
Blutige Fährten - Virginia 1756
by Joerg Probst
Nordamerika, 1756. Die Grenze zwischen Zivilisation und Wildnis versinkt im Chaos des Franzosen- und Indianerkrieges. Nach der vernichtenden Niederlage am Monongahela-Fluss ist das Schicksal der Siedler ungewiss. Inmitten dieser blutigen Ära kämpfen die erfahrenen Waldläufer Acton McBride und Samuel Holt gemeinsam mit ihren Mohawk-Verbündeten Tahnee und Awan ums nackte Überleben. Ihr Auftrag unter dem jungen George Washington: Die ungeschützte Grenze Virginias gegen unerbittliche Angriffe der Shawnee und Mingos zu verteidigen. Von den eisigen Tiefen eines gnadenlosen Winters bis hin zu verdeckten Missionen hinter feindlichen Linien am Ohio – jeder Schritt auf ihrem Pfad kann der letzte sein. Als sie einen französischen Stützpunkt in Schutt und Asche legen, entfesseln sie einen Sturm der Vergeltung. Es beginnt eine gnadenlose Jagd durch unwegsame Gebirge und belagerte Forts, die in der historischen Schlacht um Kittanning ihren blutigen Höhepunkt findet. Joerg Probst entwirft ein atmosphärisch dichtes Panorama eines vergessenen Krieges, in dem die Grenze zwischen Freund und Feind so dünn ist wie die Spur im Unterholz. Ein packendes historisches Epos über Mut, Opferbereitschaft und die Geburt einer Nation aus dem Blut des Grenzlandes.
- Historical Fiction
- Adventure
- Western
- Literary Fiction
- Frontier
- Native American
Prolog
Prolog
Westwärts jener mächtigen Erhebungen, welche die Weisen des Landes die Blue Ridge Mountains nennen, erstreckte sich ein unermessliches Gefilde der Wildnis, ein Pantheon der Natur, geziert mit endlosen Wäldern, die ihre tausendjährigen Wurzeln in die ursprüngliche Erde gruben, durchschnitten von reißenden Gewässern, deren klare Fluten noch ungetrübt von der Hand des zivilisierten Menschen waren, und überragt von zerklüfteten Bergkuppen, die wie steinerne Wächter über das unberührte Land wachten. In diesem Paradies des Jägers und Fallenstellens, wo die Luft noch den süßen Duft ungezähmter Freiheit trug, hatten die Roten Männer seit Zeiten, die kein Chronist des weißen Volkes je verzeichnete, ihr Dasein geführt. Sie jagten in diesen heiligen Hainen, wandelten auf Pfaden, die nur ihren geübten Augen sichtbar waren, und kämpften jene ehrenhaften Schlachten, die das Herz eines Kriegers mit Stolz erfüllen. Doch das Vordringen der blassen Gesichter, die wie eine unaufhaltsame Flut aus dem Osten herandrängten, begann das zarte Gleichgewicht, das in dieser Region bestanden hatte, langsam und mit der Beharrlichkeit des fallenden Wassers auf den Stein, zu verändern.
Die mächtigste Vereinigung unter den Ureinwohnern dieses Landstriches waren gewiss jene Menschen, die von den Weißen die Irokesen genannt wurden, ein majestätisches Bündnis aus sechs edlen Stämmen – die Mohawk, stolz und kriegerisch; die Oneida, weise in ihren Ratschlüssen; die Onondaga, Hüter des heiligen Feuers; die Cayuga, bekannt für ihre Redekunst; die Seneca, zahlreich und kühn; und die Tuscarora, die später in den Verbund aufgenommen wurden. Diese formidable Gemeinschaft, die sich selbst Haudenosaunee nannte, oder, wie manche übersetzten, "Das Volk der Langhäuser", hatte über unzählige Sommer und Winter hinweg eine beherrschende Stellung im Nordosten des Kontinents erlangt. Durch eine Mischung aus martialischem Geschick, das an die alten Römer gemahnte, diplomatischer Finesse, würdig der europäischen Höfe, und weitreichenden Handelsbeziehungen hatten sie die Kontrolle über Territorien gewonnen, die weit über ihre ursprünglichen Jagdgründe hinausreichten. Diese Herrschaft erstreckte sich auch über jene Ländereien westlich der Blue Ridge, wo sie durch ein geschicktes Netz aus Bündnissen und, wenn nötig, durch die Demonstration ihrer furchteinflößenden Kriegskunst, andere Stämme unter ihren Einfluss brachten.
Die Irokesen hatten durch eine Folge von Kriegszügen, die mit kalter Berechnung und heißem Mut geführt wurden, und durch politische Finten, die an die subtilsten Schachzüge europäischer Monarchen erinnerten, viele der kleineren Nationen der Region unter das Joch ihrer Herrschaft gezwungen oder zumindest ihre Vorherrschaft anerkennen lassen. Stämme wie die Shawnee, deren Kriegskanus einst frei die Flüsse befuhren; die Delawaren, die sich selbst die Lenni Lenape nannten und deren Ahnen die ersten Menschen gewesen sein sollen, die diese Ufer betraten; und die Mingo, ein abgetrennter Zweig des mächtigen Irokesenstammes selbst – sie alle standen entweder in einem Bündnis mit dem großen Rat der Sechs Nationen oder mussten sich der eisernen Faust ihrer Macht beugen. Selbst Stämme, deren Lagerfeuer in der Ferne des Westens brannten, wie die Miami und Illinois, spürten den langen Schatten, den die militärische Macht der Irokesen warf, gleich einem dunklen Vorzeichen auf dem glänzenden Wasser eines klaren Sees.
Doch während die Irokesen ihre Vormachtstellung mit der Hartnäckigkeit eines Wolfs verteidigten, der sein Revier bewacht, waren sie sich der wachsenden Gefahr bewusst, die von den europäischen Siedlern ausging – jenen blassen Menschen, deren Zahl sich mit der Unerbittlichkeit der Schneeschmelze im Frühling vermehrte. Die Engländer, angeführt von Männern, deren Augen vor Begehrlichkeit funkelten bei dem Anblick der reichen Ländereien jenseits der Berge, drängten von Osten immer tiefer in die Wildnis vor, während die Franzosen, listig und wagemutig, von den nördlichen Gewässern Kanadas aus entlang der Großen Seen und des majestätischen Ohio-Tals nach Süden vorgedrungen waren. Beide europäischen Mächte, gleich Raubvögeln, die über einem Beutetier kreisen, versuchten mit Eifer, die Indianerstämme auf ihre Seite zu ziehen, eine Strategie, die wie ein vergifteter Pfeil neue Spaltungen und Feindschaften zwischen den einst verbündeten Nationen säte.
Die Stämme, die westlich der gewaltigen blauen Bergkette lebten, wie die kühnen Shawnee, die listenreichen Mingos und die stolzen Delaware, befanden sich in einer Lage von besonderer Bedrängnis, gleich einem Hirsch, der zwischen zwei hungrigen Wölfen steht. Auf der einen Seite lauerten die Franzosen, deren Forts wie steinerne Pilze entlang des Ohio-Flusses emporschossen und die mit süßen Worten und glänzenden Geschenken versuchten, diese Stämme gegen die Engländer aufzubringen. Auf der anderen Seite drohten die Engländer, deren Zahl wie die Blätter der Bäume im Sommer wuchs, die in immer größeren Scharen die Grenze überschritten und das Land für sich beanspruchten, ohne Rücksicht auf die Rechte jener, die es seit Jahrhunderten bewohnten. Die Siedler, deren Augen vor Habgier und Abenteuerlust glänzten, betrachteten die Weite des Landes als ein göttliches Geschenk, das nur darauf wartete, in Besitz genommen zu werden, unbekümmert um die uralten Ansprüche der Indianer, die dieses Land als heilige Gabe der Großen Geister ansahen.
Mit jeder Axt, die in den ehrwürdigen Stamm einer alten Eiche schlug, mit jedem Blockhütte, die in einer Lichtung errichtet wurde, wo einst nur der Wind durch die Blätter flüsterte, verschärfte sich der Konflikt wie ein langsam anschwellendes Gewitter am Horizont. In Gefilden, wo einst die flinken Krieger der Shawnee und Delaware ihren Jagdkünsten nachgingen, errichteten nun die Engländer ihre hölzernen Behausungen, rodeten den Wald, der seit Anbeginn der Zeit gestanden hatte, und legten Felder an, wo einst das Wild ungestört äste. Die kristallklaren Bäche, die den Indianern als Quelle des Lebens gedient hatten, wurden nun von gierigen Händen aufgestaut und umgeleitet, gleich als wollte man den natürlichen Lauf der Schöpfung selbst ändern. Die edlen Tiere des Waldes – der majestätische Hirsch, der mächtige Bär, der listige Fuchs – zogen sich immer weiter zurück, als würden sie vor der Ankunft einer neuen Zeit fliehen, einer Zeit des Eisens und des Feuers.
Die Irokesen, die von den Engländern mit einer Mischung aus Respekt und Berechnung als Verbündete und Handelspartner betrachtet wurden, erkannten mit der Weisheit, die ihre Ratsgremien auszeichnete, dass die stetig wachsende Flut der Siedler nicht nur den unterworfenen Stämmen, sondern letztlich auch ihnen selbst zum Verhängnis werden würde. Doch sie befanden sich in einer Zwickmühle, so verzwickt wie die Windungen eines Flusses im tiefen Wald. Einerseits hatten sie durch ihre Allianz mit den Engländern Vorteile im Pelzhandel erlangt und Waffen erhalten, die ihre Macht weiter festigten, andererseits konnten sie das unaufhörliche Vordringen der Siedler, dessen Lärm bereits das Echo in ihren heiligen Wäldern weckte, nicht länger ignorieren, ohne ihr eigenes Schicksal zu besiegeln.
Für die kleineren Stämme jenseits der Appalachen, deren Häuptlinge mit Sorge die Veränderungen in ihrem Land beobachteten, bedeutete die Expansion der weißen Siedler nicht nur den Verlust ihrer angestammten Jagdgründe, sondern das Ende einer Lebensweise, die so alt war wie die Bäume selbst. Sie sahen sich vor die grausame Wahl gestellt, entweder die Hand der Franzosen zu ergreifen, deren Versprechen so glatt wie Otter im Wasser waren, oder zu den Waffen zu greifen und mit der Wildheit des gehetzten Panthers zu kämpfen, um die Siedler zu vertreiben. Immer häufiger hallten die Kriegsschreie durch die entlegenen Täler, wo Farmen in Flammen aufgingen, Siedler fielen oder als Gefangene fortgeführt wurden, um ein ungewisses Schicksal zu erleiden. Es war ein Kampf von äußerster Brutalität, ein Ringen um das nackte Überleben und den Erhalt eines Landes, das die Indianer als ihr Geburtsrecht betrachteten.
In den dichten, geheimnisvollen Wäldern Virginias, den unberührten Weiten Kentuckys und den tiefen Tälern des Ohio-Gebietes lag eine besondere Atmosphäre in der Luft, gleich dem drückenden Gefühl vor einem gewaltigen Sturm – eine Mischung aus banger Erwartung, tiefsitzender Furcht und der stets gegenwärtigen Möglichkeit plötzlicher Gewalt. Die Siedler, deren grobe Hände die Kunst der Kriegsführung an der Grenze schnell erlernten, errichteten wehrhafte Blockhäuser, um sich vor den nächtlichen Überfällen zu schützen, und bildeten Milizen, während die Indianerstämme sich tiefer in die Wälder zurückzogen und mit zunehmender Verzweiflung und Wut auf die Bedrohung ihrer Existenz reagierten. Es war ein letztes, verzweifeltes Aufbäumen gegen die unaufhaltsame Flut der Eroberung, und die Irokesen, Shawnee, Delaware und andere Stämme ahnten in ihren Herzen, dass sich das Schicksal ihrer Völker entscheiden würde, während die Kolonialmächte wie zwei Bären um das reichste Honignest stritten.
Für die Trapper, Waldläufer und Jäger, jene einsamen Gestalten, die wie Geister durch die endlosen Wälder streiften und oft mehr von der Lebensweise der Indianer annahmen als von der ihrer eigenen Vorfahren, war es eine tägliche Herausforderung, in diesem gefährlichen Grenzland zu bestehen. Sie verstanden die Sprache der Wildnis wie kein anderer und begegneten den Indianern, mit denen sie oft in Kontakt kamen, mit einem Respekt, der aus tiefer Kenntnis ihrer Sitten und Bräuche entsprang. Doch auch sie wussten, dass die unerbittliche Ausbreitung der Siedlungen nicht aufzuhalten war, dass die Grenze zwischen der zivilisierten Welt und der Wildnis sich stetig nach Westen verschob, gleich einer langsamen, aber unaufhaltsamen Flut.
Mit jedem weiteren Sonnenaufgang, der neue Siedler in diese Region lockte, verschärfte sich die Lage weiter, bis die unruhige Grenze zu einem Pulverfass geworden war, das nur auf den Funken wartete, der es zur Explosion bringen würde. Und der Krieg, der sich am Horizont abzeichnete wie ein drohendes Unwetter, würde nicht nur über das Schicksal der weißen Siedler entscheiden, sondern auch über das der stolzen Ureinwohner und des gesamten Landes, das sich in seiner majestätischen Schönheit vor ihnen ausbreitete. Und dann, als ob die Vorsehung selbst eingegriffen hätte, entzündete ein einzelner Funke das Pulverfass an einem abgelegenen Ort im westlichen Pennsylvania, der später unter dem Namen Jumonville Glen in die Annalen der Geschichte eingehen sollte.
Die schicksalhaften Ereignisse von Jumonville Glen nahmen ihren Anfang in jenen nebligen Tagen des Frühlings im Jahre des Herrn 1754, als die Spannungen zwischen den britischen und französischen Interessen im üppigen, von Gott gesegneten Ohio-Tal einen gefährlichen Höhepunkt erreichten, gleich zwei Hirschen, die mit gesenktem Geweih aufeinander zustürmen. Die Briten, angeführt von dem ehrgeizigen Gouverneur Dinwiddie von Virginia, einem Mann, dessen Blick so scharf war wie der eines Falken und dessen Herz brennend für die Interessen der Krone schlug, hatten erkannt, dass die französischen Vorstöße entlang der Großen Seen und die zunehmende militärische Präsenz im Ohio-Tal eine unmittelbare Bedrohung für ihre Pläne darstellten. Es sei jedoch nicht verschwiegen, dass der gute Gouverneur auch persönliche Interessen an den unerschlossenen Gebieten jenseits der Blue Ridge Mountains hegte, da er als treibende Kraft hinter der Ohio Company stand, jener Handelsgesellschaft, die diese Ländereien gewinnbringend an neue Siedler zu veräußern gedachte.
Fort Duquesne, eine Bastion, die ursprünglich als bescheidener britischer Handelsposten von William Trent gegründet worden war und nun in den Händen der Franzosen wie ein Dorn im Fleisch der britischen Ambitionen saß, galt als Drehscheibe dieser französischen Expansionsbestrebungen und als steinernes Symbol ihres Anspruchs auf das Land. Um diesem Affront entgegenzutreten, entsandte Gouverneur Dinwiddie mit der Entschlossenheit eines Mannes, der sein Recht verteidigt, eine Truppe britischer Soldaten und lokaler Milizionäre, etwa 160 Mann stark, in das wilde Grenzland – unter dem Kommando eines jungen Offiziers, dessen Name George Washington lautete und der später noch oft in der Geschichte Erwähnung finden sollte.
Washington, ein junger Adliger von kaum zweiundzwanzig Sommern, erblickte in dieser gefährlichen Mission seine Chance, sich in den Augen seiner Vorgesetzten zu beweisen und sich einen Namen zu machen, der Bestand haben würde. An seiner Seite zog eine Gruppe tapferer Virginia-Milizionäre, Männer, die mit der Büchse ebenso vertraut waren wie mit dem Tomahawk, sowie ein Kontingent verbündeter indianischer Krieger, angeführt von Tanacharison, einem Häuptling der Seneca, der auch als der "Halb-König" bekannt war und der die Briten als natürliche Verbündete gegen die verhassten Franzosen betrachtete. Tanacharison, dessen Augen die Weisheit vieler Winter widerspiegelten, hatte seine Gründe für diese Allianz: Die Franzosen hatten sein angestammtes Land besetzt, und er sah in den Engländern, trotz aller Vorbehalte, bessere Verbündete für die Zukunft seines bedrängten Volkes.
Nach einem beschwerlichen Marsch durch das dichte und unbarmherzige Gelände des Allegheny-Plateaus, wo die Pfade oft nur dem geübten Auge des Waldläufers erkennbar waren, schlug Washington sein Lager in der Nähe einer weiten Lichtung auf, die als Great Meadows bekannt war. Die Stimmung unter den Männern war angespannt wie die Sehne eines Bogens vor dem Schuss, und die nächtlichen Geräusche des Waldes schienen Unheil zu verkünden. Die Späher, die wie Schatten durch das Unterholz glitten, berichteten, dass eine Gruppe französischer Soldaten unter dem Kommando von Ensign Joseph Coulon de Villiers de Jumonville etwa zehn Meilen entfernt ihr Lager aufgeschlagen hatte. Diese Männer, so wurde behauptet, hätten den Auftrag, Washington in friedlicher Absicht zur Aufgabe seiner Mission zu bewegen und ihn zum Rückzug zu überreden. Doch Tanacharison, der die Sprache der Franzosen und ihre Hinterlist kannte, warnte Washington mit der Eindringlichkeit eines Mannes, der die Gefahr wittert: Jumonville würde nicht ohne feindliche Absicht tief in britisches Territorium eindringen, wie ein Wolf nicht ohne Hunger in die Nähe der Schafherde kommt. Washington, verunsichert durch die Warnungen der Indianer und seine eigene Furcht vor einem bevorstehenden Überfall, fasste den Entschluss, dem französischen Trupp einen überraschenden Besuch abzustatten, um Gewissheit über ihre wahren Absichten zu erlangen.
Die Nacht war kalt und regnerisch, ein Vorhang aus Nässe und Dunkelheit, als Washington mit einer kleinen Auswahl seiner tapfersten Männer und einigen indianischen Kriegern leise durch das dichte Unterholz schlich, jeder Schritt bedacht, jeder Atemzug kontrolliert. Sie mussten äußerste Vorsicht walten lassen, denn der Regen hatte den Waldboden in eine tückische Falle verwandelt, wo ein unbedachter Tritt einen Mann zu Fall bringen konnte. Als sie das französische Lager in den frühen Morgenstunden des 28. Mai 1754 erreichten, als das erste Licht des Tages kaum die Wipfel der Bäume berührte, lagen die meisten Männer von Jumonville noch in ihren Decken eingehüllt, und einige wenige bereiteten sich auf ein kärgliches Frühstück vor, ahnungslos, dass feindliche Augen sie aus dem Schutz des Waldes beobachteten.
Es ist bis zum heutigen Tage ein Rätsel, welche Hand zuerst die tödliche Kugel abfeuerte, doch die Spannung war in der Luft so greifbar wie der Nebel, der zwischen den Bäumen hing. Tanacharison, der Halb-König, schien fest davon überzeugt, dass die Franzosen eine tödliche Bedrohung darstellten, und er drängte Washington mit der Leidenschaft eines Kriegers, der den Kampf herbeisehnt, zum sofortigen Angriff. Plötzlich durchbrach ein Schuss die morgendliche Stille, hallte durch das Tal wie ein Donner und ließ die Vögel erschrocken aus den Bäumen auffliegen. Die britischen Soldaten, angestachelt durch den ersten Schuss, eröffneten das Feuer, und der kleine Trupp der Franzosen geriet in Panik, wie Rehe, die von Hunden überrascht werden. Jumonville und seine Männer versuchten verzweifelt, sich zu verteidigen, doch sie waren zu überrascht und zu unvorbereitet, um eine wirksame Gegenwehr zu organisieren. Innerhalb weniger Augenblicke, die sich wie eine Ewigkeit dehnten, war der Großteil der Franzosen niedergestreckt oder gefangen genommen worden. Washington, der die chaotische Situation zu kontrollieren versuchte, wurde Zeuge einer Tat, die sein Gewissen für lange Zeit belasten sollte: Tanacharison, möglicherweise getrieben von altem Hass oder dem Wunsch nach Vergeltung für erlittenes Unrecht, trat mit der ruhigen Würde eines Vollstreckers auf den verwundeten Jumonville zu, schwang seine Streitaxt in einem tödlichen Bogen und erschlug den französischen Offizier vor den Augen aller Anwesenden, bevor dieser die Chance hatte, seine Mission zu erklären. Dabei rief er: „Du bist noch nicht tot, mein Vater!“
Diese Tat, so brutal sie auch erscheinen mochte, besiegelte das Schicksal Washingtons und legte den Grundstein für einen Konflikt, der die Welt erschüttern sollte. Die Briten hatten nicht nur einen französischen Trupp angegriffen, sondern auch einen Offizier getötet, der möglicherweise als diplomatischer Abgesandter unterwegs gewesen war, ein Umstand, der nach dem Gesetz der zivilisierten Nationen schwerer wog als der Tod eines gewöhnlichen Soldaten. Washington, der die Tragweite des Geschehenen erkannte, ließ seine Männer das Lager in größter Eile verlassen, um sich auf die unvermeidliche französische Vergeltung vorzubereiten, die so sicher folgen würde wie die Nacht dem Tage.
Die Reaktion der Franzosen auf diese blutige Provokation ließ nicht lange auf sich warten. Der Tod Jumonvilles entfesselte einen Sturm der Vergeltung, angeführt von seinem eigenen Bruder, Captain Louis Coulon de Villiers, einem Mann, dessen Herz vor Trauer und Rachedurst brannte. Washington und seine Männer hatten sich inzwischen nach Great Meadows zurückgezogen, jene offene Fläche, die ihnen zunächst als Lager gedient hatte, und dort in fieberhafter Eile eine provisorische Befestigung errichtet, die Washington mit einer Mischung aus Hoffnung und Verzweiflung "Fort Necessity" taufte. Doch dieses "Fort" verdiente kaum seinen Namen, denn es war wenig mehr als ein dürftiger Wall aus hastig gefällten Baumstämmen und aufgeworfener Erde, umgeben von sumpfigem, wassergetränktem Gelände – eine Position, die jedem erfahrenen Militärstrategen als alles andere als ideal für eine Verteidigung erschienen wäre.
Am Morgen des 3. Juli 1754, als der Himmel seine Schleusen öffnete und unablässiger Regen auf die Erde fiel, erschien de Villiers mit einer überlegenen Streitmacht französischer Soldaten und indianischer Verbündeter in der Nähe von Fort Necessity, seine roten Wangen ein Zeugnis der langen Märsche und der brennenden Entschlossenheit, die ihn antrieb. Der Regen prasselte unerbittlich auf die erschöpften Verteidiger herab, verwandelte den Boden in ein Meer aus Schlamm, in dem die britischen Soldaten bis zu den Knien versanken, als wäre die Erde selbst ihr Feind. Washington, dessen jugendliches Gesicht bereits die Linien der Sorge trug, versuchte mit aller Kraft, seine durchnässten und entmutigten Männer aufzurichten und die Verteidigung zu organisieren, doch der unablässige Regen machte es nahezu unmöglich, die Musketen trocken und einsatzbereit zu halten. Die Soldaten kämpften mit der gleichen Verzweiflung gegen die Elemente wie gegen den menschlichen Feind, der sie umzingelt hatte. Als der Nachmittag kam, verließ auch noch ein Großteil der indianischen Verbündeten, deren scharfe Augen keine Hoffnung auf einen erfolgreichen Kampf sahen, heimlich das Fort, gleich Ratten, die ein sinkendes Schiff verlassen.
Stundenlang hielten die Briten unter dem heftigen Feuer der Franzosen stand, der Donner der Musketen vermischte sich mit dem Grollen des Himmels zu einer infernalischen Symphonie. Doch die Situation war so hoffnungslos wie die eines Hirsches, der von einer Meute Wölfe umzingelt ist. Das sumpfige Gelände, das Washington in seiner Unerfahrenheit für die Verteidigung gewählt hatte, erwies sich als tödliche Falle, denn es verhinderte jede Beweglichkeit und jede Möglichkeit, dem französischen Feuer auszuweichen. Die Männer, deren Körper von der Kälte und Nässe durchdrungen waren wie alte Baumstämme vom Wasser eines Sees, litten unsäglich, und ihre Moral sank mit jedem Regentropfen, der auf sie niederprasselte. Nach einem langen Tag voller Kampf und Leid, als die Dämmerung die Schatten der Bäume verlängerte, erkannte Washington mit der bitteren Weisheit eines Mannes, der seine erste große Niederlage erfährt, dass weiterer Widerstand sinnlos war. Zwei Drittel seiner tapferen Truppe war tot oder verwundet, und den Überlebenden drohte ein ähnliches Schicksal, wenn der Kampf fortgesetzt würde. Mit schwerem Herzen begann er am Abend desselben Tages, Verhandlungen mit dem Feind aufzunehmen.
De Villiers, ein Mann von Ehre trotz seines brennenden Verlangens nach Rache, bot Washington die Möglichkeit zur Kapitulation an, ein Angebot, das unter den gegebenen Umständen einem Geschenk der Vorsehung gleichkam. Doch diese Gnade hatte ihren Preis, denn der französische Kommandant bestand darauf, dass Washington ein Dokument unterzeichnete, in dem er die volle Verantwortung für den Tod Jumonvilles übernahm. Washington, der die Sprache des Dokumentes, das in elegantem Französisch verfasst war, kaum verstand und dessen Geist von der Last der Niederlage beschwert war, willigte in der Hoffnung ein, seine Männer zu retten, und setzte seine Unterschrift unter das Papier – möglicherweise ohne vollständig zu begreifen, dass er damit eine Schuld anerkannte, die weit über seine tatsächliche Verantwortung hinausging und die ihn in den Augen der Welt als einen Mann erscheinen ließ, der einen Friedensboten getötet hatte. Am 4. Juli, einem Tag, der in späteren Jahren noch große Bedeutung für die amerikanische Nation erlangen sollte, zogen sich Washington und seine geschlagenen Männer, deren Stolz so gebrochen war wie ihre Waffen, aus dem Ohio-Tal zurück und überließen Fort Necessity den triumphierenden Franzosen.
Die Schlacht bei Fort Necessity, die demütigende Kapitulation und der Tod Jumonvilles, der wie ein dunkler Schatten über Washingtons früher militärischer Karriere hing, waren die ersten Takte einer größeren, weltumspannenden Melodie des Krieges, die als Siebenjähriger Krieg in die Annalen der Geschichte eingehen sollte. Für Washington selbst, dessen Stern trotz dieser frühen Niederlage noch hoch am Firmament der Geschichte aufsteigen sollte, war dies eine bittere, aber notwendige Lektion über die Kunst der Kriegsführung und den hohen Preis, den Fehler und Fehleinschätzungen in der Wildnis fordern konnten.
Noch Jahre nach diesem schicksalhaften Tag im regendurchnässten Fort Necessity haftete Washington das Stigma des Verlierers und des Auslösers eines internationalen Konflikts an, wie ein Geruch, der sich nicht abwaschen lässt, obwohl dieser Vorfall für die Franzosen natürlich nur ein vorgeschobener Grund war, um ihre eigenen territorialen Interessen in der Region zu unterstreichen und zu rechtfertigen. Der Krieg, der mit diesem kleinen, blutigen Zusammenstoß in den Wäldern Pennsylvanias begann, sollte die Zukunft des amerikanischen Kontinents maßgeblich prägen und Washington auf seinem langen, beschwerlichen Weg zu einem der größten Führer seiner Zeit begleiten – doch die Narben von Jumonville Glen und Fort Necessity würden, gleich Zeichen in seiner Seele, ihn für immer begleiten und an die harten Lektionen erinnern, die er in der Wildnis gelernt hatte.
Im strengen Winter des Jahres 1754, als eisige Winde durch die kahlen Wälder und tief verschneiten Täler Pennsylvanias und Virginias fegten und selbst die wildesten Kreaturen des Waldes Schutz vor der Kälte suchten, formte sich in den Köpfen der britischen Militärführung ein Plan von großer Tragweite. Gouverneur Dinwiddie und die britischen Kommandeure, deren Entschlossenheit durch die Niederlage bei Fort Necessity nicht gebrochen, sondern vielmehr verstärkt worden war, erkannten mit der Klarheit von Männern, die eine große Aufgabe vor sich sehen, dass der französische Einfluss in der Region gebrochen werden musste, um die Sicherheit und Zukunft der Kolonien zu gewährleisten. In den prächtigen Sälen Londons, weit entfernt von den rauen Bedingungen der amerikanischen Grenze, reifte deshalb ein kühner Plan heran: Eine mächtige Expedition sollte die Franzosen im Herzen des Ohio-Tals treffen und das Fort Duquesne – jenes strategische Bollwerk am Zusammenfluss von Monongahela und Allegheny River – einnehmen.
General Edward Braddock wurde dafür von den Briten bestimmt. Ein erfahrener, jedoch von eigenwilligen Methoden geprägter Offizier, dessen militärische Laufbahn an die Schlachtfelder Europas gebunden war. Braddock war ein Mann von disziplinierter Strenge, geformt durch den Drill und die Dogmen der europäischen Kriegsführung. Im Frühjahr 1755, nach einer gefährlichen Überfahrt über den Atlantik, kam er in den Kolonien an, bereit, mit eisernem Willen die französische Bedrohung niederzuschlagen.
Kaum in Virginia eingetroffen, begann Braddock mit den Vorbereitungen für die Expedition. Seine ersten Wochen verbrachte er damit, eine Truppe zusammenzustellen und die Materialien für den Marsch zu organisieren. Es war eine gewaltige Aufgabe, nicht nur wegen der Menge an Proviant und Ausrüstung, die für einen monatelangen Feldzug nötig war, sondern auch wegen der Notwendigkeit, einen Weg durch die fast undurchdringlichen Wälder des Grenzlandes zu schlagen. Es mussten Maultiere, Kanonen und Vorräte herangeschafft werden – die Märsche des britischen Heeres, dachte Braddock, würden nichts an Präzision und Disziplin missen lassen. Doch das raue Gelände war ihm unbekannt, und die Abgeschiedenheit und Weite des Grenzlandes überstieg alles, was er aus den wohlgeordneten europäischen Feldern und Hügeln kannte.
In den Siedlungen und Außenposten Pennsylvanias und Virginias machten bald Gerüchte die Runde: Eine Armee, größer und prächtiger als je zuvor, würde gegen die Franzosen marschieren. Überall entlang der Grenzlinie bereitete man sich darauf vor, die Truppen zu versorgen und zu unterstützen. Kolonisten, Milizen, Jäger und sogar einige verbündete Indianer sollten die Expedition begleiten und dem britischen Heer den Weg weisen.
Der junge George Washington, dem Braddock die Rolle eines militärischen Beraters und Scouts anvertraute, war skeptisch. Er kannte die Härten des Grenzlandes und wusste um die Tücken des Geländes, da er früher schon hier das Land vermessen hatte. Washington versuchte, Braddock davon zu überzeugen, dass die europäischen Taktiken in den Wäldern nicht ohne weiteres umsetzbar waren. Doch der General, stolz und überzeugt von der Überlegenheit britischer Kriegskunst, wischte Washingtons Bedenken beiseite. Braddock wollte nicht hören, dass die Wildnis einen eigenen Krieg verlangte, dass man lernen musste, wie die Indianer zu kämpfen und zu überleben, dass ein Mann in einer roten Uniform in diesen dichten Wäldern so auffällig war wie eine Fackel in der Dunkelheit.
Als die ersten Frühlingstage den Schnee in Matsch verwandelten, sammelte Braddock schließlich seine Truppen bei Fort Cumberland, am Rande der Kolonien. Über vierzehnhundert britische Soldaten, beeindruckend diszipliniert und gut ausgerüstet, verstärkt durch etwa siebenhundert koloniale Milizionäre und ein kleines Kontingent verbündeter indianischer Krieger, standen nun unter seinem Kommando. Die Straßen um das Fort füllten sich mit Wagen, vollgepackt mit Proviant, Munition und Kanonen, und den schwer beladenen Maultieren, die das britische Heer begleiten sollten. Die Männer wärmten sich an den Lagerfeuern, schworen den Sieg und lauschten den Geschichten, die die Abenteurer und Trapper erzählten – von den endlosen Wäldern, den unergründlichen Sümpfen und den kühlen, klaren Flüssen, die sich durch das Grenzland schlängelten.
Während die Truppen sich in Bewegung setzten, stand Braddock hoch zu Ross an der Spitze des Zuges, seine rote Uniform glänzte im ersten Morgenlicht. Washington, der sich als junger Offizier an der Seite von Braddock ritt, beobachtete seine Männer und sorgte sich, dass Braddock die Unbarmherzigkeit der Wildnis unterschätzte. Doch nun gab es kein Zurück mehr.
Tag für Tag schlugen sich die Truppen durch das unwegsame Gelände, fällten Bäume, bauten Brücken und trieben die Wagen über schlammige Pfade. Es ging nur mühselig voran, an manchen Tagen nur wenige Meilen. Die Männer litten unter den Strapazen, doch die Vorfreude und der Stolz hielten sie aufrecht. Die Expedition war ein riskantes Unterfangen, das Braddock zu einer Art Held der Kolonien machen oder ihn mit Schande und Fehlschlägen überziehen könnte.
Und hier geneigter Leser, beginnt unsere Geschichte. Eine Geschichte über zwei Waldläufer, die die Grenze wie kaum ein anderer kannten. Zwei Männer, die zwischen Pflicht und Gewissen zerrissen waren, die Freunde und Feinde auf indianischer Seite hatten. Diese Erzählung folgt den beiden bei ihren Abenteuern im wilden Grenzland des Ohio Tals über das westliche Pennsylvania bis nach New York und den großen Seen.
Kapitel 1: Die Schatten des Monongahela
Der 9. Juli 1755 war ein Tag, der tief in das Gedächtnis der jungen Kolonie eingebrannt werden sollte. Der Weg von Winchester nach dem heutigen Pittsburgh, den General Edward Braddocks Armee im Sommer diesen beschritt, war eine endlose Reihe von Strapazen, die jeden Mann in der Kolonne an die Grenzen seiner Ausdauer trieben. Von den sanften Hügeln …
