
Blutige Fährten - Ohio 1758
Blut und Ehre am wilden Ohio: Ein fesselndes Epos über Freiheit, Krieg und das Überleben an der Grenze.
by Joerg Probst
Nordamerika, 1757. Der Kontinent steht in Flammen, während sich die Kolonialmächte im Siebenjährigen Krieg zerfleischen. Mitten in dieser gnadenlosen Wildnis erhalten die Ranger Samuel Holt und Acton McBride von George Washington einen lebensgefährlichen Auftrag: Sie sollen einen Siedlertreck tief in das umkämpfte Ohio-Tal führen. Was als beschwerlicher Marsch durch vereiste Pässe und unwegsame Flüsse beginnt, wird schnell zu einem verzweifelten Kampf ums nackte Überleben. Zwischen den Fronten französischer Truppen und feindseliger Stämme müssen die Männer nicht nur den Elementen trotzen, sondern auch Verrat und Arroganz in den eigenen Reihen überwinden. Doch in der Dunkelheit der Wälder findet Holt eine unerwartete Verbindung zum Volk der Shawnee. Als der rachsüchtige Krieger Black Otter eine Spur aus Blut und Asche durch das Tal zieht, muss Holt sich entscheiden, wofür er wirklich kämpft. Zwischen der Liebe zur Schamanentochter Moon Eye und der Pflicht gegenüber seinen Kameraden entbrennt ein epischer Konflikt, der das Schicksal der Grenze für immer besiegeln wird. Ein bildgewaltiger Roman über Mut, Opferbereitschaft und den Traum von einem Leben in Freiheit.
- Historical Fiction
- Adventure
- Western
- Historischer Abenteuerroman
- Wilderness
- Survival
Vorbereitungen
Der Morgen des 19. November 1757 kroch wie ein graues Gespenst über die Palisaden von Fort Loudoun. Ein schneidender Wind fegte von den Blue Ridge Mountains herab und trieb dichte, feuchte Nebelschwaden durch die schlammigen Gassen von Winchester. Das Holz der frisch errichteten Bastionen war vom unaufhörlichen Nieselregen schwarz angelaufen, und das ferne Echo eines einsamen Trommlers verhallte dumpf in der klammen Luft.
Samuel Holt, ein Ranger der Virginia Miliz im Rang eines Sergeanten, stand am östlichen Wallgang, den Kragen seines wettergegerbten Jagdhemdes hochgeschlagen. Das Erscheinungsbild von Sam war geprägt von einer drahtiger, sehniger Statur, einem wettergegerbten Gesicht und markanten Zügen, welches oft von tiefer Konzentration gekennzeichnet war. Seine Augen – hell und wachsam – schienen eine ständige Wachsamkeit auszustrahlen. Seine ruhige, eher introvertierte Art wurde bei seinen Männern sehr geschätzt.
Neben ihm lehnte Acton McBride gegen ein schweres Geschütz, eine Tonpfeife im Mundwinkel, deren Rauch sich sofort im windigen Grau verlor. Acton schien von der körperlichen Präsenz das genaue Gegenteil zu Samuel darzustellen. Großgewachsen, Vollbart und mit seinem langen, dunklen und ungebändigten Haarschopf, strahlte er eine fast gefährliche Vitalität aus. Er war die physische Urgewalt der Ranger, sein Aussehen war wesentlich imposanter und kriegerischer als das von Samuel. Sein Temperament war berüchtigt unter den Rangern. Er konnte schnell ungestüm und unüberlegt handeln, hörte aber in der Regel auf Samuel. Die beiden waren schon lange Freunde und Kameraden und hatten so manches Abenteuer gemeinsam erlebt.
„Ein verfluchter Tag, um Männer aus den Betten zu jagen, Sam“, brummte Acton, während er den Blick über die zehn Rekruten schweifen ließ, die unten im Hof frostbeulig ihre Musketen hielten. Die neuen Männer der Virginia-Militia wirkten in ihren dünnen, grünen Röcken wie Fremdkörper in dieser unerbittlichen Wildnis.
Samuel nickte langsam. „Der Feind fragt nicht nach dem Wetter, Acton. Wenn sie den Winter überleben wollen, müssen sie lernen, dass dieser Wald kein Spaziergang im Park von Williamsburg ist. Er ist entweder ihr Grab oder sie lernen so viel wie möglich um zu überleben.“
Acton stieß den Rauch aus. „Tahnee und ich werden sie heute in die Schluchten führen. Wir üben den Rückzug unter Feuer. Die Hälfte der Kerle stolpert über die eigenen Füße, sobald ein Zweig bricht. Ich werde ihnen beibringen, wie man verschwindet, ohne dass der Farn sich bewegt. Und wie man seine Kameraden beschützt, damit alle lebend zurückkommen.“
„Gut“, erwiderte Samuel und wandte sich zu Awan, dem jungen, athletischen Mohawk Krieger um, der wie eine Statue aus dunklem Fels hinter ihnen aufgetaucht war. Der Blick des Irokesen war auf den dichten Waldrand gerichtet, der das Fort wie eine drohende Mauer umschloss. „Awan und ich nehmen die andere Gruppe. Wir werden heute keine Kugeln verschwenden, sondern Geduld lehren.“
Wenig später verließ die kleine Prozession das schützende Tor des Forts. Der Waldboden war mit einer Schicht aus nassem, halb verrottetem Laub bedeckt, die jeden Schritt verräterisch knacken ließ. Samuel führte seine Gruppe, bestehend aus zehn Rekruten gemeinsam mit Awan tiefer in ein Tal, in dem der Nebel besonders schwer zwischen den uralten Eichen hing.
„Hört zu“, befahl Samuel mit leiser, aber autoritärer Stimme, als sie eine Anhöhe erreichten. Unter ihnen, in einer Senke, die vom Wind geschützt war, äste eine Gruppe von fünf Hirschen auf einer kleinen Lichtung. Die Tiere waren wachsam; die Ohren des Leithirsches zuckten bei jedem Windstoß. „Dort unten ist euer Ziel. Wenn ihr euch an einen Huronen oder Delawaren Krieger anschleichen wollt, müsst ihr erst lernen, ein Teil des Windes und des Waldes zu werden.“ Awan hob die Hand und deutete in einer kreisförmigen Bewegung auf die Flanken des Tals. Die Milizrekruten verstanden das Handzeichen sofort.
„Ihr werdet sie umzingeln“, erklärte Samuel den Männern, deren Atem in der kalten Luft gefror. „Wir nähern uns von allen Seiten gleichzeitig. Wer einen Ast bricht, hat verloren. Wer den Wind im Rücken hat, wird gerochen. Wir bewegen uns nur, wenn der Wind in den Kronen rauscht. Wer näher als zwanzig Schritt herankommt, ohne dass der Hirsch den Kopf hebt, darf morgen am Feuer sitzen, anstatt Wache zu schieben.“
Die Rekruten wechselten unsichere Blicke, doch unter Samuels unnachgiebigem Auge begannen sie, sich zu verteilen. Einer nach dem anderen verschwanden sie im Nebel, bückten sich tief und suchten nach Deckung hinter den moosigen Stämmen und Felsbrocken.
Samuel sah Awan an und ein stummes Verständnis glitt zwischen ihnen hindurch. Er selbst ließ sich in die Hocke sinken, spürte die feuchte Kälte des Bodens durch seine Mokassins dringen und begann, sich vorwärtszuschieben – lautlos, flach und mit der tödlichen Geduld eines Raubtiers, das wusste, dass in diesen Wäldern nur derjenige überlebte, den man weder sah noch hörte, bevor es zu spät war. Awan überwachte die Rekruten inzwischen und merkte sich, wenn einer der Rekruten einen Fehler machte, um es später anzusprechen.
Während Samuel mit seiner Gruppe in der nebligen Stille der Senke versuchte, sich lautlos den Tieren auf der Lichtung zu nähern, führte Acton McBride seine Männer tiefer in die zerklüfteten Ausläufer der Blue Ridge Mountains, östlich von Fort Loudoun. Tahnee, ebenfalls ein Mohawk und der ältere der beiden, glitt wie ein Schatten voran, die Hand stets am Griff seines Tomahawks, während die zehn Rekruten hinter ihm durch das nasse Unterholz stolperten und einen Lärm verursachten, der ihnen unter Kampf Bedingungen sicherlich das Leben kosten würde.
„Hier“, zischte Acton schließlich und blieb am Eingang einer engen, felsigen Schlucht stehen. Die Wände aus grauem Schiefer ragten steil auf, bewachsen mit klammem Moos und Farnen, die im schneidenden Wind zitterten.
„Wenn euch die Wilden hier drinnen oder einer ähnlichen Schlucht erwischen und ihr starrt sie nur mit offenem Mund an, seid ihr in zwei Minuten tot. Gleiches gilt für euer Getrampel während des Marsches hierher. Eure Gegner hören euch schon, bevor ihr eine Meile an sie herangekommen seid. Aber das werden wir auch noch zurechtbiegen. Wir üben jetzt den ‚tanzenden Rückzug‘.“
Er packte den vordersten Rekruten grob am Arm und teilte die Männer in drei Gruppen auf. „Hört zu, ihr Greenhorns!“, rief er gegen den Wind an. „Wir teilen uns auf. Vier Mann bilden die Vorhut, die anderen zwei Dreiergruppen sichern den Weg nach hinten.“ Er zeichnete mit einem Ast die Stellungen auf dem lehmigen Boden ein „Es geht um Zeit und Effektivität, nicht um Heldentum! Zuerst geht die Vierergruppe etwa dreihundert Yards in die Schlucht, sucht sich eine geeignete Deckung und wartet auf mein Signal. Als nächstes bezieht die zweite Gruppe etwa fünfzig Schritt hinter der ersten Gruppe Stellung und die letzte Gruppe wiederum fünfzig Schritte hinter der zweiten Gruppe. Die erste Gruppe feuert auf mein Kommando, aber nur drei Mann. Der vierte deckt den Rückzug, falls ein Feind durchkommt. Nach der Salve springt ihr auf und rennt so schnell ihr könnt an den beiden anderen Gruppen vorbei und sucht euch ebenfalls etwa fünfzig Yards hinter der letzten Gruppe Deckung. Dort ladet ihr eure Musketen so schnell wie möglich. Mittlerweile wartet die zweite Gruppe, bis sich der Feind wieder aus der Deckung bewegt und zur Verfolgung ansetzt. Ab jetzt wiederholt sich das Ganze. Die zweite Gruppe feuert und zieht sich schnell zurück, vorbei an den beiden anderen Gruppen. Verstanden soweit?“
Die Männer schauten ihn etwas verunsichert an, begriffen aber was von ihnen erwartet wurde.
Die erste Vierergruppe, angeführt von einem nervösen jungen Mann namens Jones, ging hinter massiven Felsbrocken und umgestürzten Kiefernstämmen in Stellung. Ihre Musketen ruhten schwer auf den nassen Unterlagen.
Acton, der genauso wie Tahnee die jungen Rekruten bei der Übung beobachtete brüllte: „Feuer!“
Drei Mündungsfeuer blitzten im grauen Nebel auf, gefolgt von dichten, weißen Pulverdampfwolken. Sofort sprangen die drei Schützen auf und rannten, geduckt und keuchend, etwa hundert Yards die Schlucht hinunter. Der vierte Mann blieb zurück, die Waffe im Anschlag, den Finger am Abzug, bereit, jeden fiktiven Verfolger niederzustrecken, der seinen Kameraden den Rücken durchsieben wollte. Erst als die drei anderen in sicherer Deckung knieten und begannen, hektisch neues Pulver in die Läufe zu schütten, rannte auch der vierte zurück.
Währenddessen hatte Tahnee die zweite Gruppe positioniert. Sie kauerten etwa fünfzig Yards hinter der ursprünglichen Stellung im dichten Lorbeerdickicht.
„Nicht bewegen“, flüsterte Tahnee, dessen Augen die Hänge absuchten. Als Jones Gruppe an ihnen vorbeihastete, blieben Tahnees Männer unbeweglich, bis die unsichtbaren Verfolger die Lichtung erreichten und Tahnee den Feuerbefehl gab. Daraufhin ließen sie ihre Salve los. Der Donner der Schüsse hallte von den Schieferwänden wider. Noch bevor der Rauch verweht war, sprangen auch sie auf, überholten die ladende erste Gruppe und suchten hundert Yards weiter hinten nach neuem Schutz.
Es war ein tödliches Ballett aus Bewegung und Stillstand. Während eine Gruppe lud, sicherte die nächste den Raum, und die dritte rannte bereits weiter zurück, um den nächsten Fangpunkt zu besetzen.
„Schneller, verdammt noch mal!“, trieb Acton sie an, während er selbst von Baum zu Baum sprang. „Das Laden muss blind gehen! Wenn ihr auf den Ladestock starrt, verpasst ihr das Tomahawk, das euren Schädel spaltet!“
Das Keuchen der Männer mischte sich mit dem metallischen Klacken der Ladestöcke. Der Schweiß rann ihnen trotz der Kälte die Gesichter hinunter und vermischte sich mit dem Ruß des verbrannten Pulvers. Gruppe um Gruppe schob sich wie eine Raupe rückwärts aus der Schlucht hinaus. Jedes Mal, wenn eine Einheit feuerte, stand bereits die nächste bereit, um den Rückzug zu decken.
Als sie schließlich den weiten Ausgang der Schlucht erreichten und ins offenere Gelände traten, ließ Acton das Zeichen zum Sammeln geben. Die Rekruten standen zitternd da, die Lungen brennend, die Gesichter vom Pulverdampf geschwärzt.
„Ihr lebt noch“, sagte Acton und trat vor sie, während Tahnee wortlos das Gelände hinter ihnen sicherte. „Das war kein Zufall, das war Taktik. Ein einsamer Läufer ist ein Ziel. Eine Gruppe, die sich gegenseitig deckt, ist eine Festung in Bewegung. "Vergesst das nie, oder ihr werdet die Ersten sein, deren Skalps in den Langhäusern am Ohio trocknen.“
Die Lagerfeuer im Inneren von Fort Loudoun trotzten dem klammen Novemberabend nur mühsam. Der Wind heulte in den Winkeln der Bastionen, und der feine Nieselregen verwandelte den Boden des Exerzierplatzes in eine tückische Schlammwüste. Samuel und Acton saßen auf zwei umgedrehten Pökelfleischfässern nahe der Glut, während ihre Männer – erschöpft, rußverschmiert und mit schmerzenden Gliedern – in den Unterkünften ihre nassen Stiefel trockneten.
„Sie fangen an zu begreifen“, sagte Samuel leise, während er mit einem Stöckchen in der weißen Asche stocherte. „Drei der Rekruten sind bis auf fünfzehn Schritt an den Leithirsch herangekommen. Sie haben gelernt, dass ihre Knie nicht nur zum Stehen da sind, dass man sie nutzen kann, nahe an einen Feind heranzukommen.“
Acton schnaubte und wischte sich einen Tropfen Regen von der Nase. Er hielt ein Stück zähes Dörrfleisch in der Hand, als wäre es sein wertvollster Besitz. „Meine Jungs haben heute mehr Pulver gefressen als Brot. Aber immerhin haben sie sich beim Rückzug nicht gegenseitig über den Haufen gerannt. Jones hat sogar verstanden, dass er erst losrennen darf, wenn die Deckungsgruppe bereit ist. Ein kleiner Erfolg, Sam.“
Tahnee und Awan hockten etwas abseits im Schatten eines Unterstandes. Sie sprachen nicht, doch ihre Anwesenheit gab dem Ort eine Sicherheit, die die hölzernen Palisaden allein nicht bieten konnten. Awan reinigte methodisch sein Messer, während Tahnee einen neuen Wampum-Gürtel betrachtete, den er in seiner Tasche trug – ein stilles Zeugnis der komplexen Pfade, die sie noch beschreiten mussten.
„Es reicht nicht, Acton“, fuhr Samuel fort, seine Stimme nun ernster. „Forbes will im Frühjahr marschieren. Wenn diese Männer bis dahin nicht lernen, wie echte Waldläufer zu kämpfen, wird die Forbes Mission genauso mit Blut getränkt wie die von Braddock. Wir müssen sie härter rannehmen. Nachtübungen. Orientierung ohne Sterne, nur nach dem Moos an den Stämmen.“
Acton nickte langsam und blickte in die tanzenden Flammen. „Morgen jagen wir sie vor dem ersten Licht raus. Wenn sie den Frost in den Knochen spüren, lernen sie schneller.“
Draußen im Dunkel der Wälder von Virginia heulte ein Wolf, und für einen Moment hielten beide Männer inne. Es war eine Erinnerung daran, dass sie hier nur Gäste waren – und dass der eigentliche Herr dieses Landes, der Feind im Schatten, sie genau beobachtete.
Der nächste Morgen brach nicht an, er sickerte lediglich als ein schmutziges Grau durch den hartnäckigen Nebel, der Winchester fest im Griff hielt. Die Kälte war über Nacht unter die Haut gekrochen und hatte den Schlamm des Exerzierplatzes in eine tückische, halb gefrorene Kruste verwandelt.
Samuel Holt stand gerade am Brunnen, um sich das eisige Wasser über das Gesicht zu schütten, als das ferne, rhythmische Schlagen von Hufen auf dem gefrorenen Boden das morgendliche Schweigen zerriss. Es war kein gemächlicher Trab – es war das verzweifelte Galoppieren eines Tieres, das am Ende seiner Kräfte war.
Das schwere Holztor von Fort Loudoun knarrte in den Angeln, als die Wachen es hastig aufstießen. Ein einzelner Reiter brach aus dem Nebel hervor. Pferd und Mann waren gleichermaßen von einer dicken Schicht aus aufgespritztem Dreck und weißem Schaum bedeckt. Der Gaul schwankte gefährlich, die Flanken bebten heftig, und der Atem des Tieres stieß in panischen, weißen Wolken aus den Nüstern. Der Reiter hatte das Tier bis an den Rand des Zusammenbruchs angetrieben.
Der Kurier, ein hagerer junger Mann in der blauen Uniform der Virginia-Miliz, deren Farbe unter dem Schmutz der Reise kaum noch zu erkennen war, rutschte eher vom Sattel, als dass er abstieg. Seine Beine gaben unter ihm nach, und er musste sich am zitternden Hals seines Pferdes festhalten, um nicht im Matsch zu versinken.
Acton McBride, der gerade aus der Offiziersmesse trat und sich den Schlaf aus den Augen rieb, eilte herbei. „Bei allen Teufeln, Junge, kommst du direkt aus der Hölle?“
Der Kurier antwortete nicht sofort. Seine Lippen waren blau angelaufen und spröde vor Kälte. Mit zitternden Fingern nestelte er an einer ledernen Depeschentasche, die mit dem Siegel des Gouverneurs von Virginia versehen war. Er zog ein Dokument hervor, das mit schwerem, rotem Wachs verschlossen war – das Wappen von Robert Dinwiddie.
„Für... Colonel Washington oder... Lieutenant Colonel Mercer“, krächzte er mit einer Stimme, die vor Erschöpfung fast versagte. „Direkt aus Williamsburg. Dringend.“
Samuel trat vor, nahm den Reiter an dem Arm und begleitete ihn zum Hauptquartier. Dort meldete er sich beim Adjutanten von Washington, erklärte kurz den Zusammenhang und das Anliegen. Der Offizier bedeutete den beiden zu warten und verschwand in einem anderen Raum. Kurze Zeit später erschien die hochgewachsene Gestalt von Colonel George Washington.
„Nehmt bitte Platz. Auch sie Sergeant Holt.“
„Das… das ist Wahnsinn!“ murmelte er während er den Bericht weiterlas. Schließlich beendete er das Lesen, legte die Depesche beiseite und ging zum Fenster. Für eine Weile starrte er nur auf den Innenhof des Forts, in Gedanken versunken. Doch plötzlich wandte er sich um und entließ den Kurier, bat jedoch Samuel zu bleiben. Er gab seinem Adjutanten den Befehl, bestimmte Offiziere und andere Personen einzubestellen, darunter auch Acton, Tahnee und Awan. Nachdem der Offizier den Raum verlassen hatte, wandte sich Washington an Sam.
„Holt, ich weiß um ihre Pläne die Milizen zu verlassen und habe dafür auch größtes Verständnis. Dennoch muss ich sie bitten, eine weitere Verpflichtung zu überdenken.“
Sam, überrascht von der Direktheit seines Kommandanten, stand auf und suchte nach den passenden Worten. „Sir, ich..., ich meine wir, Acton und ich haben schon Pläne für nächstes Jahr.“ Er stammelte den Satz mehr als er ihn aussprach.
„Das weiß ich wohl Samuel. Das weiß ich wohl. Dennoch bitte ich sie, sich das nochmals zu überlegen. Warten sie, bis die anderen Herren zugegen sind, dann erkläre ich ihnen warum ich sie dies frage.“ Mit diesen Worten setzte er sich hinter seinen Schreibtisch und las die Botschaft erneut.
Nach und nach erschienen die Männer, die der Colonel herbeigerufen hatte. Der erste war Captain James Crawford, der Kommandeur des 44th Infanterieregiments. Crawford war ein Veteran der Wildnis, schon lange in den Kolonien und er kannte die Gefahren der Grenze, ohne sie zu unterschätzen oder sich davon beeindrucken zu lassen. Ein Mann Ende Vierzig, integer, stolz und pragmatisch zugleich. Kurz darauf betrat ein alter Bekannter Sams den Raum, der Fuhrunternehmer Daniel Morgan, mit dem er schon unter Braddock in den Krieg gezogen war. Die beiden Männer nickten sich kurz zu, während Morgan salutierte. Begleitet wurde Morgan von den beiden Mohawks Tahnee und Awan. Washington begrüßte jeden Neuankömmling mit ein paar persönlichen Worten des Dankes. Der Raum füllte sich, als die beiden Lieutenants George Shelby, der ebenfalls zum 44th gehörte und Lucas Weaver, der eine Kompanie der Milizen befehligte, eintraten. Der Unterschied zwischen den beiden Offizieren hätte nicht größer sein können. Während Weaver, ein Hüne von einem Mann, in seiner blauen Milizen Uniform schon aufgrund seiner Größe und der Narbe, welche seine linke Gesichtshälfte verunstaltete, die er sich bei einem Nahkampf mit einem Mingo eingefangen hatte, eine natürliche Autorität darstellte, war die Erscheinung von Shelby fast genau das Gegenteil. Klein von Wuchs, in jüngeren Jahren sicherlich als gutaussehend, ja sogar als aristokratisch zu bezeichnen, war sein Gesicht jetzt aufgedunsen von dem vielen Rum, dem er, Gerüchten zu folge, schon am Morgen frönte. Seine Augen waren gerötet und seine Mundwinkel hatten einen leicht spöttischen Ausdruck. Er hasste das Leben an der Grenze und fühlte sich falsch verstanden und ungerecht behandelt. Irgendein Sergeant aus einer anderen Einheit hatte erzählt, dass Shelby England in Schande verlassen musste, da er die Frau eines anderen geschwängert hatte. Sein Vater, ein einflussreicher Earl, hatte ihm ein Offizierspatent gekauft, eine Passage nach Virginia gebucht und seinem Sohn nahegelegt, niemals wieder englischen Boden zu betreten.
Seine scharlachrote Uniform trug er mit einer Mischung aus Arroganz und Nachlässigkeit. Die Goldborte war an den Ärmeln leicht abgestoßen, und einige Knöpfe fehlten oder waren matt angelaufen – alles Anzeichen dafür, dass er den militärischen Gepflogenheiten nicht wohlwollend gegenüberstand. Captain Crawford hielt nicht viel von ihm, aber da der Mann einer seiner Untergebenen war, blieb Crawford immer sachlich und neutral.
Nachdem auch Acton sich schließlich einfand, wandte sich der Colonel den anwesenden sieben Männern zu:
„Meine Herren, ich habe soeben eine wichtige Nachricht aus Williamsburg erhalten, die nicht nur sie alle hier betrifft, sondern uns alle hier an der Grenze“, begann er seine Ansprache. „Ich muss ihnen vorab gestehen, dass mir die Pläne, von denen sie in Kürze Kenntnis erlangen, bekannt sind und ich dagegen opponierte, da ich sie für schwer durchführbar und höchst gefährlich halte. Meine Hoffnungen beruhten auf meinem Appell an die Vernunft, welche ich, wie ich nun erkennen muss, leider als nicht erfüllt betrachten muss.“ Er holte tief Luft, sah in das Gesicht jedes einzelnen. „Ich habe sie alle hier einbestellt, weil sie es sein werden, die die folgenden Befehle umsetzen werden. Es sollte als selbstverständlich gelten, dass das was sie gleich erfahren werden, mit größter Vertraulichkeit, eher als Geheimnis behandelt wird.“
Dann begann die Depesche zu verlesen.
AN DEN HOCHWOHLGEBORENEN
COLONEL GEORGE WASHINGTON
KOMMANDANT DER VIRGINIA-TRUPPEN
ZU FORT LOUDOUN, WINCHESTER
Ausgegeben zu Williamsburg, am 19. Tage des Novembers im Jahre des Herrn 1757.
Betreff: Befehl zur Sicherung einer Ansiedlung am Oberlauf des Monongahela und West Fork River
Werter Colonel,
Seiner Majestät Dienste und das Gedeihen dieser Kolonie erfordern unverzügliches Handeln, welches keinen Aufschub bis zum Frühjahre duldet. Es ist der ausdrückliche Wille der Verwaltung, dass die legitimen Ansprüche der Ohio Company auf jene Ländereien gefestigt werden, welche Master Christopher Gist vor Jahren rechtmäßig von den Overhill Cherokee erworben hat.
In Bälde, binnen vierzehn Tagen, wird Master David Tygart, ein geschätztes Mitglied besagter Gesellschaft, mit acht siedlungswilligen Familien sowie einem Tross von dreißig Arbeitern nebst einem fähigen Ingenieur in Winchester eintreffen. Ihr Auftrag ist es, diesen Zug tief in das Hinterland zu geleiten, in jene strategische Region zwischen dem Monongahela und dem Ohio, um dort dauerhaft Grund und Boden zu besetzen.
Zu diesem Behufe ordne ich hiermit die Aufstellung einer Eskorte unter Eurem Oberbefehl an, bestehend aus:
Vierzig regulären Soldaten Seiner Majestät zur Wahrung der militärischen Disziplin;
Zwanzig Mann der Virginia-Miliz zur Unterstützung der Schanzarbeiten und Patrouillentätigkeiten;
Sechs Eurer erfahrensten Scouts und Ranger, namentlich Master Holt und Master McBride, um den Weg zu ebnen und die Wildnis zu klären.
Die logistische Versorgung dieses Unternehmens wird durch Master Daniel Morgan sichergestellt, dessen Wagenzug sich dem Treck anzuschließen hat.
Eure Instruktionen lauten wie folgt:
Errichtung eines Forts! An einem strategisch günstigen Orte ist unverzüglich ein befestigter Posten zu errichten, der sowohl den Siedlern Schutz bietet als auch als Vorposten gegen feindliche Übergriffe dient.
Diplomatie! Ihr habt mit den Stämmen der Region in Verhandlungen zu treten, um sie an ihre bestehenden Verträge zu erinnern und sie, so Gott will, zur Neutralität oder gar zum Beistand gegen die französische Tyrannei zu bewegen.
Diversion! Durch Eure Präsenz, nur siebzig Meilen südlich von Fort Duquesne, habt Ihr Unruhe unter den französischen Kommandanten zu säen. Es ist von höchster Wichtigkeit, deren Aufmerksamkeit von den Vorbereitungen der herannahenden Expedition des General Forbes abzulenken.
Colonel, die Augen des Königs und des Board of Trade ruhen auf diesem Vorhaben. Es ist ein gefährliches Unterfangen im Angesicht des nahenden Winters, doch den aggressiven Handlungen der Franzosen am Ohio können wir nicht länger tatenlos akzeptieren.
Ich verbleibe Euer ergebener Diener,
Robert Dinwiddie
Gouverneur der Kolonie Virginia
Nachdem Washington die Depesche mit steinerner Miene verlesen hatte, schien die Zeit für einen Moment in der kalten Luft von Fort Loudoun einzufrieren. Dann, als das Gewicht der Worte Dinwiddies die Anwesenden vollends traf, brach das Schweigen wie berstendes Eis.
Acton McBride schlug mit der flachen Hand auf den massiven Eichentisch und polterte los: „Acht Familien? Hat der Gouverneur den Verstand verloren, oder will er nur das Papier in Williamsburg mit ihrem Blut rot färben? Wir reden hier nicht von einem Spaziergang am James River. Das ist das Herz des Wolfsbaues! Siebzig Meilen von Duquesne entfernt bedeutet, dass die Franzosen uns riechen können, bevor wir den ersten Baum gefällt haben.“
Samuel Holt beugte sich über die Karte, die auf dem Tisch ausgebreitet war, seine Stimme leise, aber scharf, erklärte an Acton gerichtet: „Es geht nicht nur um die Entfernung, Acton. Seht euch das Gelände an. Wenn wir zwischen den Monongahela und den Ohio ziehen, sitzen wir in der Falle, sobald der große Schnee fällt. Wer soll diese Menschen versorgen, wenn die Pässe dicht sind? Morgan ist ein fähiger Fuhrmann, aber seine Ochsen können nicht fliegen. Wir bauen kein Fort, wir bauen ein Schlachthaus, wenn wir nicht augenblicklich die Unterstützung der lokalen Stämme sichern.“
Daniel Morgan trat aus dem Schatten, die Arme verschränkt, das Gesicht rußig. „Ich sage euch, was das Problem ist, es sind die dreißig Arbeiter, vierzig reguläre Truppen und dazu noch 20 Milizen und acht Familien. Das bedeuten hunderte hungrige Mäuler. Mein Wagenzug wird eine Meile lang sein. Eine Meile aus langsamem Fleisch und knarrendem Holz, das durch den Schlamm kriecht. Wir werden eine Zielscheibe sein, die man noch in Kanada hört und sieht. Und was, wenn die Cherokee, denen Gist das Land abgekauft hat, sich plötzlich nicht mehr an den Handel erinnern? In Williamsburg wird häufig mit Land gehandelt, das den Männern dort gar nicht gehört.“
Diese Worte trafen Washington, der als Anteilseigner der Ohio Company auch direkt davon betroffen war, ließ sich aber nichts anmerken.
Tahnee, der sich wie immer im Hintergrund hielt, blickte den Colonel direkt an, seine Stimme war wie ein dunkles Grollen. „Die Overhill Cherokee sind weit weg. Die Shawnee, die dort jagen, haben diesem Verkauf nie zugestimmt. Für sie wird David Tygart kein Siedler sein, sondern ein Eindringling. Wenn ihr dort oben ein Fort errichtet, während Forbes im Norden marschiert, werden die Shawnee denken, wir wollen sie von zwei Seiten angreifen. Ihr werdet sie direkt in die Arme der Franzosen treiben, anstatt sie zu neutralisieren.“
Lucas Weaver, der junge Miliz-Offizier fragte mit zitternder Stimme: „Und was ist mit den vierzig Regulären? Denkt Dinwiddie wirklich, dass rote Röcke im tiefen Wald ein Schutz sind? Braddock hatte zweitausend davon, und wir wissen alle, wie das endete. Wenn die Franzosen Wind davon bekommen, dass wir Siedler schützen, werden sie ihre indianischen Verbündeten wie Bluthunde auf uns hetzen, um ein Exempel zu statuieren.“
Acton McBride lachte humorlos. „Verunsichern sollen wir die Franzosen, sagt der Brief? Oh, verunsichert werden sie sein – darüber, wie dumm wir Briten sind, Frauen und Kinder als Köder vor ihre Haustür zu legen, während die eigentliche Armee noch in Pennsylvania im Schlamm steckt. Das ist kein strategisches Manöver, das ist ein Menschenopfer für die Ohio Company.“
Samuel wandte sich zu Washington und merkte an: „Sir, wir müssen einen Plan entwerfen, der über den Bau von Palisaden hinausgeht. Wenn wir dort überleben wollen, dürfen wir nicht wie eine Invasionsarmee auftreten. Wir brauchen die Ranger an der Spitze, weit vor dem Treck. Und wir müssen Tygart klarmachen, dass seine Leute ab dem Moment, in dem wir Winchester verlassen, Soldaten sind, keine Farmer. Sonst begraben wir sie, bevor das Fort seinen Namen hat.“
Washington hob die Hand, und das Durcheinander der Stimmen erstarb augenblicklich, bis nur noch das Pfeifen des Windes durch die Ritzen der Blockhütte zu hören war. Er stand am Kopfende des Tisches, das Licht der flackernden Talgkerzen warf tiefe Schatten in sein hageres Gesicht. Seine Augen, müde von der Last der Verantwortung, wanderten von Samuel zu Acton und blieben schließlich an den Ranger-Gefährten hängen.
„Glaubt ihr, ich kenne die Gefahr nicht?“, begann Washington, und seine Stimme war so fest wie der Fels der Blue Ridge Mountains. „Ich habe auf den Wiesen von Great Meadows Blut vergossen und Braddocks Hochmut im Staub des Monongahela sterben sehen. Ich weiß besser als jeder Mann in Williamsburg, dass der Tod im Unterholz keine Orden trägt.“ Er stützte die Hände auf die Karte und beugte sich vor, sodass sein Gesicht im Lichtkegel erschien. „Aber Dinwiddie hat recht in einem Punkt, den ihr überseht. Wenn wir den Westen nicht jetzt besetzen, werden wir ihn nie besitzen. Die Franzosen warten nicht auf den Frühling. Sie verstärken Duquesne in diesem Augenblick. Tygart und seine Familien sind nicht nur Siedler – sie sind der lebende Beweis für unseren Anspruch auf dieses Land. Wenn wir sie im Stich lassen, lassen wir Virginia im Stich. Und ich habe noch eine Trumpfkarte. Mad Henry Hatfield. Manche von ihnen kennen ihn sicherlich. Er lebt als Händler in der Gegend und trägt alles zusammen, was ihm zu Ohren kommt. Er hat sich schon oft als sehr hilfreich und immer zuverlässig bewährt und kennt die gesamte Region und die ansässigen Stämme. Er wird euch von größtem Nutzen sein.“
Er sah Samuel direkt an. „Sam, ihr habt von einem Schlachthaus gesprochen. Ich sage euch, es wird nur dann eines, wenn wir uns wie eine Herde verhalten. Wir werden nicht als Invasoren marschieren, sondern als Schatten. Eure Ranger werden die Augen und Ohren dieses Trecks sein. Ihr werdet den Pfad nicht nur finden, ihr werdet ihn säubern.“
Dann wandte er sich an Acton. „Und ihr, McBride, werdet aus Tygarts Siedler Männer machen, die eine Muskete ebenso sicher führen wie eine Axt. Wir haben zwei Wochen, bis sie eintreffen. Nutzt jede Stunde. Wenn der Ingenieur eintrifft, will ich, dass die Baupläne für das Fort bereits in euren Köpfen existieren.“
Washington blickte in die Runde, sein Blick war nun fordernd. „Daniel Morgan, bereite eure Wagen vor. Wir brauchen mehr als nur Pökelfleisch; wir brauchen doppelte Rationen an Pulver und Blei, für mindestens drei Monate. Werkzeuge, Waffen, alles was uns hilft dort Fuß zu fassen. Wenn wir zwischen den Fronten festsitzen, werden eure Musketen die einzige Währung sein, die etwas zählt.“
Er richtete sich auf, die Schultern gestrafft. „Wir führen dieses Unternehmen aus, weil es befohlen wurde. Aber wir führen es auf meine Weise aus. Wir werden nicht stolzieren, wir werden uns anschleichen. Und Gott stehe dem französischen Kommandanten bei, wenn er glaubt, er könne uns im Winter überraschen.“
Ein schweres Schweigen folgte, doch der Zorn in der Hütte war einer grimmigen Entschlossenheit gewichen. Die Männer begannen, sich schweigend über die Karte zu beugen. Die Würfel waren gefallen. In zwei Wochen würde der Treck in die Hölle des Westens aufbrechen, direkt in den Rachen des Wolfes. Nach und nach verließen sie das Hauptquartier und draußen verabredeten sich Crawford, Weaver, Morgan, Acton und Sam im lokalen Gasthaus in Winchester, um einige Details zu besprechen.
Der „Golden Lion“ in Winchester war an diesem Abend ein Ort aus Dunst und gedämpften Stimmen. Der Geruch von gebratenem Wildbret vermischte sich mit dem beißenden Gestank von feuchter Wolle und dem schweren Aroma von billigem Rum. In einer abgelegenen Ecke, hinter einem massiven Eichentisch, saßen die Männer, die das Schicksal und die Verantwortung des Tygart-Trecks in den Händen hielten.
Captain Crawford, ein Mann, dessen scharlachrote Uniform der Regulars trotz der Strapazen der Grenze tadellos saß, trommelte ungeduldig mit den Fingern auf die Tischplatte. Neben ihm wirkte Lieutenant Weaver von der Virginia-Miliz in seinem grünen Rock fast blass, seine Augen wanderten nervös zwischen den Anwesenden hin und her.
„Zwei Drei-Pfünder, Colonel Washington war sich darin sicher“, begann Crawford und nickte in Richtung einer Liste, die vor Samuel Holt lag. „Kleine Feldgeschütze, mobil genug für die Engpässe, aber mit genug Biss, um einen Angriff zu Kleinholz zu verarbeiten, sollten die Franzosen uns dort tatsächlich angreifen. Mit Kartätschen geladen, sind diese kleinen Kanonen äußerst effektiv.“
Daniel Morgan, dessen breite Schultern den Platz an der Wand fast vollständig ausfüllten, nahm einen tiefen Schluck aus seinem Zinnbecher. „Die Kanonen sind nicht das Problem, Captain. Das Problem ist das Mehl und das Pökelfleisch für über einhundert Mäuler. Wenn ich diese Drei-Pfünder auf die Wagen lade, sinken mir die Ochsen im Schlamm bis zum Bauch ein. Wir brauchen zusätzliche Schlitten, falls der Frost hält, oder wir müssen die Lasten umverteilen.“
„Die südliche Route ist unumgänglich“, warf Samuel ein und breitete eine zerknitterte Karte aus, auf der er mit Kohle neue Markierungen gesetzt hatte. „Die Hauptwege sind für die Franzosen offen wie ein Scheunentor. Wenn wir über den Great Cacapon und dann südlich um die Ausläufer der Alleghenies ziehen, nutzen wir die dichte Vegetation der Wälder als Schutz. Es ist mühsamer und länger, ja, aber es hält Tygarts Familien länger aus dem Blickfeld französischer Scouts und wir haben keine großen Höhenzüge zu überqueren.“
Acton McBride lehnte sich vor, das Licht der Talgkerze tanzte in seinen hellen Augen. „Und was ist mit dem Pulver? Wir haben genug für eine Woche Belagerung, aber nicht für einen zweimonatigen Kleinkrieg im Unterholz. Weaver, wie sieht es mit Ihren Männern aus? Sind sie bereit, ihre Rationen zu tragen, oder muss Morgan auch ihre Munition auf die Wagen packen?“
Lieutenant Weaver räusperte sich. „Meine Milizsoldaten sind gute Männer und werden ihr eigenes Pulver und die Bleibarren tragen, McBride. Aber sie sind Farmer. Ich habe die besten für diese Mission ausgewählt. Aber sie brauchen Ranger wie euch, die ihnen zeigen, wie man kämpft, wenn der Feind hinter einem Baum steht und nicht in einer Reihe auf offenem Feld.“
„Werkzeuge“, warf Samuel trocken ein und ignorierte das Geplänkel. „Wir brauchen mehr als nur Äxte. Wir benötigen Setzeisen, Schaufeln mit Eisenbeschlag und mindestens vier großen Zugsägen. Wenn wir das Fort in zwei Wochen hochziehen wollen, müssen die Arbeiter schlafen, während sie stehen, und die Sägen dürfen nicht stillstehen.“
„Ich kümmere mich um die Eisenwaren, Washington hat mir alle Befugnisse dafür gegeben. Ebenso für Pulver und Blei. Sagt mir wieviel wir brauchen und ich kümmere mich darum“, brummte Morgan. „Aber Crawford, ich brauche mindestens zehn Ihrer Regulären als Eskorte für die Proviantwagen. Meine Treiber sind keine Soldaten, und wenn wir in einen Hinterhalt geraten, brauche ich Männer, die die Wagen verteidigen, während ich die Ochsen wende.“
Crawford nickte knapp. „Sie bekommen meine besten Männer, Morgan. Aber machen Sie sich keine Illusionen, ein roter Rock im Wald ist wie ein Leuchtfeuer. Deshalb brauchen wir Sergeant Holts Kundschafter. Sam, wie weit werdet ihr voraus sein?“
„Zwei Meilen“, antwortete Samuel ernst. „Awan und Tahnee werden die Flanken sichern. Acton übernimmt die Nachhut. Wenn ein feindlicher Indianer auch nur einen Zweig in der Nähe des Trecks bricht, werden wir es wissen, bevor der Schall die Wagen erreicht.“
Acton grinste grimmig und hob seinen Becher. „Auf die Südroute. Möge der Nebel unser Freund sein und die Franzosen blind wie Maulwürfe.“
Das Klirren der Becher besiegelte den Pakt. Draußen peitschte der Wind den Regen gegen die Fensterscheiben des Gasthauses, als wollte er sie an die Unerbittlichkeit dessen erinnern, was vor ihnen lag. In den Schatten der Schänke wurden Pläne geschmiedet, die entweder den Grundstein für ein neues Territorium legen oder das Grab für über einhundert Seelen schaufeln würden. Die Männer berieten sich noch eine ganze Weile bis sie schließlich zu ihren Unterkünften zurückkehrten.
Die Tage nach der Zusammenkunft im Gasthaus waren geprägt von einer fieberhaften, fast verzweifelten Betriebsamkeit. Winchester glich einem Ameisenhaufen, in dem jeder Schritt unter der schweren Last des kommenden Winters und der drohenden Gefahr im Westen stand. Während Colonel Washington versuchte, die offizielle Miene der militärischen Routine zu wahren, sickerte die Wahrheit wie Schmelzwasser durch die Ritzen der Fort-Palisaden.
In den Schmieden der Stadt klang der Stahl ununterbrochen gegen den Amboss. Samuel beobachtete, wie Arbeiter Kisten mit Setzeisen, massiven Zugsägen und schweren Äxten verstauten. Doch es war die Stille zwischen den Hammerschlägen, die ihn beunruhigte.
„Die Leute reden, Sam“, brummte Acton eines Nachmittags, als sie beobachteten, wie zwei Drei-Pfünder-Kanonen mit schwerem Segeltuch abgedeckt wurden. „In den Schenken flüstern sie nicht mehr nur über die Forbes-Expedition im Norden. Sie reden von Frauen und Kindern, die tief in das Ohio-Tal geschickt werden. Jemand hat Tygarts Namen fallen lassen.“
Samuel nickte düster. „Geheimhaltung ist ein Luxus, den wir in einer Grenzstadt nicht kontrollieren können. Jedes Kind weiß, dass die ganzen Vorbereitungen nicht dazu getätigt werden um die Mauern von Fort Loudoun zu verstärken. Die französischen Spione in der Stadt werden ihre Reiter längst ausgesandt haben.“
Daniel Morgan war derweil ein Mann, der gegen die Zeit und den Geiz der Händler kämpfte. Er stand im Schlamm des Marktplatzes, die Peitsche über der Schulter, und brüllte einen hageren Wagenbauer an, der sichtlich versuchte, den Preis für zwei zusätzliche Conestoga-Wagen in die Höhe zu treiben.
„Hör mir zu, du Blutsauger!“, grollte Morgan, und seine Stimme war so tief wie das Grollen eines herannahenden Sturms. „Ich brauche diese Wagen nicht für einen Sonntagsausflug zum Potomac. Ich brauche sie, um das Mehl und das Pulver trocken zu halten! Wenn du mir Schrott verkaufst oder mich weiter hinhältst, werde ich persönlich dafür sorgen, dass Washington deine Werkstatt als militärisches Eigentum beschlagnahmt.“
Er wandte sich zu Samuel um, der gerade hinzukam. „Sam, ich habe zehn Wagen zusammenbekommen, aber die Ochsen sind das Problem. Wir brauchen kräftige Tiere, kein ausgemergeltes Schlachtvieh. Wenn wir auf der Südroute in den Schlamm geraten, zählt nur die schiere Kraft im Joch.“
„Nun Daniel, ich wüsste jetzt auch nicht wo ich auf die schnelle ein paar kräftige Ochsen herbekommen könnte,“ antwortete Samuel leicht belustigt, was Morgan zu einem Fluch verleitete.
Eine Woche später, Anfang Dezember, verwandelte sich das Grau von Winchester in ein beißendes Weiß. Ein früher, zum Glück leichter Schneesturm hatte die Blue Ridge Mountains mit einer dünnen, harschen Kruste überzogen, als die Vorboten von David Tygarts Treck schließlich aus dem Nebel auftauchten. Samuel und Acton standen auf der Ostbastion von Fort Loudoun, die Kragen ihrer Jagdhemden hochgeschlagen. Das ferne Quietschen von ungefetteten Achsen kündigte die Ankunft an, lange bevor die ersten Wagen sichtbar wurden. Es war ein Geräusch, das wie ein Wehklagen durch die gefrorene Stille schnitt.
„Da sind sie“, murmelte Acton und spie einen Kautabakrest in den Schnee. „Das ist kein Treck, Sam. Das ist eine langsam fahrende Zielscheibe.“
Der Zug, der sich mühsam durch das Haupttor schob, war kleiner, als Samuel es sich vorgestellt hatte, und doch wirkte er überwältigend zerbrechlich. Acht Planwagen, deren Leinwandbezüge vom Regen und Matsch der Reise aus dem Osten bereits fleckig und schwer waren. Dahinter trotteten dreißig Arbeiter – Männer mit groben Gesichtern und schwieligen Händen, die Äxte und Schaufeln über den Schultern trugen wie Gewehre, die sie nicht zu bedienen wussten. In der Mitte des Zuges ritt David Tygart auf einem kräftigen braunen Wallach. Er war ein Mann in den Fünfzigern, dessen teurer Tuchrock nicht recht zur rauen Umgebung passen wollte, doch sein Blick war fest, fast fanatisch.
Doch es waren nicht die Männer, die Samuels Magen zusammenziehen ließen. Es waren die Frauen, die mit eingefallenen Wangen unter den Planen hervorschauten, und die Kinder – kleine Gestalten, eingewickelt in schwere Wolldecken, die mit großen, angstvollen Augen die grauen Palisaden des Forts anstarrten.
„Seht euch das an“, flüsterte Acton grimmig. „Ein Säugling. Tygart bringt einen Säugling mit in das Territorium der Shawnee.“
David Tygart stieg vom Pferd, als Washington ihm im Hof entgegentrat. Sein Atem dampfte in der kalten Luft.
„Colonel Washington!“, rief Tygart, und seine Stimme klang unnatürlich laut in der gedämpften Atmosphäre des Forts. „Wir sind bereit, den Anspruch Virginias zu zementieren. Mein Ingenieur, Master Galloway, hat bereits die Pläne für das neue Fort in seiner Tasche.“
Washington reichte ihm die Hand, doch sein Blick glitt über Tygart hinweg zu den erschöpften Familien. „Master Tygart, Ihr seid zur schlimmsten Zeit des Jahres eingetroffen. Der Wald dort draußen kann rau und wild sein und er verzeiht nicht.“
„Wir haben das Recht und Gott auf unserer Seite, Colonel! Und wir haben Eure Ranger“, erwiderte Tygart und blickte zu Samuel und Acton hinauf.
Samuel spürte den schweren Druck der Verantwortung auf seinen Schultern. Er sah Awan und Tahnee, die im Schatten der Baracken standen. Ihre Mienen waren unlesbar, doch die Art, wie sie die Ankömmlinge musterten, sprach Bände. Für sie waren diese Menschen keine Siedler, sondern Schatten, die bereits dem Tod geweiht waren.
Samuel wandte sich an Acton. „Morgen früh beginnen wir mit dem Drill der Arbeiter. Jede Minute, die wir verlieren, wird uns später am West Fork des Monongahela in Blut zurückgezahlt.“
„Ich werde sie schleifen, Sam“, versprach Acton, und diesmal schwang kein Humor in seiner Stimme mit. „Ich werde sie so lange schleifen, bis sie den Geruch von Schwarzpulver mehr lieben als den von frisch gebackenem Brot. Denn Brot wird es dort oben nicht viel geben.“
Der Treck kam im Hof zum Stillstand. Das Feuerschlagen der Siedler begann, das ferne Weinen eines Kindes mischte sich mit dem Befehlston der Unteroffiziere. Die Mission hatte begonnen – ein Verzweiflungsakt im Namen der Krone, tief hinein in das schlagende Herz der feindlichen Wildnis.
Das Abendrot über Fort Loudoun war bereits einem tiefen, eisigen Violett gewichen, als sich einige Männer in der kleinen Kommandantur um den schweren Eichentisch versammelten. Der Gestank von nassem Tuch, Talgkerzen und billigem Tabak hing schwer in der Luft. David Tygart breitete mit einer fast feierlichen Geste eine große Pergamentrolle aus. Neben ihm stand Master Galloway, der Ingenieur – ein Mann mit schmalen Fingern und einer Brille, die ständig auf seiner Nase verrutschte.
„Hier, Colonel, Master Holt“, begann Galloway mit dünner, stolzer Stimme. „Meine Entwürfe für das neue Fort. Eine klassische Vauban-Struktur. Sternförmig, mit vorspringenden Bastionen, um ein kreuzweises Feuer zu ermöglichen. Es ist wahrlich ein Meisterwerk der Verteidigungskonstruktion. Und hier eine Alternative, etwas kleiner dafür aber bequemer.“
Samuel beugte sich über die Zeichnungen. Seine Augen wanderten über die präzisen Linien, die geometrischen Winkel und die berechneten Schussfelder. Er spürte, wie sich sein Nacken anspannte.
„Das ist ein schöner Plan für die Ebenen von Flandern, Master Galloway“, sagte Samuel leise, und seine Stimme klang wie ernst. „Aber wir gehen nicht nach Flandern. Wir gehen in das Ohio-Tal.“
Galloway blinzelte irritiert. „Die Prinzipien der Geometrie und der Ballistik sind universell, Sir.“
„Die Geometrie der Wildnis schert sich nicht um Eure Lineale“, entgegnete Samuel und tippte mit dem Finger auf eine der vorspringenden Bastionen. „Seht Euch das an. Ihr plant Erdwälle und Gräben. Wisst Ihr, wie tief der Frost im Januar im Boden sitzt? Wir bräuchten drei Monate und tausend Mann, nur um den ersten Graben in diesen gefrorenen Untergrund zu schlagen. Und diese Bastionen? Sie bieten dem Feind Deckung, sobald er den Waldrand erreicht, der nur zwanzig Schritt entfernt sein wird.“
Tygart räusperte sich ungeduldig. „Master Holt, wir brauchen eine Festung, die Eindruck macht. Ein Symbol britischer Macht und Überlegenheit!“
„Ein Symbol nützt uns nichts, wenn wir darin erfrieren, bei lebendigem Leibe verbrannt werden oder verhungern“, warf Acton McBride ein, der im Schatten der Tür lehnte und sein Messer an einem Schleifstein wetzte. Das rhythmische Geräusch untermalte seine Worte drohend. „Die Shawnee stürmen keine Mauern wie die Franzosen. Sie warten, bis ihr zum Latrinengang raus müsst, oder sie schießen Brandpfeile in eure schönen symmetrischen Dächer oder schleichen sich heimlich an und schneiden euch die Kehle im Schlaf auf.“
Samuel rollte eine eigene, grobe Skizze aus, die er auf einfachem Packpapier angefertigt hatte. „Hören Sie zu, Galloway“, fuhr er fort. „Wir brauchen ein Blockhaus-System. Massive Eichenstämme, doppelt gelegt. Die oberen Stockwerke müssen überstehen, damit wir den toten Winkel direkt an der Wand bestreichen können. Keine Gräben, sondern eine Palisade aus angespitzten Stämmen, die tief genug gerammt sind, um einem Rammbock zu widerstehen. Die Gebäude müssen Teil der Außenmauer sein, um Platz im Inneren zu sparen, die Wärme zu halten und wir können sie nutzen um die Palisaden zu besetzen.“
Galloway starrte auf Samuels Skizze, als wäre sie eine Beleidigung für seine Zunft. „Das ist... das ist ein Kuhstall, kein Fort!“ rief er entsetzt.
„Es ist ein Kuhstall, aus dem man herausschießen kann, ohne den Skalp zu verlieren“, knurrte Acton. „Und es ist etwas, das Ihre dreißig Arbeiter mit Äxten in ein paar Wochen hochziehen können. Für Ihren Vauban-Stern brauchen wir Steinmetze und ein Jahr Frieden. Beides haben wir nicht.“
Die Diskussionen gingen noch eine Weile hin und her, da Galloway nicht einsehen wollte, warum sein Kunstwerk unpassend für die Grenze sein sollte. Es wurden Argumente angeführt und wieder verworfen. Nach etlichen Vorschlägen und Gegenvorschlägen, legte Washington, der bisher schweigend zugehört hatte, seine Hand flach auf Samuels Skizze. Der Raum wurde augenblicklich still.
„Master Galloway“, sagte Washington mit jener unumstößlichen Autorität, die keinen Widerspruch duldete. „In der Theorie mag Ihr Plan überlegen sein. In der Praxis der Wildnis jedoch vertraue ich den Männern, die in diesen Wäldern bereits überlebt haben. Wir werden nach Master Holts Entwurf bauen. Effizienz und Geschwindigkeit sind unsere einzigen Verbündeten gegen den Winter und die Franzosen. Einzig den Wehrturm als letzte Zuflucht sollte zumindest bis zum ersten Stockwerk aus massivem Stein gebaut werden.“
Galloway schluckte schwer, sein Blick wanderte zwischen dem prachtvollen Stern und dem kargen Blockhaus hin und her, um dann einen flehenden Blick auf David Tygart zu werfen. Dieser begann zu begreifen, dass die Welt, in die er seine Familie führte, keine Regeln kannte, die er in Williamsburg gelernt hatte. Letztendlich stimmte Tygart dennoch zu.
„Gut“, sagte Samuel und sah Galloway fest an. „Morgen früh um sechs beginnen wir. Ich will, dass wir beide die Maße für die Eckpfosten und den Holzbedarf berechnen. Und Master Tygart – sagen Sie Ihren Männern, sie sollen sich frühmorgens bei Sergeant McBride einfinden, auch die Bauarbeiter. Morgen machen wir aus ihnen Grenzleute. Ansonsten überleben die noch nicht mal einen Angriff. Und Angriffe werden kommen, seien sie sich dessen gewiss.“
Es wurden noch ein paar Einzelheiten besprochen und dann löste sich das Treffen auf und jeder ging in sein Quartier.
Die nächsten Tage vergingen schnell. Die männlichen Siedler wurden von Acton und Tahnee in den Grundregeln des Grenzkampfes eingeweiht und lernten wie sie schnell schießen und laden konnten. Einigen ging es leicht von der Hand, andere wiederum hielten zum ersten Mal in ihrem Leben eine Waffe in der Hand. Es waren arme Bauern, vorwiegend aus dem östlichen Pennsylvania, nicht an die Wildnis gewohnt, welche nun ein neues Leben, einen neuen Anfang suchten. Den meisten waren die Gefahren nicht bewusst oder es mangelte an ihrer Vorstellungskraft.
Der fünfzehnte Dezember war als jener Tag bestimmt, an dem die Äxte es das erste Mal mit dem teilweise gefrorenen Holz des Westens aufnehmen sollten. Der Trupp abgehärteter Bauarbeiter, Männer mit schwieligen Händen und wettergegerbten Gesichtern, hatte den Auftrag erhalten, das Fort zu verlassen, um der Wildnis einen befahrbaren Weg abzuringen. Wo die Natur sich sperrte, sollten ihre Äxte sprechen; wo der Schlamm die Räder schluckte, sollten ihre Schaufeln Fundamente legen. Flankiert wurden sie von einem erfahrenen Scout, dessen Augen den Waldrand ununterbrochen abtasteten, sowie von der geschlossenen Stärke der Miliz, die wie ein schützender Wall mit Musketen und Tomahawks die Arbeiter absicherten.
Doch bevor der erste Stiefel den schneebestäubten Boden von Winchester verließ, rief Washington am Vorabend die Architekten dieses gewagten Vorhabens zu sich. Die Dunkelheit war bereits über Fort Loudoun hereingebrochen, und der Wind rüttelte klagend an den Fensterläden der Kommandantur, als die Männer eintrafen. Lieutenant Colonel Mercer, Captain Crawford und Lieutenant Weaver repräsentierten den militärischen Arm der Krone; Samuel Holt brachte die lautlose Weisheit der Ranger ein, und Daniel Morgan stand für die unentbehrliche Last der Versorgungsgüter. Als einziger Zivilist trat David Tygart, dessen Träume von Land und Besitz den Antrieb der Expedition bildeten, vor den massiven Schreibtisch des Colonels. Sie erschienen pünktlich, Männer des Krieges und des Aufbruchs, vereint im flackernden Schein der Talgkerzen.
Washington erhob sich mit jener majestätischen Ruhe, die ihm eigen war. Das Licht der Kerzen warf tiefe Schatten in die markanten Furchen seines Gesichts. Er eröffnete die Zusammenkunft mit einer Geste gastfreundlicher Wärme in dieser klammen Nacht und bot seinen Gästen ein Sortiment an Getränken an, um den Frost aus den Gliedern zu treiben. Erst als jeder Mann versorgt war und sie in einem engen, ernsten Kreis um seinen Schreibtisch Platz genommen hatten, ergriff er das Wort.
„Meine Herren“, begann er, und seine Stimme hallte sonor gegen die Holzbalken der Decke. „Es gereicht mir zu einer außerordentlichen Ehre, in diesen Zeiten, in denen namenlose Gefahren hinter jedem Hügel lauern, auf Männer Ihres Schlages zählen zu dürfen. Mein Vertrauen in Ihre Entschlossenheit ist unerschütterlich. Darauf möchte ich meinen Krug erheben.“
Er hob das schwere Zinngefäß, und das Metall glänzte im Halbdunkel. „Auf Gott und den König! Und vor allem auf die tapferen Männer, Frauen und Kinder, die dieses beispiellose Wagnis auf sich nehmen. Mögen sie unter dem Schirm des Höchsten wohlbehütet bleiben und in ihrem Gottvertrauen niemals wanken.“
Ein tiefes Murmeln der Zustimmung ging durch die Runde. Die Krüge klirrten leise aneinander, bevor sie in langen Zügen geleert wurden. Die Männer sprachen ihrerseits Dankesworte aus, eine Mischung aus soldatischer Pflichtschuldigkeit und echtem Respekt vor dem jungen Colonel, doch dann wich die feierliche Stimmung der harten Realität des Augenblicks. Washingtons Miene versteinerte sich merklich, als er zum eigentlichen Kern des Treffens vordrang.
„Meine Herren, so sehr ich auch davon überzeugt bin, dass Gottvertrauen eine unentbehrliche Tugend für einen jeden von uns ist, so bin ich mir doch schmerzlich bewusst, dass wir in der kommenden Zeit mehr brauchen werden – weit mehr als nur Gebete.“
Sein Blick wanderte langsam von Gesicht zu Gesicht, prüfend und unerbittlich. Er suchte nach dem Verständnis, das nur jene besitzen, die das Flüstern der Wildnis bereits gehört hatten. „Jeder Einzelne von Ihnen hier im Raum weiß das vielleicht sogar besser als ich selbst. Die Wildnis kennt keine Gnade für den Unvorsichtigen. Aus eben diesem Grunde möchte ich Ihnen eine Empfehlung mit auf den Weg geben – eine Weisung, die, so offen muss ich sein, von den gewohnten Regeln des Exerzierplatzes und den starren Vorschriften Londons empfindlich abweicht.“
Washington trat einen Schritt näher an den Tisch, das flackernde Licht der Kerzen betonte die scharfen Linien seines Kiefers. Er senkte die Stimme, was den Raum augenblicklich in eine noch tiefere, fast andächtige Stille tauchte.
„Ich bin mir der Empfindlichkeiten bewusst, die der Rock eines Mannes mit sich bringt“, begann er und sah dabei Captain Crawford direkt an, dessen rote Uniform der regulären britischen Armee ein stilles Zeugnis für die Krone und deren starre Hierarchien war. „Offiziell endet meine Befehlsgewalt an den Grenzen der Virginia-Miliz. Ich habe den regulären Truppen Seiner Majestät keine Befehle zu erteilen. Doch der Wald, meine Herren, kennt keine Patenturkunden aus London oder Williamsburg.“
Er legte die Hand flach auf die Tischplatte, die Finger gespreizt, als wollte er den gesamten Kontinent halten.
„In der Wildnis ist die Kette nur so stark wie ihr schwächstes Glied. Deshalb appelliere ich heute nicht an Ihren Rang, sondern an Ihren Verstand und Ihre Ehre. Wir können dieses Wagnis nur bestehen, wenn wir als ein einziger Körper agieren. Ich lege hiermit fest: Jeder von Ihnen führt seine Einheit nach bestem Wissen und Gewissen. Crawford führt seine Soldaten, Weaver seine Miliz, Holt seine Ranger und Morgan seinen Tross. Keiner ist dem anderen formell unterstellt.“
Ein leises Raunen ging durch die Runde, doch Washington schnitt es mit einer entschiedenen Geste ab.
„Aber“, fuhr er fort, und sein Blick wurde stahlhart, „keine Entscheidung von Belang wird im Alleingang getroffen. Ihr seid ein Rat von Gleichen. Wenn der Pfad sich gabelt oder der Feind euch den Weg verstellt, werden die Entscheidungen gemeinsam gefällt. Einigkeit ist unser stärkster Wall – stärker als jede Palisade, die wir am Monongahela errichten werden. Wenn wir uns untereinander zerstreiten, haben die Franzosen bereits gewonnen, bevor der erste Schuss fällt. Wir stehen zusammen, oder wir werden einzeln in der Stille des Waldes vergehen.“
Er sah in die Runde, wartend, bis er in jedem Gesicht das Zeichen der Zustimmung fand.
„Einigkeit, meine Herren. Lassen Sie das euer oberstes Gesetz sein, solange ihr unter dem Blätterdach des Westens weilt. Das Schicksal dieser Familien und die Ehre unserer Kolonie hängen davon ab.“
Ein Pfad durch die Wildnis
Der Morgen des Aufbruchs war von einer seltsamen Stille geprägt. Das erste Licht des Morgens war kaum mehr als ein fahles Leuchten hinter einer bleiernen Wolkendecke, als sich das schwere Tor von Fort Loudoun zum letzten Mal für den Treck öffnete.Der Tross schob sich wie eine träge, dunkle Schlange aus dem Schutz der Palisaden. Daniel Morgan flucht…
