Narragansett

Narragansett

by Joerg Probst

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Neuengland, 1675: Ein zerbrechlicher Friede geht in Flammen auf. Während die Siedler der Plymouth-Kolonie ihren Hunger nach Land mit betrügerischen Mitteln stillen, wächst unter den indigenen Stämmen der Widerstand. Inmitten dieses hochexplosiven Pulverfasses stehen zwei Freunde auf unterschiedlichen Seiten der Geschichte: Thomas Eldridge, ein junger Siedler, und Kachon, ein Krieger der Narragansett. Als korrupte Gouverneure durch arglistige Verträge die Existenzgrundlage der Wampanoag vernichten und der Verrat des 'Praying Indian' John Sassamon die Kolonien erschüttert, eskaliert die Gewalt zum King Philip’s War. Thomas wird in die erbarmungslose Miliz gezwungen, während Kachon zwischen der Loyalität zu seinem Volk und der Hoffnung auf Frieden zerrissen wird. In den düsteren Wäldern und blutigen Sümpfen von Rhode Island entfaltet sich ein gewaltiges historisches Panorama. Joerg Probst erzählt mit beeindruckender Tiefe von der Gier der Mächtigen und dem Überlebenskampf einer Kultur. Wenn die Grenzen zwischen Recht und Unrecht verschwimmen, bleibt nur eine Frage: Kann eine Freundschaft den Untergang einer ganzen Welt überdauern? Ein fesselndes Epos über den Verlust der Unschuld in einer Zeit, in der Neutralität zum tödlichen Urteil wird.

  • Literary Fiction
  • Historical Fiction
  • Adventure
  • Multicultural
  • Survival
  • Lost Civilization

Prolog - Eine neue Welt

Im Norden, jenseits der großen Seen und entlang der Flüsse, die sich wie silberne Adern durch das dunkle Grün der Tannen zogen, waren es die Franzosen, die als erste den Fuß in dieses Reich setzten. Sie kamen nicht als Eroberer mit Schwert und Pflug, sondern als Händler und Jesuiten, deren Augen vor dem Glanz der Pelze funkelten und deren Herzen von dem Eifer beseelt waren, Seelen für den wahren Glauben zu gewinnen. In ihren leichten Kanus glitten sie den St. Lawrence hinauf, errichteten hölzerne Forts, die wie einsame Inseln in einem Ozean aus Bäumen thronten, und knüpften Bündnisse mit den Huronen und Algonkin, die auf Tausch und gegenseitigen Nutzen gegründet waren. Die Jesuitenväter, in ihren schwarzen Gewändern und mit dem Kreuz in der Hand, lernten die Sprachen der Eingeborenen, teilten ihre Feuer und predigten von einem Gott, der auch den Roten liebte. „Wir begehren nicht euren Boden, unsere Brüder“, flüsterte Pater Marquette mit sanfter Stimme, während er einem Häuptling ein glänzendes eisernes Messer reichte und dabei dessen Hand mit einer Geste väterlicher Zuneigung umschloss, „wir suchen nur das Heil eurer Seelen und den gerechten Tausch der Gaben des Waldes.“ Es war eine Politik der Durchdringung, listig und anpassungsfähig, die den Indianern ihre Jagdgründe ließ und hinter den süßen Worten der Demut stets den Gewinn der Händler und die Unterwerfung unter das Kreuz suchte. Die Wildnis blieb wild, und die roten Männer behielten ihre Freiheit, solange die Biberpelze flossen und die Gebete emporstiegen.

Ganz anders trieb es die Engländer, die an den felsigen Küsten Neuenglands landeten. Von einem unersättlichen Hunger nach Land und sesshafter Ordnung beseelt, blickten sie auf die endlosen Wälder nicht als Handelsgebiet, sondern als gottgegebenes Eigentum, das nur darauf wartete, gerodet, vermessen und bestellt zu werden. Sie kamen mit Frauen und Kindern, mit Bibeln und Musketen, und ihr Ziel war es, eine neue Welt nach dem Bilde des alten England zu schaffen, rein und gottesfürchtig, frei von den Lastern der Papisten und den Schatten der Heiden. In der Plymouth-Kolonie, wo die Pilgerväter im Jahre des Herrn 1620 an den Ufern des Massachusetts-Bucht strandeten, fand dieses Streben seinen ersten, harten Ausdruck. Die Männer und Frauen, die aus dem Schiff Mayflower stiegen, waren ausgezehrt von der langen Überfahrt und dem furchtbaren Winter, der ihnen wie eine eiserne Faust entgegenschlug. Der Schnee bedeckte die Toten, und der Hunger nagte an den Lebenden, während die Wälder ringsum von den Blicken der Ureinwohner erfüllt waren, die aus dem Schatten der Bäume wachten und warteten.

Es war Massasoit, der große Sachem der Wampanoag, dessen Lagerfeuer am Fuße des Mount Hope brannten, der den blassen Fremden die Hand der Freundschaft reichte. Er war ein Mann von majestätischer Statur, dessen Gesicht die Narben vieler Winter und die Weisheit unzähliger Räte trug. Sein Volk, die Wampanoag, das Volk des ersten Lichts, bewohnte die fruchtbaren Küsten und die bewaldeten Hügel von Pokanoket, und ihre Macht erstreckte sich über zahlreiche kleinere Stämme, die dem großen Rat gehorchten. Massasoit erkannte in den hungrigen Ankömmlingen keine unmittelbare Bedrohung, sondern verzweifelte Seelen, die dem Tod nahe waren. Mit der Großzügigkeit, die den edlen Führern seines Volkes eigen war, schickte er Squanto und andere Kundige, die den Blassen zeigten, wie man den Mais pflanzte, die Bohnen um die Stämme wickelte und den Kürbis in den Zwischenräumen wachsen ließ. Er lehrte sie die Pfade der Hirsche und die Stellen, an denen die Fische im Frühling die Flüsse hinaufstiegen. Ohne diese Hilfe wäre die Saat der Kolonie im harten Frost erfroren, und die Namen der Pilgerväter wären in den Annalen der Geschichte wie Staub im Wind verweht.

Ein Pakt wurde geschlossen, ein Bündnis des gegenseitigen Respekts, besiegelt mit den Worten der Treue und den Geschenken der Freundschaft. Die frühen Gouverneure von Plymouth, Männer wie Bradford und Winslow der Ältere, schwuren ewige Bande, und für Jahrzehnte hielt dieser zerbrechliche Bund. Die Wampanoag und die Engländer lebten Seite an Seite, handelten mit Pelzen und Korn, und in den Ratshäusern von Pokanoket und den Meeting Houses von Plymouth herrschte eine vorsichtige Ruhe. Massasoit, der den Blassen das Leben geschenkt hatte, sah in ihnen Gäste auf dem Land der Ahnen, die man duldete, solange sie die alten Wege ehrten. Doch die Zeit vergeht wie der Fluss, der niemals stillsteht, und mit dem Altern des großen Sachems begann das Fundament zu bröckeln. Eine neue Generation von Siedlern wuchs heran, die das Land nicht mehr als Geschenk der Indigenen betrachtete, sondern als Eigentum, das ihnen von dem Herrn im Himmel zugewiesen war. Ihre Augen funkelten vor Begehrlichkeit, wenn sie die fruchtbaren Ebenen und die reichen Wälder sahen, und sie griffen zu den Ketten aus Eisen, um die Erde zu vermessen, als sei sie ein Stück Tuch, das man zerschneiden und verkaufen konnte.

Die Flut der blassen Gesichter drängte unaufhaltsam nach Westen. Wo einst die Pfade der Jäger verliefen, ertönten nun die Äxte der Holzfäller, und der Rauch der Siedlungen stieg wie dunkle Säulen in den Himmel. Die Wälder wichen den Feldern, und die Schatten der heiligen Haine wurden von den geraden Linien der Pflüge zerschnitten. Die Engländer brachten ihre Gesetze mit, die in Büchern geschrieben standen und die Worte der roten Männer als Windhauch abtaten. Verträge wurden geschlossen, in denen die Meilen nicht nach den Schritten der Ahnen, sondern nach den Seekarten der Seefahrer gemessen wurden, und die Wampanoag, die der Großzügigkeit ihres Sachems vertrauten, merkten zu spät, dass das Land unter ihren Füßen schwand. Die Dankbarkeit der Väter wich der Arroganz der Söhne, die in den Meeting Houses predigten, dass die Heiden dem Teufel dienten und dass es göttliche Pflicht sei, das Licht der Zivilisation in die dunklen Wälder zu tragen, koste es, was es wolle.

Inmitten dieser schleichenden Entfremdung wuchs Massasoits Sohn heran, Metacomet, den die Blassen Philip nannten. Er war noch ein Jüngling, als die ersten Risse sichtbar wurden, und seine dunklen Augen beobachteten mit wachsender Bitterkeit, wie die Versprechen der Treue zu Staub zerfielen. Er sah, wie die Händler der Kolonie Branntwein an die jungen Krieger verkauften, um sie zu schwächen, und wie die Siedler die Jagdgründe seiner Vorfahren mit Zäunen umgaben. Die ursprüngliche Hilfe der Wampanoag, die den Fremden das Überleben geschenkt hatte, erwies sich als das Werkzeug für ihre eigene Verdrängung. Was aus Großzügigkeit gegeben worden war, wurde nun als Recht gefordert, und die Ketten der Vermessung legten sich wie eiserne Schlingen um das Herz des Landes. Metacomet lernte die Sprache der Blassen und ihre Bücher, doch in seinem Herzen brannte das Feuer der Ahnen, und er begriff, dass die Grenze zu einem Pulverfass aus Gier und religiösem Fanatismus geworden war.

Im krassen Gegensatz zu dem französischen Handelsmodell, das den roten Männern eine gewisse Autonomie ließ, stand das britische Siedlermodell als Todesurteil für die indigene Freiheit. Die Franzosen im Norden tauschen und bekehren, aber sie verdrängen nicht; die Engländer im Süden aber pflanzen und besitzen, und wo sie pflanzen, ist kein Platz mehr für die alten Wege. Die Wampanoag, die einst das Land wie ein freies Geschenk der Geister betrachtet hatten, sahen sich nun in die Enge getrieben, zwischen dem heranrückenden Meer der Siedlungen und dem eigenen Stolz, der sich nicht beugen wollte. Die Räte der Ältesten sprachen noch von Frieden, doch in den Lagern der jungen Krieger flüsterten die Stimmen der Rache, und der Wind trug den Geruch von kommendem Blut über die Hügel von Mount Hope.

So stand Neuengland im Schatten der Geschichte, ein Land, in dem die Saat der Freundschaft zu Disteln der Feindschaft aufging. Die unaufhaltsame Flut der blassen Gesichter drängte weiter, vermisste die Erde mit eisernen Ketten und verdrängte die Schatten der Wälder, während Metacomet, der Sohn des großen Massasoit, in der Stille der Nächte den Zorn der Vorfahren in sich wachsen fühlte. Die Grenze war kein Ort des Friedens mehr, sondern ein Pulverfass, bereit, bei dem geringsten Funken in Flammen aufzugehen. Und in den dunklen Wäldern, wo die Eulen riefen und die Flüsse murmelten, wartete die Wildnis auf den Sturm, der kommen musste.

Die Jahre verstrichen, und mit jedem Frühling, der den Schnee schmolz, kamen neue Schiffe über das Meer, beladen mit Siedlern, deren Augen hungrig nach Land suchten. Die Gouverneure der Plymouth-Kolonie, Nachfolger jener, die einst den Pakt mit Massasoit geschworen hatten, sprachen nun von Rechten und Besitz, und ihre Worte waren scharf wie die Klingen ihrer Schwerter. Die Händler, die einst in den Dörfern der Wampanoag willkommen gewesen waren, brachten nun Betrug und Unrecht, indem sie die Unkenntnis der Einheimischen über die europäischen Maße ausnutzten. Seemeilen statt Landmeilen, so raubten sie die Weiten, die den Ahnen heilig gewesen waren, und die roten Männer, die die Erde als lebendiges Wesen ehrten, verstanden zu spät die List hinter den Pergamenten und den Siegeln.

Metacomet, der den Thron seines Vaters bestieg, nach dem Tod des alten Sachems und dem kurzen Regiment seines Bruders Wamsutta, fühlte die Last der Generationen auf seinen Schultern. Er hatte die Großzügigkeit der Väter gesehen und die Undankbarkeit der Söhne, und in seinem Herzen reifte der Entschluss, dass die Zeit des Duldens vorüber war. Die Wälder von Pokanoket hallten wider von den Gesprächen der Krieger, und die Trommeln der Räte schlugen leiser, doch mit einer unterdrückten Kraft, die den Blassen verborgen blieb. Die Franzosen im Norden, mit ihren Forts und ihren Missionen, boten ein Bild der Möglichkeit, wie es anders hätte sein können: Handel statt Raub, Bündnis statt Unterwerfung. Doch die Engländer kannten nur den einen Weg, und ihr Hunger nach Land war wie der Frost im Winter, unerbittlich und zerstörerisch.

So endete die Ära des gegenseitigen Respekts, und die Saat des Konflikts wurde in den Boden gesenkt, der einst von den Händen der Wampanoag und der Pilger gemeinsam bestellt worden war. Die Erkenntnis lastete schwer auf dem Land: Die Hilfe, die den Fremden das Leben geschenkt hatte, war das Mittel ihrer eigenen Vernichtung geworden. Und während die Siedlungen wuchsen und die Glocken der Meeting Houses läuteten, wartete die Wildnis auf den Tag, an dem das Pulverfass entzündet würde, und die Welt, die Massasoit so weise bewahrt hatte, in Blut und Asche versinken sollte.

In den langen Nächten, wenn der Mond über dem Mount Hope stand und die Sterne wie die Augen der Ahnen herabblickten, wanderte Metacomet allein durch die Wälder. Er hörte das Flüstern der Blätter und das Rauschen des Meeres, und in diesen Lauten lag die Stimme seines Vaters, die ihn mahnte, den Stolz nicht zu verlieren. Die Blassen maßen das Land mit Ketten aus Eisen, aber das Herz des Waldes ließ sich nicht in Meilen fangen. Noch war der Funke nicht gefallen, doch die Luft war schwül von der Nähe des Gewitters, und die roten Männer und die weißen standen einander gegenüber, wie zwei Wölfe, die um denselben Knochen ringen. Die Geschichte, die mit der Großzügigkeit eines Sachems begonnen hatte, war im Begriff, sich in einem Sturm aus Feuer und Stahl zu entladen, und die neuen Herren des Landes ahnten nicht, welch furchtbaren Preis ihre Gier fordern würde.

Die Grenzen der Kolonien dehnten sich aus wie die Arme eines unersättlichen Riesen, und mit jedem neuen Vertrag, der in den Hallen von Plymouth besiegelt wurde, schwand ein Stück der Freiheit der Wampanoag. Die jungen Krieger, die unter Metacomet heranwuchsen, lernten die Kunst des Bogens und des Tomahawks, aber auch die Täuschungen der Blassen. Sie sahen, wie die Praying Indians, jene, die den Glauben der Fremden angenommen hatten, zwischen den Welten standen und oft als Werkzeuge des Verrats dienten. Die Welt, die einst ein Pantheon der Natur gewesen war, verwandelte sich in ein Schlachtfeld der Seelen, wo religiöser Fanatismus auf den verzweifelten Überlebenskampf einer verdrängten Kultur traf. Und in diesem Abgrund, der sich zwischen den Völkern auftat, lag der Keim des Krieges, der als King Philip's War in die Annalen eingehen sollte, ein Brand, der die Dörfer der Siedler und die Lager der Indigenen gleichermaßen verschlingen würde.

So stand die neue Welt am Rande des Abgrunds, und die Schatten der Zukunft fielen lang und dunkel über die Hügel von Neuengland. Die Franzosen im Norden setzten ihre Politik des Handels fort, während die Engländer ihren Pflug tiefer in die Erde trieben, unbekümmert um die Blutopfer, die dieser Pflug fordern mochte. Massasoits Erbe, das einst ein Symbol der Hoffnung gewesen war, wurde zum Vermächtnis des Unrechts, und sein Sohn Metacomet trug die Last, diesem Unrecht entgegenzutreten. Die Wildnis hielt den Atem an, und die Geister der Ahnen warteten auf den Ruf der Trommeln, der den Beginn des Endes verkünden sollte.

Der Pakt der Schatten

Der Nebel hing wie ein schweres, feuchtes Laken über dem tiefen Felstal abseits der wachsamen Augen der puritanischen Posten, die wie hölzerne Stachel aus der Grenze der Plymouth-Kolonie ragten. Es war ein schwüler Morgen im Sommer des Jahres 1675, und die Luft trug die drückende Schwere eines herannahenden Unwetters, das sich in den fernen Wipfeln

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