auf die Freiheit, sondern deren Ausübung. Wer die Freiheit der Sprache verteidigen will, sollte zuerst damit beginnen, die Fakten von den gefühlten Wahrheiten zu trennen.
Zusammenfassung der wichtigsten Punkte
- Der Begriff Umerziehung wird strategisch eingesetzt, um Ängste zu schüren und Medien zu diskreditieren.
- Die statistische Präsenz von Identitätspolitik in den Medien ist weitaus geringer als behauptet.
- Rechte Kanäle nutzen das Strohpuppen-Argument, um sich als Verteidiger einer bedrohten Freiheit zu inszenieren.
- Gendern in den Medien ist ein Angebot zur Inklusion, kein gesetzlicher oder redaktioneller Zwang für die Bevölkerung.
- Die Aufregung über diese Themen wird oft künstlich durch alternative Portale generiert, um Klicks zu erzeugen.
Wir können also festhalten: Die Gefahr für den demokratischen Diskurs geht nicht von einem vermeintlichen Erziehungsauftrag der Medien aus, sondern von der gezielten Desinformation über deren Arbeit. Wer ständig behauptet, manipuliert zu werden, ohne dafür Beweise jenseits von Einzelfällen zu liefern, ist oft selbst derjenige, der die Wahrnehmung seiner Leser manipulieren will. In den folgenden Kapiteln werden wir sehen, wie sich dieses Muster in anderen Bereichen, etwa der Wirtschaft und der Sozialpolitik, fortsetzt. Es ist ein System der organisierten Empörung, das nur dann funktioniert, wenn wir die Fakten aus den Augen verlieren. Wer kühlen Kopf bewahrt und auf die tatsächliche Berichterstattung schaut, statt nur auf die schrillen Schlagzeilen über sie, erkennt schnell: Die Freiheit des Wortes ist in Deutschland nicht durch das Gendersternchen bedroht, sondern durch diejenigen, die den sachlichen Streit durch ideologische Grabenkämpfe ersetzen wollen.
Es bleibt dabei: Objektivität ist kein Zustand der völligen Neutralität gegenüber jeder Behauptung. Es ist die Verpflichtung zur Wahrheit auf Basis von Belegen. Wenn Medien über die Realität einer sich wandelnden Gesellschaft berichten, tun sie genau das. Die Behauptung der Umerziehung ist nichts weiter als der Versuch, diese Berichterstattung zu delegitimieren, weil die Realität nicht in das eigene, oft rückwärtsgewandte Weltbild passt. Wer sich gegen diese Form der Manipulation wehren will, muss die rhetorischen Tricks derer kennen, die das Wort Freiheit im Munde führen, aber nur die Freiheit meinen, die eigene Meinung unwidersprochen als allgemeingültige Wahrheit zu setzen. Der Blick auf die Statistik und die journalistischen Standards zeigt uns den Weg aus der Empörungsfalle.
Die 'links-grüne' Verschwörung: Eine statistische Inventur
Die Erzählung ist so eingängig wie gefährlich: In den Redaktionsstuben von Berlin, Hamburg und München säßen fast ausschließlich Überzeugungstäter, die das Land nach ihren persönlichen Vorstellungen umgestalten wollten. Das Bild, das alternative Medien und populistische Akteure zeichnen, zeigt einen Journalismus, der fest in der Hand von Anhängern …