
Das Schweigen von Apokoronas
Ein Kreta-Krimi über alte Schuld, tödliches Schweigen und die Abgründe einer Familie
by Oliver Hilkens
Ein Toter im Olivenhain. Eine Familie, die schweigt. Ein Geheimnis, das seit Generationen unter der kretischen Sonne vergraben liegt. Thomas Kleinschmidt reist mit seiner Frau Stavroula nach Apokoronas, um endlich ihre weit verzweigte Verwandtschaft kennenzulernen. Zwischen silbrig schimmernden Olivenbäumen und herzlicher Gastfreundschaft scheint der Aufenthalt ein friedvoller Sommer zu werden. Doch als Kostas Sfakianakis tot in einem abgelegenen Teil der Plantage aufgefunden wird, zerbricht die Idylle. Thomas, ein ehemaliger Kriminalbeamter aus Deutschland, kann nicht anders, als Fragen zu stellen. Gemeinsam mit Stavroula beginnt er zu ermitteln und stößt auf eine Mauer aus Schweigen, die dicker ist als die alten Steinmauern der venezianischen Dörfer. Jeder in der Familie hat etwas zu verbergen: der Patriarch, der das Ansehen des Clans um jeden Preis schützen will. Die verbitterte Schwester mit ihrer jahrzehntealten Wut. Die eifersüchtige Witwe, deren Tränen zu schnell versiegen. Und ein korrupter Landentwickler, der es auf das Olivenland abgesehen hat. In einem Netz aus Missgunst, alter Schuld und gefährlicher Gier müssen Thomas und Stavroula erkennen, dass der Mörder aus den eigenen Reihen stammt. Und dass die Wahrheit alles zerstören wird, was die Familie über Generationen aufgebaut hat. Doch während die Ermittlungen tiefer in die Vergangenheit reichen, vertieft sich auch ihre eigene Beziehung — inmitten von Gefahr, Trauer und der unerbittlichen Hitze Kretas.
- Mystery
- Crime Fiction
- Erotica
- Murder Mystery
- Small Town Mystery
- Detective Story
Ankunft im Schatten der Oliven
Der Wagen war ein geliehener Citroën, staubig von der Fahrt durch die weißen Dörfer, und er rumpelte über die Schotterpiste, als hätte die Straße längst aufgegeben, eine zu sein. Thomas Kleinschmidt fuhr langsam. Er hatte die Fenster heruntergekurbelt, und die Luft, die hereindrang, roch nach Thymian, heißem Stein und etwas Älterem, das er nicht benennen konnte.
Stavroula saß neben ihm und schwieg. Sie hatte auf dem Flughafen von Chania noch gelacht, aber seit sie die Küstenstraße verlassen hatten und ins Landesinnere abgebogen waren, war ihr Gesicht stiller geworden. Er kannte dieses Gesicht. Es war das Gesicht, das sie machte, wenn sie etwas in sich hineinfraß, weil es zu früh war, es auszusprechen.
Er legte ihr die rechte Hand auf den Oberschenkel, knapp oberhalb des Knies, und ließ sie dort liegen. Der Stoff ihrer Leinenhose war warm von der Sonne, die durch die Windschutzscheibe fiel. Sie legte ihre Hand auf seine, ohne hinzusehen.
»Alles in Ordnung?«, fragte er.
»Ich weiß nicht.« Sie drehte den Kopf zum Fenster. »Es ist nur so lange her. Und sie sind so viele.«
Er drückte leicht zu. »Wir müssen nicht bleiben, wenn es nicht passt.«
»Natürlich müssen wir bleiben.« Sie sagte es ohne Bitterkeit, nur mit einer Müdigkeit, die er von den wenigen Malen kannte, an denen sie über ihre kretische Familie sprach. Es war eine Müdigkeit, die aus Pflichtgefühl bestand und aus Liebe und aus etwas, das er als Deutscher vielleicht nie ganz verstehen würde.
Die Olivenhaine zogen sich jetzt endlos zu beiden Seiten der Straße hin, silbergrün und knorrig, Baum neben Baum neben Baum. Manche Stämme waren so alt und zerfurcht, dass sie aussahen wie versteinertes Fleisch. In der Ferne, über dem Dunst der Mittagshitze, standen die Weißen Berge, deren Gipfel noch eine dünne Schneehaube trugen, obwohl es Mai war.
»Siehst du den Hügel dort?« Stavroula zeigte nach links. »Dahinter fängt das Land von Kostas an.«
Thomas folgte ihrem Finger. Ein flacher Hügel, terrassiert, mit einer kleinen Steinhütte auf der Kuppe. Er sah nichts Ungewöhnliches, aber Stavroulas Stimme hatte einen Beiklang bekommen, den er nicht einordnen konnte.
»Kostas Sfakianakis«, sagte er. »Dein Onkel zweiten Grades?«
»Der Mann meiner Tante Polyxeni. Aber alle sagen Onkel.« Sie zögerte. »Er war immer still. Wenn wir als Kinder zu Besuch kamen, saß er meistens draußen auf der Mauer und rauchte. Er hat nie viel geredet.«
»Das klingt nicht nach einem schlechten Menschen.«
»Nein. Das war er auch nicht. Nur...« Sie brach ab.
»Nur?«
»Nur traurig. Auf eine Weise, die ich als Kind nicht verstanden habe.«
Der Citroën holperte über eine Bodenwelle, und vor ihnen tauchte das Dorf auf. Apokoronas. Ein Dutzend weißgekalkter Häuser, eine kleine Kirche mit blauer Kuppel, ein Kafenion unter einer Platane, dessen Plastikstühle um diese Zeit leer standen. Dahinter dehnten sich die Haine, endlos, ein Meer aus Grün und Grau und Staub.
Thomas parkte vor einem zweistöckigen Haus, das größer war als die übrigen. Eine Bougainvillea rankte sich über das Eingangstor, deren Blüten in der Hitze leuchteten wie ein lila Feuer. Die Fensterläden waren geschlossen. Vor der Tür stand eine hagere Gestalt in dunkler Arbeitskleidung und einer abgewetzten Lederweste, die Hände in den Taschen vergraben.
»Das ist er«, sagte Stavroula leise.
Kostas Sfakianakis kam auf sie zu, als sie ausstiegen. Er war mittelgroß, drahtig, mit einem Gesicht, das aussah wie gegerbtes Leder. Tiefe Falten um die Augen, graumeliertes Haar, ein dichter grauer Schnurrbart. Er schüttelte Thomas die Hand mit einem Griff, der trocken und fest war und sich anfühlte wie altes Holz.
»Willkommen in Apokoronas«, sagte er. Sein Griechisch war rau und vom kretischen Dialekt gezeichnet. »Die Reise war lang?«
»Nicht so lang«, antwortete Stavroula. Sie küsste ihn auf beide Wangen. »Es ist gut, wieder hier zu sein, Onkel Kostas.«
Er lächelte, aber das Lächeln erreichte seine Augen nicht ganz. »Deine Mutter hat geschrieben. Kommt rein. Polyxeni hat Essen gemacht.<«
Das Innere des Hauses war kühl und roch nach Olivenöl und gebratenem Lamm. Der Esstisch war gedeckt für eine ganze Kompanie, mit Tellern, die aussahen, als seien sie seit Generationen im Besitz der Familie, und Gläsern, die im Kerzenlicht funkelten. Kerzenlicht. Jemand hatte Kerzen aufgestellt, obwohl es draußen noch hell war.
Und dann kam die Familie.
Nikolaos Kitsakis betrat den Raum als Letzter, aber die Wirkung war die gleiche, als wäre er als Erster gekommen. Ein hochgewachsener, hagerer Mann mit schlohweißem Haar und einem gepflegten Vollbart, auf einen silberbeschlagenen Gehstock gestützt, der mehr Statussymbol als Gehhilfe war. Seine hellblauen Augen hefteten sich auf Thomas mit einer Intensität, die fast körperlich spürbar war.
»Der Deutsche«, sagte er. Keine Frage. Eine Feststellung.
»Thomas Kleinschmidt«, sagte Thomas und streckte die Hand aus. »Ich freue mich, Sie kennen zu lernen, Herr Kitsakis.«
Der alte Mann ergriff seine Hand, und sein Griff war überraschend kräftig für jemanden, der auf einen Stock angewiesen war. »Sie sprechen Griechisch.«
»Ich habe es gelernt.«
»Das höre ich.« Nikolaos ließ seine Hand los und wandte sich Stavroula zu. Sein Gesicht wurde weicher, aber nur um eine Nuance. »Stavroula. Du bist dünn geworden. Isst du in Deutschland nichts?«
»Ich esse genug, Onkel Nikolaos.« Sie küsste ihn auf die Wange, und Thomas sah, wie sie dabei die Luft anhielt.
Die anderen kamen nach und nach. Eleni Kontogiannis, die Schwester von Kostas, eine kleine, ausgedörrte Frau in schwarzer Witwenkleidung, deren Haar zu einem strengen Knoten gebunden war. Sie musterte Stavroula von oben bis unten und sagte mit einer Stimme, die nach verstecktem Gift klang: »Ach, Liebes, du siehst ja aus wie eine Ausländerin. Fast hätte ich dich nicht erkannt.<«
Polyxeni Vardoulakis, die Witwe von Kostas — wobei Thomas erst später begriff, dass sie noch gar keine Witwe war — stand am Kopf des Tisches in einem teuren, dezenten Trauerkleid, das zu schön war für ein bloßes Abendessen. Sie war hochgewachsen und hielt sich aristokratisch, und als sie Thomas die Hand gab, waren ihre Finger kühl und trocken.
»Willkommen in unserem Haus«, sagte sie. »Kostas hat sich sehr auf Ihren Besuch gefreut.«
Thomas warf einen Blick zu Kostas hinüber, der am Fenster stand und auf die Olivenhaine hinausstarrte, als wäre er gar nicht im Raum. Auf seinem Gesicht lag ein Ausdruck, den Thomas aus seinen Jahren bei der Kripo kannte. Es war der Ausdruck eines Mannes, der etwas zu verbergen hatte und nicht gut darin war, es zu verbergen.
Und dann war da noch Zoi Tzanakis. Sie platzte herein, als hätte sie auf ein Stichwort gewartet, eine rundliche Matrone mit einem roten Gesicht und weißen lockigen Haaren unter einem bunten Kopftuch, die Armreifen klimperten bei jeder Bewegung. »Ah, die Jungen!«, rief sie und umarmte Stavroula, ohne zu fragen. »Setzt euch, setzt euch, das Essen wird kalt, und der Wein auch, und ich habe so viele Fragen, dass ich nicht weiß, wo ich anfangen soll!«
Das Abendessen zog sich hin. Thomas aß und trank und beantwortete Fragen über Deutschland, über seine Arbeit, über seine Familie, und die ganze Zeit über spürte er Stavroulas Unruhe neben sich wie eine zweite, stille Anwesenheit. Sie lächelte, sie redete, sie war höflich — aber unter dem Tisch lag ihre Hand auf seinem Knie und krallte sich bei jeder neuen Frage ein wenig fester.
Nikolaos Kitsakis erzählte von den Olivenhainen, von der Geschichte der Familie, von der Ehre, die das Land bedeutete. Er sprach in Sätzen, die klangen wie Bibelverse. Kostas sagte kaum etwas. Er aß, er nickte, er starrte auf seinen Teller, und einmal, als Zoi eine Frage über die Ernte stellte, zuckte er zusammen wie unter einem Schlag.
Später, als sie sich endlich in ihr Zimmer zurückgezogen hatten, schloss Stavroula die Tür und lehnte sich mit geschlossenen Augen dagegen. Das Zimmer war klein und einfach, ein Doppelbett mit weißer Bettwäsche, ein alter Holzschrank, ein Fenster, das auf die Olivenhaine hinausging. Die Zikaden sangen.
»Sie spüren alle etwas«, sagte sie. »Ich weiß nicht, was es ist, aber es ist da. Wie ein Riss in der Wand, den jemand mit einem Bild überhängt.«
Thomas trat zu ihr und nahm ihr Gesicht in beide Hände. »Du bist müde. Wir sind den ganzen Tag gereist.«
»Es ist nicht die Müdigkeit.« Sie öffnete die Augen und sah ihn an. »Es ist etwas in diesem Haus. Etwas, das nicht stimmt.«
Er küsste sie auf die Stirn, dann auf den Mund. Er wollte sie beruhigen, aber als ihre Lippen sich unter seinen öffneten, wurde aus der Beruhigung etwas anderes. Sie erwiderte den Kuss mit einer Dringlichkeit, die ihn überraschte, ihre Finger gruben sich in seinen Nacken.
»Thomas«, flüsterte sie.
Er führte sie zum Fenster, ohne den Kuss zu unterbrechen. Draußen lag der Olivenhain im letzten Licht, silbern und reglos, und die Berge waren nur noch ein dunkler Schatten gegen den Himmel. Er küsste ihren Hals, ihre Schlüsselbeine, während seine Hände die Knöpfe ihrer Bluse öffneten. Sie lehnte sich gegen das Fensterbrett, den Kopf in den Nacken gelegt, und das letzte Abendlicht fiel auf ihre nackte Haut.
Er zog sie zum Bett hinüber und legte sie auf die weiße Bettwäsche. Sie sahen sich an, und in ihren haselnussbraunen Augen lag etwas, das er nicht ganz lesen konnte — Verlangen, ja, aber auch eine tiefe, fast verzweifelte Zärtlichkeit, als müsste sie sich vergewissern, dass er wirklich da war, dass sie wirklich da waren, dass das Hier und Jetzt mehr Gewicht hatte als die seltsame Schwere, die im Rest des Hauses hing.
Er liebte sie langsam. Er nahm sich Zeit mit ihren Brüsten, mit ihrem Bauch, mit der Innenseite ihrer Schenkel, und als er in sie eindrang, schloss sie die Augen und bog ihm den Rücken entgegen, und ihre Hände krallten sich in die Laken. Sie bewegten sich im gleichen Rhythmus, leise, als wollten sie niemanden wecken, obwohl die Wände dick waren und die Fenster geschlossen. Ihre Orgasmen kamen fast gleichzeitig, und danach lag sie auf seiner Brust, verschwitzt und schwer, und draußen sangen die Zikaden immer noch.
»Ich spüre etwas Dunkles hier«, flüsterte sie in die Stille. »Etwas, das schon lange da ist und nie ausgesprochen wurde.«
Thomas strich ihr über das Haar und sagte nichts. Er hatte in seinen Jahren bei der Polizei gelernt, dass alte Häuser immer Geheimnisse hatten, und dass Familiengeheimnisse die hartnäckigsten waren. Aber das war morgen auch noch Zeit, das herauszufinden.
Er schloss die Augen und hörte auf die Zikaden und auf Stavroulas Atem, bis der Schlaf kam.
Der Fund im Olivenhain
Der Schrei kam mit der ersten richtigen Hitze des Tages, als die Sonne gerade über die Weißen Berge kroch und das Silber der Olivenblätter in stumpfes Grau verwandelte. Thomas hatte schlecht geschlafen. Stavroula war irgendwann in der Nacht aufgestanden und ans Fenster getreten, und sie stand dort als schmale Silhouette gegen das Mondlicht, bevor …

