
Blutige Fährten - Pennsylvania 1757
by Joerg Probst
Pennsylvania, 1757: Der Siebenjährige Krieg hat die nordamerikanischen Wälder in ein blutiges Schlachtfeld verwandelt. Inmitten des unerbittlichen Winters führt Sergeant Samuel Holt eine Elitegruppe von Virginia Rangern tief in das feindliche Hinterland. Ihr Auftrag ist so geheim wie lebensgefährlich: Sie sollen die Truppenbewegungen der Franzosen ausspähen und ein verborgenes Versteck in der eisigen Wildnis kartografieren. Doch die tiefen Schluchten der Alleghenies bergen tödliche Gefahren. Gejagt von französischen Patrouillen und kriegserfahrenen Wyandot-Kriegern, wird die Mission schnell zu einem nackten Überlebenskampf. Als die Ranger auf eine entführte Siedlertochter stoßen, geraten sie zwischen die Fronten eines gnadenlosen Guerillakrieges. In einer Welt, in der jeder Schatten ein Feind und jeder Schritt im Tiefschnee der letzte sein könnte, müssen Samuel Holt und seine Männer über sich hinauswachsen. Zwischen Verrat, rachsüchtigen Fallenstellern und belagerten Handelsposten entscheidet sich nicht nur ihr Schicksal, sondern die Zukunft einer ganzen Nation. Ein packendes historisches Epos über Mut, Opfergang und die Geburtsstunden einer neuen Grenze.
- Historical Fiction
- Adventure
- Western
- Wilderness
- Frontier
- Native American
Prolog
Prolog
In der Mitte des 18. Jahrhunderts präsentierte sich der Nordosten des amerikanischen Kontinents als eine Welt von überwältigender, fast beängstigender Urwüchsigkeit. Es war ein Land der Extreme, geprägt von weiten, endlosen Wäldern, die wie ein smaragdgrüner Ozean das Land von der Atlantikküste bis weit hinter den Horizont bedeckten. Diese Urwälder waren so dicht, dass ein Eichhörnchen, so hieß es in den Legenden der Ureinwohner, von den Gestaden des Atlantiks bis zum Ufer des Mississippi reisen konnte, ohne jemals den Boden zu berühren.
Durchzogen wurde diese grüne Unendlichkeit von zahllosen Flüssen und kristallklaren Bächen, die wie silberne Adern das Land speisten und den einzigen verlässlichen Weg durch das Dickicht boten. Im Norden thronten die Großen Seen wie gewaltige Binnenmeere, deren Ufer oft von nebligen Sumpfgebieten und schroffen Felsen gesäumt waren. Den Rücken des Landes bildete das gewaltige Massiv der Appalachen. Es war keine einzelne Bergkette, sondern ein System aus mächtigen, parallel verlaufenden Riegeln: die bewaldeten Höhen der Blue Ridge Mountains im Osten und das zerklüftete, wilde Herz der Alleghenies weiter westlich. Diese Gebirge wirkten wie eine natürliche Barriere, eine steinerne Mauer, die das Schicksal der Kolonien vom Geheimnis des Westens trennte, einer Welt aus Schatten, tiefem Grün und unendlicher Weite, die sich dem Zugriff der Zivilisation mit jeder Faser ihrer uralten Wurzeln widersetzte.
Wer vom Osten her ins Hudson Valley blickte, sah eine Landschaft von fast aristokratischer Erhabenheit. Der gewaltige Strom wand sich wie eine silberne Schlange durch steile, bewaldete Hänge. Die Ufer waren gesäumt von uralten Ulmen und Ahornbäumen, deren Laub im Herbst wie brennendes Gold wirkte. Doch jenseits der vereinzelten holländischen Herrenhäuser und Handelsstationen begann das Unbekannte. Die Berge der Catskills und Adirondacks erhoben sich wie drohende Wälle, deren Gipfel oft von einem ewigen, bläulichen Dunst verschleiert waren – das Reich der Mohawk und die umkämpfte Pforte zu den französischen Gebieten.
Reiste man weiter nach Nordwesten, wandelte sich das Land. Die dichten Wälder wichen stellenweise flacheren Ebenen, bis sich der Horizont plötzlich öffnete und das endlose Blau der Großen Seen offenbarte. Ontario und Erie waren keine Seen im herkömmlichen Sinne; sie waren Binnenmeere, launisch und gewaltig. Die Küstenlinien waren gesäumt von silbrigem Treibholz und weiten Sumpfgebieten, in denen der Schrei des Seeadlers das einzige Geräusch war. Hier, an den Mündungen der Flüsse, lagen die einsamen Forts – hölzerne Inseln der Ordnung in einer Welt aus Wasser und Schilf, ständig umtost von den kalten Winden des Nordens.
Weiter südlich, in Pennsylvania, zeigte sich die Wildnis von ihrer unerbittlichsten Seite. Die Alleghenies zogen sich in endlosen, parallelen Wellen über das Land. Es war ein Meer aus Bäumen – Eichen, Kastanien und gewaltigen Hemlocktannen, die so dicht standen, dass das Sonnenlicht den Boden oft nur als fahles Glimmern erreichte. Der Waldboden war ein Teppich aus Farnen und moderndem Holz, durch den sich schmale indianische Pfade wie die Gänge eines Labyrinths wanden. In den Tälern, wie dem des Susquehanna, hingen oft dichte Nebel, die das Land in eine gespenstische Stille tauchten, in der jedes Knacken eines Zweiges wie ein Donnerschlag wirkte.
Überquerte man den Potomac nach Virginia, öffnete sich das Shenandoah-Tal wie eine Vision von paradiesischer Schönheit. Im Osten geschützt durch die aufragenden Blue Ridge Mountains war der Wald hier lichter, unterbrochen von weiten Grasflächen, die die indianischen Völker durch kontrollierte Brände für das Wild offenhielten. Die sanften Hügel waren bedeckt von wildem Wein und Obstbäumen, und die Erde war von einem tiefen, fruchtbaren Rot. Doch diese Lieblichkeit war trügerisch; die Berge, die das Tal einrahmten, waren die Verstecke der Shawnee und Delaware, die von den Höhen herabblickten auf die ersten rauchenden Kamine der Siedler.
Westlich der Alleghenies wurde das Gelände jäh zerrissen und wild. Hier gab es kaum weite Täler, sondern ein Labyrinth aus tiefen Schluchten und steilen Plateaus. Die Flüsse wie der Cheat oder der Monongahela schnitten sich tief in das Plateau ein und schufen eine Welt, in der ein Reisender tagelang wandern konnte, ohne den Himmel über den dichten Baumkronen zu sehen. Es war ein Land der tausend Wasserfälle und der dunklen Rhododendron-Dickichte, in denen sich ein ganzes Regiment verstecken konnte, ohne eine Spur zu hinterlassen.
Jenseits des Ohios, erstreckte sich ein sanfteres, aber ebenso gewaltiges Terrain. Es war eine Landschaft aus weiten, parkähnlichen Wäldern und riesigen Flusstal-Ebenen. Der Ohio River, der „Schöne Fluss“, wie ihn die Franzosen nannten, thronte als pulsierende Lebensader über dem Gebiet. Die Erde war hier von einer schwarzen Üppigkeit, die alles übertraf, was die Siedler im Osten kannten. Uralte Grabhügel der Ureinwohner erhoben sich wie künstliche Berge aus der Ebene und gaben dem Land eine Aura des Geheimnisvollen und Heiligen. Es war das begehrteste Stück Erde des Kontinents, das Schlachtfeld, auf dem Imperien um die Vorherrschaft über den Westen rangen.
Weit im Südwesten, lag schließlich ein Landstrich den die Shawnee als Kain-tuck-ee– das Land von Morgen, bezeichneten, eine Region, von dem die Männer am Lagerfeuer nur flüsterten. Es war eine Wildnis jenseits aller Vorstellungskraft. Riesige Herden von Waldbisons zogen durch die Canebrakes – dichte Rohrgebüsche, die so hoch wie ein Reiter waren. Der Boden war so fruchtbar, dass das Gras wie smaragdgrüner Samt glänzte, doch der Wald war hier am gefährlichsten. Kentucky war kein Siedlungsgebiet einer einzelnen Nation, sondern das Jagdrevier vieler Völker, die das Land erbittert verteidigten. Es war eine Landschaft von überwältigender Pracht, in der die Schönheit und der plötzliche Tod in jedem Schatten eines Riesenbaumes untrennbar miteinander verwoben waren.
Diese unermesslichen Weiten waren niemals nur eine stille Kulisse; sie waren der Zankapfel zweier Weltmächte, die den Kontinent wie ein gigantisches Schachbrett betrachteten. Schon Jahrzehnte bevor der erste Schuss des aktuellen Krieges fiel, schwelte der Konflikt zwischen dem britischen Löwen und der französischen Lilie.
Die Briten klammerten sich an die Atlantikküste und drängten mit der unaufhaltsamen Wucht ihrer Siedlerströme nach Westen. Für sie bedeutete Landbesitz das Fällen von Bäumen, das Bestellen von Feldern und den Bau fester Häuser. Die Franzosen hingegen, zahlenmäßig weit unterlegen, verfolgten den Traum eines Handelsimperiums. Von Québec und Montreal aus spannten sie ein dünnes, aber weitreichendes Netz aus Forts und Handelsstationen entlang der großen Wasserwege bis zum Golf von Mexiko. Ihr Ziel war nicht die Rodung, sondern der Pelzhandel – und dafür brauchten sie den Wald und seine Bewohner.
In diesem imperialen Ringen spielten die Ureinwohner die entscheidende Rolle. Sie waren weder bloße Statisten noch willenlose Werkzeuge. Nationen wie die Irokesen-Konföderation im Norden oder die Shawnee und Delaware im Ohio-Tal waren geschickte Diplomaten, die die europäischen Mächte oft gegeneinander ausspielten, um ihre eigene Unabhängigkeit zu bewahren. Die Franzosen pflegten meist engere Bindungen, da sie als Pelzhändler weniger bedrohlich für den Lebensraum der Stämme wirkten als die britischen Farmer. Doch die Briten lockten mit billigeren und besseren Handelsgütern. Wer die Loyalität der Krieger besaß, besaß die Augen und Ohren des Waldes – eine Lektion, welche die Europäer oft auf blutige Weise lernen mussten.
Diese langjährige Rivalität schlug schließlich im Jahr 1754 in einen offenen, grausamen Krieg um, als ein junger virginischer Milizoffizier namens George Washington bei Jumonville Glen auf eine französische Gesandtschaft traf und diese für eine Patrouille hielt. Die Briten zögerten nicht und griffen die vermeintlichen Feinde an. Der Abgesandte der Franzosen, Joseph Coulon de Jumonville, wurde dabei von den indianischen Verbündeten Washingtons ermordet Dieser Vorfall in der Wildnis sollte die Welt in Brand setzen. Der Krieg der danach folgte wurde auf vier Kontinenten ausgetragen und sollte die Welt für immer verändern, auch wenn dies erst zwanzig Jahre später Auswirkungen zeigte.
Für die Briten begannen die Kampfhandlungen mit einer Kette von Katastrophen. Kurz nachdem Vorfall im Jumonville Glen setzte sich eine formidable Streitmacht der Franzosen unter dem Kommando von Louis Coulon de Villiers, dem Bruder des ermordeten Gesandten, in Bewegung um die Briten für ihren Angriff auf die Gesandtschaft zur Rechenschaft zu ziehen. In einem wolkenbruchartigen Regen, der die Gräben in knietiefe Schlammlöcher verwandelte und das Pulver der Briten unbrauchbar machte, kesselten Franzosen und Indianer das eilige errichtete Fort Necessity von den bewaldeten Anhöhen aus ein. Washingtons Männer, im offenen Feld gefangen wie Schafe im Pferch, wurden systematisch dezimiert. Am Ende blieb nur die schmachvolle Kapitulation. Es war das einzige Mal, dass Washington sich jemals einem Feind ergeben sollte.
Im Sommer 1755 wurde General Braddocks stolze Armee aus über zweitausend regulären Truppen und lokaler Milizeinheiten am Monongahela von einer weit kleineren Truppe aus Franzosen und Indianern fast vernichtet. Es war die Geburtsstunde des Schreckens an der Grenze; die Wildnis schien die europäische Kriegskunst einfach zu verschlingen. Die Niederlage gab den Franzosen und deren Verbündeten einen gewaltigen Vorteil, da nach Braddocks Niederlage die Grenze fast komplett ohne Schutz für die britischen Farmen und Siedlungen entlang der gesamten Grenze von den großen Seen bis tief nach Kentucky war.
Im Norden sicherte sich der französische General Marquis de Montcalm den Vorteil gegenüber den Briten. Der Fall von Fort Oswego, eine wichtige britische Befestigung am Lake Ontario war vital für die funktionierenden Nachschublinien der Franzosen und wurde innerhalb weniger Tage eingenommen und komplett zerstört.
Für die Franzosen war das nordwestliche Pennsylvania zu dieser Zeit ebenso wichtig, um den Handel und den Nachschub für die Grenzbefestigungen in der Region zu sichern und sich die Kontrolle über das begehrten Ohio-Tal zu bewahren. Ein Land, das in ein ewiges, feuchtes Halbdunkel gehüllt schien. Hier, wo der Allegheny River seine weiten Schleifen durch das zerklüftete Tafelland zog, herrschte eine Wildnis, die sich grundlegend von den lichten Wäldern des Südens unterschied. Es war ein Reich aus schwarzem Schlamm, uralten Baumriesen und einem Gewirr aus Wasserwegen, die wie Venen ein dunkles Herz aus Eisen und Holz versorgten.
Besondere strategische Bedeutung kam dem French Creek zu, den die Franzosen Rivière aux Boeufs nannten. Dieser schmale, tückische Wasserlauf war das entscheidende Glied in einer Kette, die das ferne Kanada mit dem Ohio-Tal verband. Im Frühjahr schwoll er zu einem reißenden Strom an, der die schweren Bateaux der Franzosen trug, während er im Sommer zu einem flachen, von Felsen durchsetztem Rinnsal schrumpfte, das die Männer zwang, ihre Boote meilenweit durch das eiskalte Wasser zu zerren.
Die Landschaft war geprägt von gewaltigen Weißkiefern und Hemlocktannen, deren Kronen so dicht verwoben waren, dass selbst zur Mittagszeit nur ein fahles, grünliches Licht den Boden erreichte. Der Boden selbst war eine tückische Mischung aus tiefem Humus und Morast, in dem jeder Schritt eines Pferdes wie ein nasser Peitschenknall klang.
Um ihren Anspruch auf dieses Land zu zementieren, hatten die Franzosen eine Kette von Forts errichtet, die wie steinerne und hölzerne Mahnmale in der Wildnis standen. Sie waren keine prächtigen Festungen, sondern zweckmäßige, düstere Bollwerke:
Fort Presque Isle, an den Ufern des Eriesees gelegen, war es der Ankunftsort für Truppen und Vorräte aus dem Norden und ein Umschlagplatz für Felle, die von hier weiter nach Montreal und Quebec verschifft wurden.
Das Fort Le Boeuf am Oberlauf des French Creek gelegen, markierte das Ende der mühsamen Landbrücke (Portage) vom Eriesee her. Dem berüchtigten Venango Pfad folgend war es ein gedrungenes Werk mit vier Bastionen, erbaut aus massiven Baumstämmen, die im feuchten Klima des Tals bereits schwarz angelaufen waren.
Weiter südlich befand sich das Fort Machault. An der strategisch entscheidenden Einmündung des French Creek in den Allegheny gelegen, kontrollierte es den weiteren Weg flussabwärts und diente zur Absicherung der französischen Ansprüche zwischen dem Ohio und dem Lake Erie.
Das Herzstück und die Bastion, die den Briten den Zugriff auf das fruchtbare Ohio Tal verwehrte, war allerdings Fort Dusquene. Eine Festung, direkt am Zusammenfluss des Monongahela und des Allegheny gelegen, wo beide Flüsse den Ohio bilden, gebaut nicht aus Holz. Errichtet wie eine Europäische Festung, war dieses steinerne Fort der Garant der französischen Ansprüche über das Ohio Tal
Die Bedeutung dieser Gegend konnte nicht hoch genug eingeschätzt werden. Wer den French Creek und den oberen Allegheny kontrollierte, hielt den Schlüssel zum Ohio und somit den Zugang zum Mississippi-Becken in der Hand. Für die Franzosen war es die einzige Möglichkeit, ihre weit auseinanderliegenden Gebiete in Kanada und Louisiana zu verbinden.
Für die britischen Kolonien, insbesondere Virginia und Pennsylvania, fühlte sich diese Kette aus Forts wie eine Schlinge an, die sich langsam um ihren Hals zuzog. Es waren Sammelpunkte für Wyandot, Shawnee, Lenne Lenape, Mingos und Ottawas, welche von dort aus tief bis nach Pennsylvania und Virginia ihren Schrecken verbreiteten.
In dieser Region war der Wald kein Verbündeter, sondern ein unerbittlicher Wächter. Die Stämme die hier lebten, beobachteten mit wachsendem Misstrauen, wie die Franzosen ihre Pfähle tiefer in den gefrorenen Boden trieben und die Briten von Osten aus immer mehr ihrer ursprünglichen Jagdgebiete besiedelten. Sie wussten, dass jeder neue Posten das Ende ihrer alten Freiheit bedeutete, während die beiden europäischen Mächte sich wie hungrige Wölfe um das Fleisch des Kontinents stritten.
Dieses Land war die Wiege des Konflikts; jeder Tropfen Wasser, der hier aus dem Berg quoll, floss unaufhaltsam der großen Schlacht entgegen, die das Schicksal des Kontinents entscheiden sollte. Und hier, tief in der feindlichen Wildnis beginnt für unsere Protagonisten ihr nächstes Abenteuer, ein Wagnis, was sie an die Grenzen ihrer Belastbarkeit bringen wird. Aber auch die Weichen für die Eroberung der westlichen Ländereien jenseits des Ohio River stellte. Lassen wir das Schicksal entscheiden. Für Gott und König.
Kapitel 1: Vorbereitungen
Der Herbstwind des Jahres 1756 blies kühl und unerbittlich durch die Straßen von Williamsburg, trug das Aroma von feuchter Erde und verrottendem Laub mit sich und schien die drückende Schwere der Nachrichten zu verstärken, die die Kolonien ergriffen hatten. Das lebhafte Treiben der Hauptstadt Virginias, sonst erfüllt vom Klappern der Kutschen und d…
