
Norma - Nicht mal die Sonne
Zwei Welten, eine Sehnsucht: Zwischen Berliner Bühnenruhm und arktischer Einsamkeit
by UBre Bremn
Berlin in den goldenen zwanziger Jahren: Der gefeierte Arzt und Dramatiker Max Mohr erobert mit seinem Theaterstück über den verschollenen Polarflieger Ramper die intellektuelle Welt im Sturm. Doch während Mohr zwischen dem Glanz der Metropole, der Idylle auf dem bayerischen Löblhof und den heraufziehenden Schatten des Nationalsozialismus nach Halt sucht, erzählt seine Dichtung ein radikales Gegenleben. Sein Protagonist Ramper, nach einem Flugzeugabsturz im grönländischen Packeis verwildert und zur Zirkusattraktion degradiert, sehnt sich unerbittlich nach der weißen Stille zurück. In der feinfühligen Arztgattin Norma findet er eine Vertraute, die bereit ist, alles aufs Spiel zu setzen, um ihm die Rückkehr in die absolute Freiheit zu ermöglichen. Als Mohrs eigene Existenz durch Verfolgung und erzwungenes Exil in das zerbombte Shanghai zerbricht, verschmelzen Dichtung und Realität zu einem ergreifenden Ringen um Würde und Erlösung. „Norma - Nicht mal die Sonne“ ist ein sprachgewaltiger, atmosphärisch dichter Roman über die Sehnsucht nach Reinheit in einer zerstörerischen Epoche.
- Literary Fiction
- Historical Fiction
- Adventure
- Character Study
- Roaring Twenties
- Survival
Gefrorene Schreie
Das Weiß besaß keine Kontur mehr. Es fraß die Ränder des Horizonts, schluckte jede Vorstellung von Tiefe und hinterließ nur die nackte, schneidende Kälte. Im verbogenen Rumpf der zerschellten Maschine pfiff der Wind durch die Nietlöcher der aufgerissenen Duraluminium-Wände. Packeis drückte von den Seiten gegen das Wrack, knirschend, zentimeterweise, als wollte das ewige Eis den Fremdkörper aus Stahl und Menschenfleisch vollends zermahlen. Dämmerung kroch über die arktische Ödnis, ein giftiges, fahles Blau, das keinen Trost spendete.
Ramper saß auf den Trümmern des Haupttanks. Seine Hände steckten in faulig riechenden Fäustlingen, die er vor Wochen aus den Bezügen der Pilotensitze genäht hatte. Unter der verkrusteten Schicht aus Schnee und Eisbrand bewegten sich seine Finger kaum noch. Jeder Atemzug schmerzte in der Lunge wie geriebenes Glas. Er hob den Blick zu Ipling. Der Maschinist lag zusammengerollt zwischen zwei Spanten, halb begraben unter einer zerschlissenen Plane, die einst das Leitwerk bedeckt hatte.
„Ipling“, stieß Ramper hervor. Seine Stimme klang brüchig, ein rostiges Schleifen in der Kehle. „Trink den Rest Tran. Du musst die Kehle ölen, sonst friert dir die Zunge fest.“
Der Maschinist regte sich träge. Sein Gesicht war ein einziges Trümmerfeld aus schwarzem Schorf und grau verfärbtem Fleisch. Die Lippen waren aufgeplatzt, verklebt von getrocknetem Blut und schleimigem Auswurf. Das Zahnfleisch, vom Skorbut zerfressen, hatte sich fast vollständig von den lockeren Zähnen zurückgezogen. Wenn Ipling sprach, roch es nach Verwesung, nach dem fauligen Niedergang eines Körpers, der seine eigene Substanz aufzehrte.
„Lass gut sein, Käpt’n“, murmelte Ipling mühsam. Seine stahlblauen Augen, einst voll trockenem Humor, lagen tief in den Höhlen, umkränzt von rot entzündeten Lidern. „Der Tran schmeckt nach altem Maschinenöl. Krieg keinen Schluck mehr runter.“
Ramper kroch näher heran. Das Leder seiner Stiefel war steif gefroren; seine Beine schmerzten dumpf, als stünden sie in flüssigem Blei. Er nahm Iplings Kopf auf seine Knie. Der Schädel des Gefährten wog nichts mehr, ein Beutel aus Knochen und gespannter, fleckiger Haut. Seit drei Wochen gab es nichts mehr zu essen. Sie hatten das Leder der Instrumentenverkleidung gekocht, hatten an verrosteten Konservendosen geleckt, bis die Zungen bluteten. Nun war da nur noch der heulende Schneesturm draußen, der wie eine Herde hungriger Wölfe um das Wrack strich und jede Hoffnung auf Rettung zunichte machte.
„Wir halten durch“, sagte Ramper, doch die Worte starben in dem ohrenbetäubenden Dröhnen des Windes. „Sobald der Sturm nachlässt, marschieren wir nach Süden. Zum Südostkap. Da liegen die Walfänger.“
Ipling lächelte matt, ein grausiges Verziehen der blutunterlaufenen Mundwinkel. „Keine Märchen, Ramper. Nicht jetzt. Meine Beine sind tot. Riechst du das nicht? Das Brandige steigt schon hoch. Bis in den Bauch.“
Ramper wendete den Kopf ab. Er roch es wohl. Der Gestank von Brandwunden und absterbendem Gewebe füllte die enge Höhle des Flugzeugwracks, vermengte sich mit dem metallischen Hauch von Flugbenzin und dem eisigen Geruch von Schnee. Ein plötzlicher Schwindel erfasste Ramper. Es war nicht bloß der Hunger. Es war das schwere, lautlose Ticken des Wahnsinns, das sich hinter seiner Stirn eingenistet hatte. Ein Drängen in den Schläfen, das ihn anschrie, die Kleider vom Leib zu reißen, ins Weiß hinauszulaufen und sich in die Wechten fallen zu lassen, bis das Frieren aufhörte.
Ein kurzer, scharfer Schmerz riss ihn zurück. Ipling hatte nach seinem Handgelenk gegriffen. Die Finger des Maschinisten waren steif wie Treibholz, die Nägel blau geschwärzt.
„Bleib da“, flüsterte Ipling. Sein Atem ging stoßweise, flach und rasselnd, als zöge er Wasser durch ein enges Rohr. „Lass mich nicht allein, wenn das Licht ausgeht.“
***
Das britische Kriegsgefangenenlager Bevois in Southampton roch nach feuchtem Kalk, kaltem Kohl und ungewaschenem Drillich. Max Mohr lag bäuchlings auf der harten Holzpritsche der Offiziersbaracke, die Ellenbogen auf das raue Holz der Bettumrandung gestützt. Ein stumpfer Bleistiftstummel glitt über das bräunliche Makulaturpapier, das er einem der Wachposten gegen zwei Rationen Tabak abgetauscht hatte.
Das monotone Kratzen der Graphitspitze auf dem Papier war das einzige Geräusch, das den Lärm in seinem Kopf übertönen konnte. Doch wenn er für einen Herzschlag innehielt, drängten die Bilder mit brutaler Wucht zurück: Der stinkende Schlamm der Somme, der faulige Brei aus Leichenteilen und zerschossenem Lehm, in dem die Verwundeten wie Ertrunkene um sich schlugen. Das grelle Aufblitzen der Artilleriegranaten, das Zerreißen von Sehnen und Knochen, das wimmernde Röcheln junger Rekruten, deren Eingeweide auf dem Verbandsplatz aus den zerrissenen Uniformen quollen. Mohr schloss fest die Augen, presste die Stirn gegen das Holz, bis die Splitter schmerzten. Seine Finger krampften sich um das Holz des Stifts. Wieder schrieb er weiter, hastig, wild, als hinge sein Verstand an jeder einzelnen Linie.
Die schwere Holztür der Baracke flog auf und knallte gegen die Balkenwand. Nasse Zugluft fegte herein, begleitet vom fernen Signalton eines Patrouillenbootes auf dem Solent. Werner Vogel stürmte herein, den feuchten Wollmantel über der Schulter, das Gesicht gerötet vor Aufregung.
„Max! Hör auf zu brüten, Mensch!“, rief Vogel mit seiner klaren, dröhnenden Stimme. Er sprang mit zwei Schritten an die Pritsche und schlug mit der flachen Hand auf das Bettgestell.
Mohr fuhr zusammen, blinzelte hinter seiner runden Brille hervor und strich sich eine verfilzte Haarsträhne aus der Stirn. „Werner, um Himmels willen. Du ruinierst mir den letzten Bogen.“
„Zum Teufel mit dem Bogen, wir kriegen neue! Ganze Ballen davon!“, sprudelte es aus Vogel heraus. Seine Augen leuchteten im fahlen Licht der Petroleumlampe. „Der Lagerkommandant hat zugestimmt. Ich war gerade bei Major Campbell. Wir dürfen spielen, Max! Wir haben die Erlaubnis, eigene Dramen aufzuführen. Wir bauen eine Bühne in der alten Exerzierhalle!“
Mohr starrte seinen Kameraden an. Das Hämmern in seinen Schläfen verlangsamte sich. „Eine Bühne? Für wen denn? Für die Tommies?“
„Für uns!“, rief Vogel und zog Mohr an den Schultern von der Pritsche hoch. Mohr sprang auf, überwältigt von der Wucht der Nachricht, und die beiden Männer fielen einander in die Arme. Sie rochen nach Gefangenschaft und billigem Tabak, doch in diesem Augenblick zählte nur der Riss im grauen Einerlei des Lagers. Vogel packte Mohr bei den Oberarmen und schüttelte ihn sanft.
„Du musst schreiben, Max“, beschwor Vogel ihn mit ernstem Blick. „Hörst du? Nicht bloß diese kleinen Notizen. Bring das Ganze aufs Papier. Den Schlamm, die Angst, das Grauen da draußen. Wenn du es hier drinnen aufschreibst, gehört es nicht mehr den Schützengräben. Dann machst du Kunst daraus. Das rettet dir den Kopf, mein Junge. Es rettet uns alle.“
Mohr setzte sich langsam wieder auf die Bettkante. Seine Hand zitterte leicht, als er den Bleistift aufhob. Die Geräusche von den Schlachtfeldern, das dumpfe Dröhnen der Minenwerfer, das Schreien der Sterbenden – mit einem Mal verstummten sie vor der Stille des Papiers. Er sah Vogel an, nickte stumm und setzte die Spitze wieder auf das Blatt. Das Schreiben war keine Flucht; es war das einzige Bollwerk gegen die Finsternis, die ihn zu verschlingen drohte.
***
Im grönländischen Wrack gab es keine Worte mehr. Nur noch das Tosen des Sturms, der das Aluminium vibrieren ließ wie eine gigantische Stimmgabel. Die Kälte kroch unbarmherzig tiefer, zog durch Kleidung und Haut bis in das Mark der Knochen.
Ramper hielt Ipling eng an seine Brust gepresst. Er spürte, wie der Körper des Maschinisten zusehends erschlaffte, wie die krampfhafte Spannung aus den Gliedern wich. Ein schaudernder Ruck fuhr durch Iplings Brustkorb. Das Rasseln in seiner Kehle brach plötzlich ab. Ein langer, dünner Hauch entwich den blutigen Lippen, bildete eine kleine Wolke aus feinen Eiskristallen in der frostigen Luft und löste sich im Halbdunkel auf.
„Ipling?“, flüsterte Ramper.
Keine Antwort. Der Kopf des Gefährten sackte schwer zur Seite, die offenen, glanzlosen Augen starrten ins Nichts der zerstörten Kabine. Die Wange, die Ramper mit seinen tauben Fingern berührte, war bereits so kalt wie das Metall um sie herum.
Ramper saß reglos da. Das Schweigen, das nun eintrat, war ohrenbetäubender als jeder Sturm. Es war das Schweigen einer Welt, die keinen Raum für Menschen ließ. Eine absolute, unberührte Taubheit breitete sich in Rampers Brust aus. Die Trauer kam nicht als Träne; sie fror fest, bevor sie entstehen konnte. Langsam zog er Iplings schlaffe Arme über der Brust zusammen und deckte das zerschundene Gesicht mit dem Rest der Plane ab.
Er erhob sich mühsam. Seine Prothesen und die abgestorbenen Nerven in den Beinen schmerzten nicht mehr. Ein dumpfes Taubheitsgefühl hatte Besitz von ihm ergriffen. Ramper trat an den offenen Spalt der Laderampe, stieß das verbogene Blech mit der Schulter auf und trat hinaus in den tosenden Mahlstrom des Schnees.
Draußen gab es kein Oben und kein Unten, kein Gestern und kein Morgen. Nur das wütende Brüllen des Windes über endlosen Eisfeldern. Ramper riss den Mund auf. Aus seiner heiseren Kehle brach kein menschliches Wort hervor, kein Klagen, kein Gebet. Ein rauer, tierhafter Schrei stieg aus seiner Brust auf, gellend, wild und fremd, ein Naturlaut, der im Geheul des Orkans verhallte. Er war allein. Die Zivilisation war hinter dem Horizont versunken, und das ewige Eis hatte ihn aufgenommen.

