DER WELTENBAUM BLUTET

DER WELTENBAUM BLUTET

Wenn der Weltenbaum blutet, fordert die uralte Tiefe ihr Schweigen zurück

by Marcel Winkler

46 chaptersde

Der Winter dauert drei Monde zu lang, und an den gefrorenen Flanken der Fjorde geschieht das Undenkbare: Eine gewaltige Wurzel des Weltenbaums Ashvala reißt auf. Doch statt goldenem Baumsaft quillt zähflüssiges, pechschwarzes Harz hervor – das unheilvolle Zeichen, dass die Urkraft Vorn unter den Fundamenten der Welt erwacht. Die junge Seherin Ásvör wird seit dem Ertrinken ihres Bruders im Packeis von unerbittlichen Schuldgefühlen gequält. Als sie erfährt, dass das uralte Bündnisritual ihrer Ahnen vor sechzig Wintern unvollendet blieb, fasst sie einen folgenschweren Entschluss. An der Seite ihrer verschwiegenen Mentorin Eydís bricht sie ins schneeverwehte Landesinnere auf, um die zersplitterten Klans der Fjordleute, Waldfährtenleser, Dvergar-Schmiede und Eisriesen zu einen. Doch die Zeit verrinnt unbarmherzig. Während ein verzweifelter Nordjarl die Fäulnis nutzen will, um sein hungerndes Volk zu unterwerfen, begreift Ásvör die bittere Wahrheit: Das Band der Neun Zeilen verlangt keinen Sieg durch die Klinge. Um Ashvala zu heilen, muss sie dem Ungeheuer in der Tiefe seinen wahren Namen schenken – und den schwersten persönlichen Preis entrichten, den eine Seherin zahlen kann.

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Kapitel 1

I

n jenem Winter, der drei Monde zu lange blieb, roch das Langhaus am Morgen nach kaltem Rauch und nassem Fell, und Ásvör Kaldursdóttir lag noch eine Weile reglos unter der Decke, bevor sie sich der Kälte stellte. Durch die Ritzen der Dachbalken fiel kein Licht – es war noch zu früh dafür –, aber sie hörte ihre Mutter bereits an der Feuerstelle hantieren, das Kratzen des Holzlöffels gegen den Topfrand, ein Klang, der so verlässlich war wie der Herzschlag des Hauses selbst.

Das Langhaus war zu groß für sie geworden. Früher hatte es nach zu vielen Menschen gerochen, jetzt roch es nach zu wenigen – nach dem Platz an der Wand, an dem einmal Kolbeins Schlafmatte gelegen hatte und den niemand wieder benutzt hatte, obwohl das Holz dort noch genauso glatt war wie überall sonst.

Sie zog sich an, ohne Licht zu brauchen; sie kannte jeden Handgriff im Dunkeln. Erst als sie sich die Wolljacke über die Schultern legte, glitt ihre Hand, wie jeden Morgen, kurz unter das Hemd, dorthin, wo die eiserne Ahnenkette gegen ihr Brustbein lag. Kalt. Immer kalt, so früh am Tag. Sie ließ die Hand einen Atemzug lang liegen, dann zog sie sie zurück, als hätte sie sich an etwas erinnert, das sie nicht denken wollte.

„Du bist wach.“ Ihre Mutter stand mit dem Rücken zu ihr, rührte in der dünnen Hafergrütze, die seit dem Ende des Herbstes ihr tägliches Brot ersetzte. „Iss, bevor du zu Eydís gehst.“

„Ich habe keine Zeit.“

„Du hast Zeit.“ Ihre Mutter drehte sich um, und für einen Moment lag in ihrem Gesicht dieselbe Sorge, die Ásvör seit drei Wintern kannte – nicht die laute, sichtbare Trauer der ersten Monde, sondern die stille, die sich in jede Geste eingegraben hatte wie Frost in Holz. „Du hast immer Zeit zu essen, Ásvör.“

Es war kein Streit, den sie führen wollten, also setzte sich Ásvör kurz hin, aß drei hastige Löffel, während ihre Mutter sie beobachtete, wie man ein Boot beobachtet, das man selbst nicht mehr steuern kann. Es war seit Kolbein so. Seit jener Nacht war jeder Abschied, und sei er noch so klein, zu einem Ereignis geworden, das ihre Mutter mit den Augen festhielt, als könnte der Blick allein verhindern, dass wieder jemand nicht zurückkehrte.

Ásvör stand auf, küsste sie auf die kalte Wange, und trat hinaus, bevor die Stille zwischen ihnen zu schwer werden konnte.

Draußen hing die Kälte so dicht über Hraivik, dass jeder Atemzug sichtbar wurde, kleine weiße Fahnen, die sich auflösten, kaum dass sie entstanden waren. Der Fjord lag schwarz und reglos zwischen den Bergen, eine Haut aus Eis darüber, die erst gegen Mittag zu singen begann, wenn die Sonne kurz über den östlichen Grat kletterte und wieder verschwand, als hätte sie es sich anders überlegt.

Sie folgte dem schmalen Pfad zwischen den Häusern, vorbei an Netzen, die zum Trocknen aufgehängt waren und nun wie erstarrte Spinnweben in der Dunkelheit hingen. Rauch stieg gerade und dünn aus den Dachlöchern; selbst das Feuer schien in dieser Kälte müde geworden zu sein. Ein Hund hob den Kopf, als sie vorbeiging, musterte sie mit halb geschlossenen Augen und legte sich wieder hin.

Am Versammlungsplatz, wo im Sommer die Ratsfeuer brannten, stand nur noch ein einzelner Pfosten mit geschnitzten Ahnenzeichen, halb unter einer Schneewehe begraben. Im Frühling würde man ihn freilegen, die Zeichen neu bemalen, den Toten des vergangenen Jahres ihre Plätze zuweisen. Ásvör wusste bereits, welches Zeichen für Kolbein dazukommen würde. Sie hatte es selbst geschnitzt, im ersten Winter, mit Händen, die noch nicht wussten, wie man Trauer in Holz schneidet, ohne sich dabei zu schneiden.

Am Ende des Pfades teilte sich der Weg. Der eine Arm führte hinunter zur Anlegestelle, wo die Boote wie schlafende Tiere unter ihren geteerten Persenningen lagen. Der andere folgte dem Ufer, dorthin, wo das Eis vor drei Wintern gebrochen war.

Sie nahm, wie jeden Morgen, den Weg zur Anlegestelle.

Ihre Füße kannten den Umweg, ohne dass sie ihn denken musste. Es war kein bewusstes Vermeiden mehr, nur ein Muster in ihren Schritten, so verlässlich wie die Gezeiten – und doch, an Tagen wie diesem, wenn der Frost so tief war, dass selbst die Erinnerung fror, spürte sie es wieder deutlicher: das Wissen, dass sie in jener Nacht geschlafen hatte, während die Zeichen sich veränderten, und dass niemand außer ihr das je erfahren würde, solange sie es nicht selbst aussprach.

Eydís erwartete sie an der Feuerstelle vor ihrem Haus, einer kleinen Grube aus geschwärzten Steinen, in der sie Wacholderzweige verbrannte, deren Rauch nach Harz und altem Schnee roch. Sie war eine schmale Frau, deren Alter sich nicht an ihrem Gesicht ablesen ließ, sondern an der Art, wie sie sich bewegte: bedächtig, als koste jede Bewegung ein Stück Silber, das sie sich gut überlegen musste auszugeben.

„Du bist spät“, sagte sie, ohne aufzusehen.

„Die Sonne ist noch nicht da.“

„Die Sonne war vor einer Stunde da. Du hast nur nicht hingesehen.“ Eydís stand auf, klopfte sich den Schnee von den Knien und musterte ihre Schülerin mit dem Blick, den Ásvör seit drei Jahren kannte – prüfend, aber nie unfreundlich, als suchte sie in ihr nach etwas, das sie selbst einmal verloren hatte. „Zeig mir den Stein.“

Es war ihre übliche Übung, bevor sie überhaupt losgingen: ein flacher Kiesel, den Eydís ihr reichte, glatt vom Wasser, mit feinen weißen Frostadern darauf. „Was sagt er dir?“

Ásvör schloss die Finger um den Stein, ließ den Atem langsamer werden, so wie sie es gelernt hatte – nicht, indem sie etwas suchte, sondern indem sie aufhörte, etwas zu wollen. Die Frostadern begannen, sich unter ihren Fingerspitzen zu verändern, nicht wirklich, nur in der Art, wie sie sie wahrnahm, als würden sie sich zu einem Muster ordnen, das mehr war als Zufall.

„Kälte, die kommt, bevor der Mond wechselt“, sagte sie schließlich. „Und … Besuch. Von Süden.“

Eydís nahm ihr den Stein wieder ab, drehte ihn zwischen den Fingern, und zum ersten Mal an diesem Morgen huschte etwas wie Zufriedenheit über ihr Gesicht. „Besser. Vor einem Jahr hättest du nur die Kälte gefunden.“ Sie steckte den Kiesel in die Tasche ihres Mantels. „Aber Steine lügen selten und sagen wenig. Heute gehen wir zum Fels. Es ist Zeit, dass du wieder liest, was er zu sagen hat.“

Sie gingen schweigend, wie es sich für den Weg zum Runenfels gehörte – Eydís hatte ihr das früh beigebracht, dass man sich dem Fels nicht mit losem Mundwerk näherte, so wie man auch keinen Ältesten mit Geschwätz begrüßte. Ásvör war zwölf gewesen, als Eydís sie zum ersten Mal zu sich gerufen hatte, wenige Wochen nach Kolbeins Tod, als die meisten im Dorf noch glaubten, sie täte es aus Mitleid. Erst später hatte Ásvör verstanden, dass Mitleid nichts war, das Eydís sich leisten konnte. Hraivik hatte nur eine Sjáandi, so wie jeder Klan nur eine hatte, und Eydís' Haar war schon damals mehr grau gewesen als dunkel. Jemand musste nachfolgen, bevor es zu spät war – und ein Kind, das gelernt hatte, jedes Zeichen doppelt zu prüfen, weil es einmal eines übersehen hatte, war leichter zu formen als eines, dem nie etwas genommen worden war. Das hatte ihr niemand so gesagt. Aber Ásvör war es früh klar geworden, und sie hatte es nie für Grausamkeit gehalten. Nur für die Wahrheit, mit der man in Hraivik lebte.

Der Runenfels lag eine knappe Meile landeinwärts, dort wo der Boden anstieg und die Fichten dichter wurden. Der Stein selbst war nicht groß, kaum höher als ein Mann, aber aus seiner Mitte brach eine Wurzel hervor, grau und geädert wie ein Arm, der sich aus der Erde streckte. Alle in Hraivik wussten, dass sie zu Ashvala gehörte, auch wenn niemand von ihnen je den Weltenbaum selbst gesehen hatte. Es hieß, seine Wurzeln reichten unter jedes Land, das die fünf Völker ihr eigen nannten, und an Stellen wie dieser traten sie ans Licht, um denen, die zuhören konnten, von dem zu erzählen, was unter der Erde geschah.

Schon von weitem hatte Ásvör das Gefühl, dass etwas an der Luft anders war – schwerer vielleicht, oder einfach stiller, als es ein gewöhnlicher Wintermorgen im Wald sein sollte. Selbst die Fichten, die sonst unter der Schneelast ächzten, schwiegen, als hielten sie den Atem an.

Eydís kniete sich als Erste hin, legte, wie sie es immer tat, eine kleine Locke Wolle und drei Wacholderbeeren in eine Mulde am Fuß des Steins, und murmelte etwas in der Alten Zunge, das Ásvör nach drei Jahren noch immer nur in Bruchstücken verstand. Ein Gruß. Eine Bitte um Erlaubnis. So hatte man es ihr erklärt: Man fragte den Baum, bevor man ihn las, so wie man einen Alten fragte, bevor man sich zu ihm setzte. Manchmal, wenn der Wind günstig stand, glaubte Ásvör, in Eydís' Stimme ein Zittern zu hören, das nichts mit der Kälte zu tun hatte – als spräche sie nicht nur zu Ashvala, sondern auch zu etwas in sich selbst, das um Vergebung bat für eine Schuld, die älter war als Ásvörs eigenes Leben.

Für gewöhnlich sickerte aus den feinen Rissen der Rinde ein Harz, hell wie Bernstein, das man in Hraivik Ashvalas Tränen nannte. Man sammelte es in kleinen Fläschchen, verrieb es an Feiertagen auf der Stirn der Kinder, verbrannte es, wenn jemand starb, als Geleit für die Seele. Es war selten mehr als ein paar Tropfen im Mond, und jeder Tropfen war ein kleines Geschenk.

Was Ásvör an diesem Morgen sah, war kein Geschenk.

Der Riss, der im Herbst noch kaum breiter gewesen war als ein Fingernagel, klaffte jetzt so weit, dass sie die Fingerspitzen hineinlegen konnte, ohne die Ränder zu berühren. Und aus ihm quoll kein Bernstein. Es war schwarz, dickflüssig, und es bewegte sich falsch – nicht wie Harz, das langsam der Schwerkraft folgt, sondern mit einem eigenen, trägen Willen, der sich die Rinde entlangzog wie etwas, das nach einem Weg nach draußen suchte.

Sie trat einen Schritt zurück, bevor sie es selbst bemerkte.

„Móra.“ Ihre Stimme kam dünner heraus, als sie beabsichtigt hatte.

Eydís war schon neben ihr, und für einen Herzschlag sagte sie nichts. In diesem Schweigen hörte Ásvör etwas, das sie noch nie von ihrer Lehrerin gehört hatte: den Klang von Atem, der angehalten wird, weil man Angst hat, was das Ausatmen bestätigen würde.

„Rühr es nicht an“, sagte Eydís schließlich, und ihre Hand legte sich um Ásvörs Handgelenk, fester, als nötig gewesen wäre.

„Ich wollte nicht –“

„Ich weiß.“ Eydís kniete sich vor den Fels, so nah, dass ihr Atem den Riss streifte, und ihre Lippen bewegten sich lautlos, in der Alten Zunge, in Worten, die Ásvör noch nicht gelernt hatte. Es klang wie ein Name. Es klang, auf eine Art, die Ásvör nicht benennen konnte, wie eine Entschuldigung.

Dann veränderte sich das Geräusch des Waldes.

Es war kein Wind, kein Tier, das durchs Unterholz brach. Es war ein Ton, tief unter der Hörschwelle, den Ásvör eher in den Zähnen spürte als in den Ohren – ein langes, dumpfes Dehnen, als würde irgendwo, sehr weit weg und doch direkt unter ihren Füßen, etwas Großes den Rücken strecken. Die Fichten um sie herum standen vollkommen still. Kein Nadelzweig bewegte sich. Nur der Boden schien für einen Moment zu atmen.

Und in diesem Moment – kurz, viel zu kurz, um sicher zu sein, dass sie es wirklich gesehen und nicht nur das gefürchtet hatte, wovor sie sich seit drei Wintern fürchtete – glaubte Ásvör, im schwarzen Harz etwas aufblitzen zu sehen. Keine Gestalt, kein Gesicht. Nur den Eindruck, beobachtet zu werden, aus einer Tiefe, die kein Auge haben sollte. Für einen Wimpernschlag war sie nicht mehr am Runenfels. Sie stand auf dem Eis, dort, wo es drei Winter zuvor gebrochen war, und irgendwo unter ihr rief eine Stimme, die sie zu spät gehört hatte. Sie hörte das Knirschen ihrer eigenen Schritte auf dem Weg zur Schlafmatte, in jener Nacht, taub vor Müdigkeit nach einem langen Tag am Netz. Sie hörte nicht das andere Knirschen, das drei Meilen entfernt begann und sich durchs Eis fraß wie ein Wort, das niemand mehr zurücknehmen konnte.

Dann war es vorbei. Der Wald atmete wieder gewöhnlich. Ein Vogel, den die Stille vertrieben hatte, ließ sich erneut in den Zweigen nieder, als sei nichts geschehen.

Eydís stand auf. Ihr Gesicht hatte die Farbe von alter Asche.

„Er blutet“, sagte sie, so leise, dass Ásvör näher treten musste, um es zu verstehen. „Ashvala blutet, Kind. Nicht mehr nur ein Riss. Er blutet.“

„Was bedeutet das?“, fragte Ásvör, obwohl sie die Antwort schon halb kannte und sie nicht hören wollte.

Eydís antwortete nicht sofort. Sie band das Wolltuch fester um den Kopf, mit Händen, die nicht ganz ruhig waren, und sah noch einmal zu dem Riss hinüber, als müsste sie sich vergewissern, dass er tatsächlich dort war und nicht nur in ihrer Furcht. „Es bedeutet, dass wir weniger Zeit haben, als ich gehofft hatte“, sagte sie schließlich. „Komm. Nicht hier.“

Sie gingen. Hinter ihnen, unbeobachtet, sickerte das schwarze Harz weiter aus der Rinde, langsam, gleichmäßig, wie etwas, das es nicht eilig hatte, weil es wusste, dass ihm die Zeit gehörte.

Sie sprachen auf dem Rückweg kaum. Ásvör hielt sich dicht hinter Eydís, während ihre Gedanken ihr vorausliefen und wieder zurückkehrten wie ein Hund, der die Fährte verloren hat und sie doch nicht aufgeben will. Sie dachte an Kolbein. Sie hatte es sich verboten, in den vergangenen Monden, aber jetzt kam es ungebeten: das Knacken des Eises, das sie im Schlaf gehört und für einen Traum gehalten hatte, bis es keiner mehr gewesen war.

Nicht wieder, dachte sie. Was auch immer das ist – ich werde nicht noch einmal zu spät hinsehen.

Am Rand des Dorfes trafen sie auf Torfinn, einen der Fischer, der mit zwei Eimern zum Fjord hinunterging und ihnen im Vorbeigehen zunickte. „Kalter Morgen für einen Spaziergang, Móra.“ Er meinte es als Scherz, aber Eydís erwiderte den Blick nicht, und Ásvör sah, wie sich etwas in seinem Gesicht verschob, ein kurzes Zögern, als hätte er etwas gespürt, das er nicht benennen konnte, bevor er weiterging, schneller als zuvor.

Erst als die ersten Dächer von Hraivik zwischen den Bäumen auftauchten, sprach Eydís wieder.

„Was du heute gesehen hast, sagst du niemandem. Noch nicht.“

„Aber der Jarl muss es wissen. Die anderen Klans –“

„Werden es erfahren, wenn ich weiß, was ich ihnen sagen soll.“ Eydís blieb stehen, drehte sich zu ihr um, und zum ersten Mal, seit Ásvör sie kannte, sah sie in den Augen ihrer Lehrerin etwas, das echte Furcht war, nicht die gespielte Strenge einer Prüferin. „Ein Riss ist ein Zeichen, Ásvör. Blut ist eine Warnung. Wenn wir jetzt das Falsche tun – wenn wir zu früh schreien oder zu spät –, wird es niemanden mehr geben, der noch etwas zu sagen hat.“

„Was tun wir dann?“

Eydís schwieg so lange, dass Ásvör zu glauben begann, sie würde gar nicht antworten. Dann sagte sie: „Wir gehen zu den Runensteinen im Norden. Zu den Aldrafolk. Wenn jemand in Vinnmark weiß, was ein blutender Weltenbaum bedeutet, dann sie – und wenn selbst sie es nicht wissen, dann wissen wir wenigstens, dass wir wirklich allein sind.“

„Das sind zehn Tage zu Fuß. Vielleicht zwölf, wenn der Pass bei Skarnhøg noch verschneit ist.“

„Dann brechen wir auf, sobald du bereit bist, und nicht einen Tag später.“ Eydís sah sie an, und in ihrem Blick lag zum ersten Mal etwas, das keine Prüfung mehr war, sondern etwas, das Ásvör fast für Vertrauen hielt. „Du wirst mitkommen. Nicht, weil ich es dir erlaube, sondern weil ich es ohne dich nicht mehr lesen kann, was dort zu lesen sein wird.“

Es war das größte Lob, das Eydís ihr je gemacht hatte, und es erreichte sie mit derselben Kälte wie alles andere an diesem Morgen.

Den Rest des Tages verbrachte Ásvör damit, so zu tun, als sei nichts geschehen – eine Kunst, die sie in drei Jahren als Sjáandi-Schülerin fast so gut gelernt hatte wie das Lesen von Runen. Am Brunnen, wo die Frauen sich mit ihren Eimern drängten, hörte sie, ohne zuzuhören, von einem Handelsboot, das tags zuvor aus Svartvik gekommen war, mit leeren Laderäumen und Männern, die aussahen, als hätten sie den Winter schon zweimal überstanden. Ihre Ernte war wieder verdorben, hieß es, die dritte in Folge, und der Jarl dort – Ulfrik, dessen Namen man in Hraivik nur mit einem bestimmten Unterton aussprach – habe zwei seiner Söhne dem Hunger begraben müssen, ohne dass die alten Götter auch nur ein Zeichen der Gnade gegeben hätten.

„Manche sagen, er opfert schon wieder“, flüsterte eine der Frauen, und eine andere machte ein Zeichen gegen das Unglück, bevor sie das Thema wechselte, so wie man in Hraivik alles wechselte, was zu groß war, um es vor dem Mittag zu verstehen.

Hraivik und Svartvik hatten sich nie gemocht, nicht seit dem Streit um die Fischgründe vor zwei Generationen, aber Hunger machte aus alten Streitigkeiten neue Ängste. Wenn Svartvik hungerte, würden sie irgendwann an die Türen der Nachbarn klopfen – mit Booten oder mit Schwertern, das würde sich zeigen.

Ásvör hörte zu, während sie Wasser schöpfte, und dachte an den Riss im Fels, an das Schwarz, das floss, wo Bernstein hätte fließen sollen, und zum ersten Mal fragte sie sich, ob das, was unter Svartviks Feldern lag, und das, was unter dem Runenfels blutete, wirklich zwei verschiedene Wunden waren – oder nur zwei Stellen derselben.

Erst spät in der Nacht, als das Haus um sie herum eingeschlafen war und nur das Feuer noch leise arbeitete, holte sie die Ahnenkette unter dem Hemd hervor und hielt sie so, dass das letzte Glühen der Glut sich darin spiegelte. Sie dachte nicht an Worte. Sie dachte an das Gewicht des Eisens in ihrer Hand, daran, wie leicht es war, verglichen mit dem, was es bedeutete, und daran, dass sie in dieser Nacht, zum ersten Mal seit drei Wintern, nicht vorhatte zu schlafen, bevor sie sicher war, dass sie nichts überhörte.

Ihre Mutter schlief nicht, das wusste sie an dem Geräusch ihres Atems, das eine Idee zu gleichmäßig war, um echt zu sein. Sie rief nicht nach ihr. Ásvör tat, als bemerke sie es nicht, aus Rücksicht, die beide brauchten.

Sie wusste nicht, was sie in den Runensteinen des Nordens finden würden, noch ob die Aldrafolk überhaupt bereit wären, mit Menschen zu sprechen, die nicht ihresgleichen waren. Aber sie wusste, dass sie am Morgen aufbrechen würde, ohne zu zögern, und dass sie zum ersten Mal seit drei Wintern das Gefühl hatte, etwas zu tun, anstatt nur zu überleben.

Draußen, weit entfernt und doch näher, als es der tiefste Winter erlauben sollte, meinte sie, für einen Atemzug, das Eis singen zu hören.

Kapitel 2

Am Morgen, als der Himmel noch keine Farbe hatte außer jenem Grau, das dem Schnee seine eigene Helligkeit lieh, stand Ásvör am Tor des Langhauses und wog die Last ihres Bündels in der Hand, als könnte sie damit auch das Gewicht dessen abschätzen, was vor ihr lag. Getrocknetes Fischfleisch, ein zweites Paar Wollsocken, ihr Messer, der flache Übungsk…

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