Wunderwald

Wunderwald

Ein neugieriger Waschbär, eine alte Waldschule und die magische Physik der Natur

by Flex Barker

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Wer sagt eigentlich, dass man in der Schule stillsitzen muss? Mitten im tiefen, grünen Wald entdeckt der findige Waschbär Robby Ringelschwanz ein vergessenes Schulhaus der Menschen. Doch statt Staub zu wischen, hat er einen viel besseren Plan: Er wird der Lehrer des Waldes! Die morsche Brücke über den Bach droht einzustürzen und trennt die Tierfreunde voneinander. Mit Kreide, Grips und der Hilfe der weisen Eule Lumi Leuchtauge bringt Robby den anderen Tieren bei, wie Hebelwirkung und Statik funktionieren. Doch der griesgrämige Dachs Grimmhold hält gar nichts von dem Lärm vor seinem Bau und setzt alles daran, das Projekt zu stoppen. Als dann auch noch schwere Maschinen der Menschen am Waldrand auftauchen, wird die Reparatur der Brücke zum Wettlauf gegen die Zeit. Können die Tiere beweisen, dass Wissen und Zusammenhalt mächtiger sind als jeder Zweifel? Wunderwald ist eine herzerwärmende Geschichte über den Mut, Fragen zu stellen, die Kraft der Gemeinschaft und die Entdeckung, dass in jedem kleinen Waldbewohner ein großer Entdecker steckt. Ein lehrreiches Abenteuer für kleine und große Naturfreunde ab 6 Jahren.

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Das Geheimnis im Efeu

Der Morgennebel hielt das alte Forsthaus in einer Umarmung gefangen, die so dicht und weiß war, dass die Welt jenseits der Grundstücksgrenze kaum mehr als eine vage Vermutung schien. Friedrich von Hagen stellte den Motor seines Wagens ab und genoss für einen Moment die plötzliche, fast physisch spürbare Stille. Es war kein stummes Schweigen, wie er es aus den schallisolierten Büros der Berliner Stadtplanung kannte. Es war eine lebendige Ruhe, zusammengesetzt aus dem fernen Tropfen von Tauwasser und dem leichten Seufzen der uralten Eichen, die das Haus wie steinerne Wächter flankierten.

Er stieg aus und spürte, wie der weiche, federnde Boden unter seinen festen Lederschuhen nachgab. Die Luft hier roch anders als in der Stadt. Dort war sie trocken und schwer von Abgasen und dem feinen, grauen Bremsstaub der U-Bahnen gewesen, der sich wie ein bleierner Film auf jedes Sims und jede Lunge legte. Hier drüben, am Rande des Urwaldreservats, duftete sie nach feuchter Erde, nach dem herben Aroma von zerriebenem Harz und dem süßlichen Unterton verwelkender Farne. Es war ein Geruch, der ihn augenblicklich erdete, als würde sein eigener Körper erkennen, dass er an einen Ort zurückgekehrt war, der tiefer in seiner DNA verwurzelt lag als jeder Grundriss aus Beton und Stahl.

Friedrich ging zum Heck des Wagens und öffnete die Klappe. Die erste Kiste war schwer, gefüllt mit seinen geliebten Fachbüchern über Statik und Architektur, die ihm nun seltsam deplatziert vorkamen. Als er sie anhob und in Richtung der hölzernen Veranda trug, riss ein gellender Schrei die Stille entzwei. Er hielt inne. Auf einem der unteren Äste einer nahen Eiche saß ein Eichelhäher. Der Vogel plusterte sein Gefieder auf, das im fahlen Morgenlicht metallisch blau schimmerte, und stieß einen weiteren Ruf aus. Es wirkte nicht wie ein Warnsignal, sondern eher wie eine Proklamation. Kurz darauf antwortete ein zweiter Vogel aus dem Dickicht, dann ein dritter weiter oben am Hang.

Sie melden meine Ankunft, dachte Friedrich und ein schmales Lächeln stahl sich auf sein Gesicht. Er war kein Mann der Esoterik, doch Jahrzehnte der Planung von Infrastrukturen hatten ihn gelehrt, Kommunikationsketten zu erkennen, wenn sie vor seinen Augen abliefen. Diese Vögel waren die Grenzwächter dieses Reiches, und sie nahmen seine Anwesenheit nicht nur zur Kenntnis, sie gaben sie weiter. Er setzte den Weg zur Tür fort, wobei er peinlich genau darauf achtete, wohin er seine Füße setzte, um die kleinen Wunder am Wegesrand nicht zu zertreten.

Das Forsthaus selbst wirkte baufällig, fast so, als würde es sich langsam wieder in den Wald zurückziehen wollen. Die Schindeln waren von Moos überzogen, und das Holz der Fassade hatte die Farbe von verwittertem Schiefer angenommen. Doch für Friedrich war es kein Sanierungsfall, sondern ein Versprechen. Als er den schweren Schlüssel im Schloss drehte und die Tür mit einem gedehnten Knarren aufschwang, schlug ihm der vertraute Geruch seiner Kindheit entgegen. Es war die olfaktorische Signatur seiner Ahnen, eine Mischung aus Bohnerwachs, altem Papier und der kühlen Feuchtigkeit von Natursteinwänden.

Er begann, die Kisten auszuladen, eine nach der anderen. Jedes Mal, wenn er zum Wagen zurückkehrte, fühlte er sich ein Stück leichter. Die Berliner Jahre, die Sitzungen im Planungsamt, die endlosen Debatten über Verkehrsströme und Bebauungsdichten fielen von ihm ab wie trockene Rinde von einem gesunden Stamm. Er war sechsundsechzig Jahre alt, und zum ersten Mal seit dem Tod seiner Frau fühlte er, dass er nicht mehr nur vor etwas weglief, sondern auf etwas zuhielt.

Gerade als er die letzte Kiste mit seinem Porzellan greifen wollte, erstarrte er. Am Rand der Lichtung, dort, wo der dichte Wald in die verwilderte Wiese des Forsthauses überging, war eine Bewegung. Friedrich hielt den Atem an. Ein Reh trat aus dem Gebüsch. Es war eine junge Ricke, deren Fell im schwindenden Nebel fast golden wirkte. Normalerweise wäre ein solches Tier beim kleinsten Geräusch, beim leisesten Klappern einer Autotür, in die Tiefe des Waldes geflohen. Doch dieses Tier blieb stehen.

Es hob den Kopf und richtete seine großen, dunklen Augen direkt auf Friedrich. Es war kein flüchtiger Blick, sondern eine musternde, fast schon prüfende Aufmerksamkeit. Friedrich bewegte sich nicht. Er spürte, wie sein Herzschlag sich verlangsamte, als würde er sich dem Rhythmus des Waldes anpassen. Die Sanftmut in den Augen des Tieres war so entwaffnend, dass er eine Welle der Rührung verspürte, die ihn fast schwindlig machte. Es gab keinen Fluchtreflex, keine Anspannung in den Muskeln des Rehes. Es schien seine Anwesenheit zu akzeptieren, als wäre er schon immer ein Teil dieses Ensembles gewesen.

Minuten vergingen, in denen die Zeit stillzustehen schien. Dann senkte das Reh den Kopf, knabberte kurz an einem jungen Trieb und spazierte mit einer gemächlichen Eleganz davon, die Friedrich den Atem raubte. Er blieb noch lange am Wagen stehen, die Kiste in den Händen, und starrte auf die Stelle, an der das Tier verschwunden war. In Berlin war er ein Experte für soziale Gefüge und urbane Gemeinschaften gewesen, doch hier begriff er, dass er gerade erst angefangen hatte zu lernen, was Nachbarschaft wirklich bedeutete. Die Kälte der vergangenen Jahre, die bittere Einsamkeit in der sterilen Stadtwohnung, schien in diesem Moment einer tiefen, bebenden Verbundenheit zu weichen.

Als der Abend hereinbrach, hatte Friedrich das Nötigste ausgepackt. Er verzichtete darauf, das elektrische Licht einzuschalten. Stattdessen kochte er sich einen Tee auf dem alten Gasherd und trat hinaus auf die Veranda. Er setzte sich in den abgewetzten Korbsessel, der dort noch von den Vorbesitzern stand, und wickelte sich in einen schweren Strickpullover. Die Dämmerung legte sich wie ein violetter Schleier über die Lichtung, und mit ihr erwachte der Abendchor des Waldes.

Es war ein vielstimmiges Konzert, das Friedrich in seinen Bann zog. Das tiefe Gurren der Ringeltauben mischte sich mit dem rhythmischen Klopfen eines Spechtes, der irgendwo im Halbdunkel sein spätes Werk verrichtete. Weiter entfernt hörte er das Rascheln im Unterholz, das von hungrigen Igeln oder vielleicht einem dachsartigen Bewohner stammen mochte. Es war eine uralte, liebevolle Melodie, die keine Noten brauchte, um ihre Wirkung zu entfalten. In der Stadt hatte er Lärm als Belästigung empfunden, als ein chaotisches Durcheinander von Frequenzen. Hier war jedes Geräusch ein Teil eines großen Ganzen, ein Puzzleteil in einer Architektur des Lebens, die weitaus komplexer war als alles, was er jemals auf dem Reißbrett entworfen hatte.

Friedrich schloss die Augen. Er spürte die Seele seiner Frau in der sanften Abendbrise, die durch die Blätter der Eichen strich. Er dachte an die Betonwüsten, die er mitgeschaffen hatte, und an die Wiedergutmachung, die er sich hier erhoffte. Er war nicht hierhergekommen, um zu sterben oder um zu vergessen. Er war hierhergekommen, um endlich zuzuhören. Der Wald sprach eine Sprache, die er noch nicht verstand, aber er war bereit, sie zu lernen. Die Tiere hatten ihn bereits gemeldet, sie hatten ihn beobachtet und sie hatten ihn eingeladen. Während er dort im Dunkeln saß, wusste er mit einer Klarheit, die er seit Jahrzehnten nicht mehr gespürt hatte: Er war endlich angekommen.

Flügel und Pfoten im Klassenzimmer

Draußen vor dem Fenster der alten Waldschule wiegten sich die Farnwedel im sanften Wind, doch im Inneren herrschte eine geschäftige Unruhe, die der kleine Waschbär Robby Ringelschwanz so noch nie erlebt hatte. Das Licht der Morgensonne fiel schräg durch die staubigen Scheiben und tanzte auf der großen, grünen Tafel, die Robby am Vortag entdeckt hat

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